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„Don’t Worry Darling“: Der schöne Schein trügt

Im feministischen Psychothriller von Olivia Wilde fängt Florence Pugh als Alice an, ihr perfektes Leben an der Seite von Ehemann Jack zu hinterfragen. Hält der Film, was er verspricht?

Perfekte Welt? Alice (Florence Pugh) und Jack (Harry Styles) scheinen ihr Glück gefunden zu haben.
Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures

Alice führt ein perfektes Leben. Die Beziehung zu Ehemann Jack ist von Leidenschaft und Sex anstelle eines anstrengenden Familienlebens mit Kindern geprägt. Sie leben unter Palmen in einer pittoresken Gemeinde. Die Sonne scheint jeden Tag. Während die Männer zur Arbeit gehen, trinken die Frauen in hübschen Kleidchen Cocktails am Pool. Trotzdem zweifelt Alice an ihrem perfekten Leben – mit fatalen Folgen.

Olivia Wilde (38) war sofort von Alice‘ Geschichte in „Don’t Worry Darling“ begeistert, erinnerte sie sich in zahlreichen Interviews in den vergangenen Monaten zurück. Der Film ist ihre zweite große Regiearbeit. Laut der Schauspielerin, die selbst in einer Nebenrolle zu sehen ist, sei es ein „feministischer Psychothriller“, der „weibliche Lust“ zelebrieren und ein patriarchisches System kritisieren soll. Nicht nur aufgrund dieser Prämisse hat der zweistündige Streifen hohe Erwartungen zu erfüllen. Nachdem die Schlagzeilen und Skandale rund um die Darsteller in den vergangenen Monaten den eigentlichen Thriller zu überschatten drohten, stellen sich viele die Frage: Wird der Film dem Presserummel gerecht?

Ein (zu) perfektes Leben droht zu zerfallen

Für Florence Pugh (26) ist es die erste Hauptrolle in einem großen Hollywoodfilm, nachdem sie bereits im Indie-Horrorfilm „Midsommar“ und später in der Neuverfilmung von „Little Women“ brilliert hat. Wenig überraschend überzeugt die 26-Jährige auch in der Rolle der Alice, die das perfekte Leben an der Seite von Jack, gespielt von Harry Styles (28), anzweifelt.

Wie einige andere Paare gehören Jack und Alice zu den glücklichen Auserwählten, die in der „Victory“-Siedlung leben. Die in einer Wüste errichtete Gemeinde wirkt nicht nur stilistisch in den 50er-Jahren angesiedelt. Auch die Geschlechterrollen erinnern an diese Zeit. Die Männer arbeiten, die Frauen kümmern sich derweil um den Haushalt. Jack und die anderen Ehemänner fahren jeden Tag in die Victory-Projektzentrale fernab der Gemeindegrenzen und arbeiten dort an der „Entwicklung progressiver Materialien“. Das sagen sie zumindest ihren Frauen. Denn was sie dort genau tun, um Ehefrauen und Familien ein Leben in Komfort und Luxus zu ermöglichen, ist streng geheim.

Im Gegenzug erwarten sie von ihren Frauen Unterstützung und Liebe. Während diese ein Leben zwischen Ballettstunden und Shoppingtrips genießen, sollen sie die Ziele und Arbeit von Victory-CEO und Visionär Frank (Chris Pine) nicht hinterfragen und die Siedlung nie verlassen. Denn hinter der vermeintlich perfekten Fassade lauert ein unbekanntes Unheil. Das wird Alice klar, als sich Nachbarin Margaret unerlaubter Weise mit ihrem Sohn fernab der Grenzen der Victory-Anlage aufhält. Margaret kehrt anschließend völlig verstört und ohne ihren Sohn zurück. Als Alice anfängt das Paradies ebenfalls zu hinterfragen, wird sie von Alpträumen und Wahnvorstellungen heimgesucht. Stimmt wirklich etwas nicht mit Victory oder verliert Alice den Verstand?

„Black Swan“ trifft auf 50er-Jahre-Utopie

Ab der ersten Szene lässt „Don’t Worry Darling“ das Kinopublikum in eine andere Welt abtauchen. Es zieht die Zuschauer in den Rausch und Optimismus einer 50er-Jahre-Utopie. Die bunten Kostüme, die Musik des Oscar-nominierten Komponisten John Powell (59) sowie die fantastische visuelle Darstellung des Paradieses in der Wüste schaffen eine Stimmung, für die allein sich der Kinobesuch bereits lohnt. Alice‘ zunehmende Wahnvorstellungen, die sich meist in Spiegelszenen und düsteren Balletttänzen abstruser Horrorgestalten äußern, bilden einen krassen Kontrast zu den Aufnahmen sonniger Idylle. Doch diese Szenen verlieren durch ihre häufigen Wiederholungen im Laufe des Films Kraft sowie Gänsehautfaktor. Einige Zuschauerinnen und Zuschauer dürften diese Szenen außerdem an andere Filme wie „Inception“ oder „Black Swan“ erinnern. Wenig überraschend, dass der zweifach Oscar-nominierte Kameramann Matthew Libatique (54) diese Szenen einfing. Er stand auch für den Psychothriller mit Natalie Portman hinter der Kamera.

Aufgrund der sich stetig wiederholenden Szenen, die an andere Blockbuster erinnern, verliert „Don’t Worry Darling“ auf halber Strecke an Drive sowie Originalität. Während mittlerweile sowohl Hauptfigur Alice als auch jedem Zuschauer bewusst sein dürfte, dass hier etwas nicht stimmt, vergeht sehr viel Zeit, bis der Film sein großes Rätsel auflöst. Diese Lösung kommt zum Ende des Films mit einer unerwarteten Wucht in Form eines bitterbösen Plottwists. Allerdings weist dieser bei genauerer Betrachtung einige Logikfehler auf. Während das perfekte Paradies „Victory“ droht zusammenzustürzen, transformiert der Thriller in den letzten Metern mit weiteren Enthüllungen zum blutigen Actionfilm. Dabei werden die letzten offenen Fragen etwas zu schnell und schlampig abgefrühstückt. Am Ende lässt der Film das Kinopublikum außer Atem und verwirrt zurück.

Viel gewollt, nicht ganz gekonnt

Es ist bedauerlich, dass der Film so an vielem ankratzt, aber nicht ganz überzeugend verkaufen kann. Denn die Metapher, die „Don’t Worry Darling“ zu erzählen versucht, ist eine wichtige: In einer von Männern kreierten und regierten Welt werden Frauen, die das System hinterfragen, als verrückt erklärt. Besonders interessant daran ist, dass der Film nach dem Ideal der 50er-Jahre konzipiert wurde. Damit kritisiert der Film nicht nur das Rollenbild der damaligen, sondern auch der heutigen Zeit. Er beleuchtet die Idee eines perfekten Lebens, die bis heute in vielen Köpfen vorherrscht, aber nur nach männlichen, veralteten Standards gezeichnet wird. Olivia Wilde bezeichnete die Utopie von „Victory“ im Interview mit „Variety“ als „Paradies, definiert von der hauptsächlich monogamen, misogynen Medienlandschaft und Welt, in der wir aufgewachsen sind“. Interessanterweise sehe ihre persönliche Idee vom Paradies ähnlich aus wie die im Film. „Meine Version des Paradieses ist sehr nostalgisch und stammt tatsächlich aus einer Welt, die mir als Frau überhaupt nicht dient.“

Ursprünglich wollte Wilde selbst die Rolle der Alice übernehmen. Doch ihr gefiel die Idee, dass Jack und Alice ein jüngeres Paar sein sollten. Diese Entscheidung hat dem Film rückblickend sehr gut getan, da es die Frische von Florence Pugh und Harry Styles ist, die dem Psychothriller den nötigen Schwung in teils langatmigen Szenen gibt. Styles schafft es zwar in seiner zweiten Filmrolle mit Jack keinen dreidimensionalen Charakter aufzubauen – wobei dahingestellt sei, ob dies im Sinne des Films beabsichtigt war. Doch sein Charme als perfekter Ehemann kombiniert mit Pughs Wechsel aus freudesprühender Liebhaberin und verzweifelnder, emanzipierter Frau ergeben eine aufregende Kombination, die den Film trotz seiner Makel sehenswert macht.

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