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Alle Macht für Nagelsmann: Kadershow als EM-Statement

Seit Sonntag kann Julian Nagelsmann die EM-Kadershow als Zuschauer genießen. Die Debatte um Hummels und Goretzka wird per Social-Media-Happen an den Rand gedrängt. Und jetzt naht sein großer Auftritt.

Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt bei der EM im eigenen Land auch auf Toni Kroos.
Foto: Tom Weller/dpa

Die Bühne gehört jetzt ausschließlich Julian Nagelsmann. Nach dem kuriosen und unterhaltsamen Nominierungs-Feuerwerk mit Kaderpaten von Dachdeckerin Chiara bis Showmaster Günther Jauch richten sich alle Blicke auf den Bundestrainer. Und nichts liebt Nagelsmann mehr als das.

29 Tage vor dem Eröffnungsspiel der Nationalmannschaft bei der Heim-EM gegen Schottland wird er in der VW-Location im Zentrum von Berlin am Donnerstag (13.00 Uhr) referieren können, wie und mit wem er als jüngster Bundestrainer in der DFB-Geschichte zum Impresario eines neuen Fußball-Sommermärchens werden will. Die allermeisten Personalien sind geklärt. Jetzt ist Zeit und Raum für sein EM-Statement.

Selbstverständlich möchten die Fans weiterhin wissen, was das Problem mit Mats Hummels und Leon Goretzka ist. Warum ihre Namen bei der Häppchen-Show nicht genannt wurden. Der Plan mit jungen Backups wie Aleksandar Pavlovic oder Chris Führich bleibt natürlich gewagt. Aber die Kernbotschaft des Bundestrainers bleibt nach dem Zündfunken im März mit den Testsiegen gegen Turnierfavorit Frankreich (2:0) und den ewigen Erzrivalen Niederlande (2:1) unverändert.

«Wenn du an einem Turnier teilnimmst, an einem Spiel teilnimmst, sollte die Grundidee sein, selbiges zu gewinnen», sagte der 36-Jährige kürzlich bei Magenta TV. Soll heißen: Da geht was in vier Wochen für Fußball-Deutschland. Sportlich und emotional. «Das Ergebnis ist am Ende schon auch immer entscheidend. Aber erst einmal geht es darum, dass wir so spielen, dass jeder Deutsche sich damit identifizieren kann und sagt, es macht mir Spaß, dieser Mannschaft zuzusehen», lautete Nagelsmanns Botschaft bei einem Fan-Talk.

Keine Leaks, sondern Fan-Spaß

«Es geht darum, viele emotionale Momente zu kreieren für dieses Land, für die Fans, für die Kids, für die Leute, die im Stadion sind, die vor den Fernsehgeräten sind, die in den Straßen unterwegs sind», führte Nagelsmann weiter aus. Spaß hatten die DFB-Fans – wenn man von den Hummels- und Goretzka-Anhängern absieht – schon in den vergangenen Tagen. 

Als Jens Riewa, der Tagesschausprecher, am Sonntag Nico Schlotterbeck als ersten EM-Spieler bestätigte, dachten alle zunächst an einen der üblichen Leaks vor einer Turnier-Nominierung. Bald wurde jedoch klar, dass dahinter ein System steckt. Nach und nach wurden immer mehr Spieler von Nagelsmann online für die EM benannt, alles in einer fröhlichen und lustigen Atmosphäre. Der Bundestrainer beobachtete das Geschehen vermutlich amüsiert von zu Hause aus. Die mühsame Arbeit der Kaderpräsentation wurde ihm durch Multimedia abgenommen. Am Donnerstag wird er im Mittelpunkt stehen, wenn er seine EM-Botschaften verkündet.

Die Nominierungen vergangener Turniere, die staatstragend bis gewollt symbolhaft orchestriert sind, erscheinen wie aus der Mottenkiste, ähnlich dem Bergsteiger-Stil vor der Alpen-EM 2008 auf der Zugspitze. Die Pappkameraden von Jürgen Klinsmann vor dem letzten Sommermärchen 2006 sind ebenfalls längst verstaubt. Die geniale Idee mit den Social-Media-Clips in Häppchenform wird der DFB-Pressesprecherin Franziska Wülle zugeschrieben. Nagelsmann und sein Management sind dem Vernehmen nach begeistert.

Kroos-Podcast und Döner-Bude

Am Mittwoch setzte sich die Serie der EM-Zusagen fort. Robert Andrich wurde von seinem Teamkollegen Toni Kroos höchstpersönlich im Podcast berufen. Joshua Kimmich von GZSZ-Schauspieler Wolfgang Bahro, auch bekannt als Jo Gerner. Antonio Rüdiger per Clip aus seiner bevorzugten Döner-Bude in Kreuzberg. Und schließlich Kapitän Ilkay Gündogan auf einem Werbeplakat am Alexanderplatz, im Zentrum der Hauptstadt – dem Austragungsort des EM-Finals am 14. Juli.

Gündogan hatte den Personalkurs des Bundestrainers schon im März gelobt, obwohl viele seine Rolle als Kapitän durch das Comeback von Kroos geschwächt sahen. Er sei froh, «dass wir einen Bundestrainer haben, der eine klare Richtung vorgibt und auch mal unangenehm sein kann», sagte er der «Süddeutschen Zeitung». Der Wischiwaschi-Kurs der Spätphase von Joachim Löw und dem danach gescheiterten Hansi Flick als Bundestrainer sind Geschichte.

Wer heute überrascht ist, dass Hummels und Goretzka, oder auch Robin Gosens von Union Berlin und Kevin Trapp von Eintracht Frankfurt, im Aufgebot fehlen, der hätte im März genau zuhören müssen. «Es sind selten Mannschaften mit 20 Topstars, die erfolgreich sind», sagte Nagelsmann damals zu seinem Erneuerungskurs mit den frischen und mutigen Stuttgartern um Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt.

Hummels Tor zum Endspiel wertlos für EM

«Junge Herausforderer» habe er gesucht. «Die Stimmungsträger sind, die diese Rolle akzeptieren.» Kein Reviergehabe von gealterten Platzhirschen. Da hätte Hummels offenbar noch so viele Tore für den BVB auf dem Weg ins Champions-League-Finale schießen können. «Generell ist die Idee, dass wir einen Großteil des Stamms jetzt dabeihaben. Sonst wäre die Entscheidung hirnrissig», erklärte der Bundestrainer seine Kaderpolitik. 

Seine eigene Vita lebt er damit konsequent weiter. Selbst wegen früher Verletzung nie zum Profi in höheren Ligen aufgestiegen, setzt Nagelsmann auf Spirit mehr als auf Erfahrung. «Gegen Kylian Mbappé tun sich viele schwer, auch mit 200 Champions-League-Spielen», sagte er. 

Nagelsmann verkündet noch kleinere Stellschrauben. Darf Alexander Nübel aus Stuttgart als möglicher vierter Torwart hinter Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen und eventuell Oliver Baumann mit ins Trainingslager? Wer profitiert letztendlich von der Aufstockung auf bis zu 26 EM-Spielern? Deniz Undav aus Stuttgart? Maximilian Beier von Hoffenheim oder doch Jan-Niklas Beste vom 1. FC Heidenheim, der selbst nicht mehr mit einem EM-Anruf rechnet?

Potenzielle Randfiguren in jedem Fall. Und Turnier-Lehrlinge – wie Nagelsmann, der auch zum ersten Mal bei einem Großereignis eine Fußball-Nation anführt. Ein Risiko? Nein, meint Nagelsmann selbst. «Ich mag nicht, dieses „Was passiert wenn?“ Das bringt uns nichts. Da ist das Leben, das ist groß. Und da ist der Fußball, und der macht immer Spaß. Wenn es uns erdrückt, dann hören wir auf mit Fußball», sagte Nagelsmann im März – und gewann am folgenden Tag mit 2:0 auswärts in Lyon gegen Frankreich.

dpa