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Martin Bruchmann: „Ich hatte keine Zeit für einen Absturz“

Martin Bruchmann ist ein echtes Ausnahmetalent. Neben der Schauspielerei veröffentlicht er seit 2020 auch Musik. Sein Leben hätte auch anders enden können, schließlich wuchs er nach traumatischen Erlebnissen im Kinderheim auf.

Schauspieler und Sänger Martin Bruchmann veröffentlicht seine Debüt-EP und den Musik-Kurzfilm "Wer wär ich heute, wenn ich damals nicht gegangen wär".
Foto: Sasha Ilushina

Martin Bruchmann (33) ist ein echtes Multitalent. Der Schauspieler, der schon bei „Schloss Einstein“, „Notruf Hafenkante“ und im „Tatort“ zu sehen war, veröffentlicht am 25. November seine Debüt-EP und den Musik-Kurzfilm „Wer wär ich heute, wenn ich damals nicht gegangen wär“. Einen Tag darauf ist er Teil des „anti.HELDEN“-Festivals in Darmstadt. Der 33-Jährige, der im Teenageralter freiwillig in ein Kinderheim gezogen ist, verarbeitet seine Erlebnisse heute mit seiner Musik. Der Nachrichtenagentur spot on news verrät der Künstler, was ihn bis heute herausfordert und wie die Musik ihm dabei hilft, seine Vergangenheit zu verarbeiten.

Ihre EP heißt „Wer wär ich heute, wenn ich damals nicht gegangen wär“. Woher haben Sie damals die Kraft und den Mut genommen, mit 13 Jahren Ihr Elternhaus zu verlassen und in einem Kinderheim Schutz zu suchen?

Martin Bruchmann: Es fiel nicht leicht, diesen Schritt zu gehen. Steht man vor solch einem Schritt – ob als Teenager oder als Erwachsener – schafft es der Körper den Mut aufzubringen und jegliche Sorgen und Ängste auszuschalten. Letztlich möchte ich das auch mit der EP und vor allem mit meinem Song „Dreizehn“ sagen: Egal woher du kommst, egal in welcher schwierigen Situation du dich befindest, egal welchen Weg du für dich vorbestimmt siehst: Du kommst da raus. Wir tragen alle das nötige Werkzeug mit uns, um über uns hinauszuwachsen. Wir dürfen nur den Glauben an uns selbst nicht aufgeben. Denn du hast dein Leben in der Hand und kannst dein eigener Held sein.

Was haben Sie in Ihrer neuen Umgebung noch gelernt – außer Gitarre, Klavier und Schlagzeug zu spielen?  

Bruchmann: Ich habe gelernt, dass ich allein das Steuer für mein Leben in der Hand habe und entscheiden kann und sogar muss, wohin es gehen soll. Und ohne ein klares Bild und Ziel vor Augen geht es schon einmal nirgendwo hin.

Wie haben Sie die Zeit im Kinderheim erlebt?

Bruchmann: In den ersten Tagen im Heim stand fast jeden Tag die Polizei vor der Tür, weil irgendeiner der Mitbewohner geklaut hat oder die Schule geschwänzt hat. Beeinflusst von diesem Surrounding hätte man glauben können, dass ich jetzt ähnlich wie andere „abstürze“. Aber nein, mir war klar, dass ich einen anderen Weg gehen sollte, wenn ich erreichen möchte, was ich will. Zum Glück hatte ich die Musik. Das war mein Ventil und hat mir geholfen, bei mir zu bleiben und mich nicht von anderen ablenken zu lassen. Für einen Absturz blieb mir keine Zeit.

Dieses Bild entspricht vielleicht dem Klischee. Es soll aber keinesfalls heißen, dass in solchen Einrichtungen nur verhaltensauffällige Jugendliche sind. Das Heim war für mich ein Ort, in dem ich mich sehr wohlgefühlt habe. Meine Mitbewohner und Betreuer waren sehr liebevoll und ich denke gerne an diese Zeit zurück.

Musik ist Ihre Medizin, sagen Sie. Wieso haben sie so lange gewartet, bis Sie 2020 Ihre erste Single herausgebracht haben? 

Bruchmann: Nachdem ich als Teenager sehr viel Musik gemacht habe und mich in allen möglichen Bands als Sänger und Instrumentalist ausgetobt habe, wollte ich mich erst einmal meiner neuen Liebe der Schauspielerei widmen. Tatsächlich haben mein Schauspielstudium, die darauffolgenden Theaterengagements und die Arbeit vor der Kamera in den darauffolgenden Jahren sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Aber ich bin sehr froh, dass ich jetzt beides machen kann und ich mich parallel zur Schauspielerei auch noch in der Musik ausleben und sogar verbinden kann.

Haben Sie einen absoluten Lieblingssong? 

Bruchmann: Es gibt viele Songs, die ich sehr mag. Wenn ich mich aber für einen entscheiden müsste, würde ich zeitlich etwas zurückgehen: „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Für mich ein Meisterwerk!

Ihre EP ist autobiografisch. Inwiefern hat Sie die Arbeit dafür emotional herausgefordert? 

Bruchmann: Prinzipiell haben alle meine Songs etwas mit mir zu tun. Aber in diesem Fall gab es einen Song, der wohl persönlicher nicht sein könnte: „Dreizehn“. Es war total verrückt, da ich im Schreibprozess auf einmal diese Textzeilen vor mir auf dem Papier hatte, die mich so tief berührten. Auf der einen Seite war ich glücklich – aber auf der anderen Seite musste ich hin und wieder mit den Tränen kämpfen. Das war ein sehr besonderer Moment für mich.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie bei der Entstehung der Platte noch zu kämpfen?

Bruchmann: Tatsächlich war der ganze Prozess eine krasse Herausforderung. Nicht nur emotional, sondern auch logistisch und kreativ. Ich habe parallel zum Schreibprozess schon den Kurzfilm im Kopf gehabt, da die Songs die thematische Grundlage bilden und in Dialog mit den Bildern stehen sollten. Hin und wieder mussten wir Songs umschreiben oder verwerfen, weil sie nicht 100 Prozent auf die Storyline passten, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich liebe es vor Herausforderungen zu stehen und mich jedes Mal aufs Neue zu fordern. In diesem Fall bestand die Herausforderung darin, Künstler, Filmproducer, Schauspieler und Sänger zur gleichen Zeit zu sein und ich bin wahnsinnig stolz darauf, dass ich es geschafft habe, mit der EP und dem Kurzfilm etwas sehr Besonderes geschaffen zu haben.

Haben Sie das Gefühl, mithilfe der Musik das meiste Ihrer Vergangenheit aufgearbeitet zu haben oder werden Sie damit ein Leben lang beschäftigt sein?

Bruchmann: Das ist ein nicht endender Prozess. Das Vergangene wird immer Teil meines Lebens sein. Aber das Schöne ist, dass ich bestimmen kann, inwiefern es mich beeinflusst. Es gibt eine Zeile im Song „Zukunft“, die ich mir immer wieder selber sage: „Wandel den Schmerz um in Energie“. Es bringt mir nichts, mich von der Vergangenheit herunterziehen zu lassen. Daran kann ich sowieso nichts mehr ändern. Aber ich kann meine Zukunft ändern und versuchen, das Negative in etwas Positives, Kraftvolles umzuwandeln.

Wie gehen Sie heute mit toxischen Situationen und Menschen um?

Bruchmann: Ich versuche, sie weitestgehend zu meiden beziehungsweise mit ihnen entsprechend umzugehen. Das geht aber nur, wenn ich diese rechtzeitig erkenne. Meine Geschichte hat dazu geführt, dass ich sehr feinfühlig bin und recht schnell gehe, wenn mir etwas nicht passt oder ich merke, dass mir etwas nicht guttut. Sowohl mit Menschen als auch mit Situationen. Das musste ich aber auch erst lernen. 

Was waren Ihre beruflichen Highlights in diesem Jahr?

Bruchmann: Dieses Jahr war extrem aufregend und voll mit so vielen unterschiedlichen und herausfordernden Dingen. Wir haben die EP und den Kurzfilm produziert, ich habe parallel eine internationale Serie in Istanbul gedreht und hatte eine Premiere mit einem Theaterstück, in dem ich auf Englisch, Hebräisch und sogar ein klein bisschen Arabisch gesprochen habe.

Was sind Ihre nächsten beruflichen Pläne?

Bruchmann: Ich hoffe erst einmal, zwischen den Jahren etwas zur Ruhe zu kommen, bevor es nächstes Jahr mit voller Kraft wieder losgehen kann: Am 13. Januar 2023 wird es in Berlin im Maschinenhaus ein kleines Release-Konzert geben, auf dem auch der ganze Kurzfilm gezeigt wird. Es gibt ein paar Filmoptionen, über die ich leider noch nicht sprechen kann und wir versuchen gerade, eine kleine Tour für nächstes Jahr auf die Beine zu stellen. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

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