Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Dramatischer Pegel-Kollaps: Warum Deutschlands Ströme vor dem Winter austrocknen – Newsflash24

Hintergrund der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme ist das Ende des hydrologischen Jahres, das jeweils am 31. Oktober schließt.

Böden gehen mit Defizit in Winter: Deutschlands Flüsse führen historisch wenig Wasser
Pascal Küffer auf Pexels

„Niedrigwasser können wir also nicht einfach wegplanen oder wegbaggern“, mahnt Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin angesichts dramatischer Zustände an den heimischen Flussläufen. Der Experte stuft die jüngste Phase im Zyklus 2025/2026 als die abflussärmste Zeitspanne seit Beginn der systematischen Pegelaufzeichnungen ein und warnt vor den weitreichenden ökologischen Schäden. Ein einfacher Ausbau von Fahrrinnen greife viel zu kurz, um die Funktionsfähigkeit der Fließgewässer dauerhaft abzusichern. Ausgetrocknete Uferbereiche und freiliegende Kiesbänke an Hauptverkehrsadern wie Rhein, Donau, Elbe und Weser offenbaren einen kritischen Mangel an Feuchtigkeit, der weite Teile des Gewässernetzes erfasst hat.

Hintergrund der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme ist das Ende des hydrologischen Jahres, das jeweils am 31. Oktober schließt. Zu diesem Stichtag bilanzieren Fachleute monatelang anhaltende Niedrigwasserphasen, die im hydrologischen Jahr 2025/26 insgesamt neun große deutsche Flussgebiete fest im Griff hielten. Eine Sonderauswertung des Science Media Center verweist auf Messungen, wonach solche minimalen Wasserstände deutlich häufiger aufgetreten sind als in den zurückliegenden Berichtsjahren. Die Folge dieser Entwicklung: Die obersten und tiefen Böden, das Grundwasser sowie die offenen Gewässer starten mit gravierenden Defiziten in die Wintermonate, in denen sich die natürlichen Reservoirs unter normalen Witterungsbedingungen regenerieren sollten.

Hydrologische Auswertung dokumentiert historische Abflussminima

Dass sich die Krise über Monate zuspitzte, untermauern die detaillierten Erhebungen des Niedrigwasserinformationssystems (NIWIS). Bei der statistischen Einordnung werden die aktuellen Durchflussraten mit langjährigen Referenzwerten verglichen, die aus dem Zeitraum von 1991 bis 2020 stammen. Unterschreitet ein Wert die untersten fünf Prozent dieser Referenzspanne, gilt die Situation offiziell als „sehr niedrig“. Fällt die Durchflussmenge sogar unter die Marke des niedrigsten einen Prozents, deklarieren Fachleute den Zustand als „extrem niedrig“.

Bereits zu Beginn des Jahres wiesen die Messstellen alarmierende Tendenzen auf:

  • Januar 2026: An rund 20 Prozent der Messquerschnitte – also einem Fünftel der erfassten Abflüsse – wurden die Kategorien „sehr niedrig“ oder „extrem niedrig“ festgestellt.
  • Spätsommer 2026: In den Monaten August und September stieg der Anteil dieser beiden kritischsten Schwellenwerte gemeinsam auf 35 Prozent aller erfassten Abflüsse.
  • Referenzdaten: Die Einstufung fußt auf dem dreißigjährigen Mittel der Jahre 1991 bis 2020 und belegt die statistische Ausnahmesituation des Jahres 2025/26.
  • Flächendeckung: Die anhaltenden Defizite betrafen nachweislich neun zusammenhängende Flussgebiete in der gesamten Bundesrepublik.

Die Wassermenge, die pro Sekunde ein Flussbett passiert, schrumpfte im Spätsommer auf bedrohliche Tiefstwerte. An Flüssen wie Rhein und Donau, aber auch an Elbe und Weser zogen sich die Ströme über weite Strecken auf schmale Rinnen in der Flussmitte zurück, während sich an beiden Seiten breite Uferstreifen bildeten. Was zu Jahresbeginn Fachleuten vorbehalten blieb, zeigte sich im Hochsommer auch für die breite Öffentlichkeit unübersehbar.

Extremwetter und veränderte Jahreszeiten belasten den Wasserhaushalt

Verantwortlich für das aufgelaufene Defizit ist eine ungünstige Verkettung meteorologischer Besonderheiten. Schon der Winter 2025/26 brachte im bundesweiten Mittel signifikant weniger Niederschläge als üblich. Statt die Speicher vor der Vegetationsphase aufzufüllen, blieben ergiebige Regenfälle aus. Im darauffolgenden Sommer entwickelte sich insbesondere im süddeutschen Raum eine extreme Dürre, die von außergewöhnlichen Hitzephasen begleitet wurde. Durch die anhaltend hohen Temperaturen verdunstete enorm viel Wasser, was die Trockenheit in der Landschaft massiv verschärfte.

Dass wir heute nur noch hitze- und trockenheitsbedingte Sommerniedrigwasser erleben, passt in das Bild, das wir unter den Rahmenbedingungen des fortschreitenden Klimawandels projiziert haben.

So ordnete Enno Nilson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) die Lage beim Science Media Center ein. Historisch gesehen seien Niedrigwasserphasen am Rhein oft im Winter aufgetreten, bedingt durch strengen Frost, Eisgang und Schnee, der das Wasser in den Einzugsgebieten band. Heute hingegen diktieren sommerliche Dürrephasen das Geschehen. Zwar sei der Winter die klassische Jahreszeit für die Regeneration, doch es bleibe völlig offen, ob der erhoffte Ausgleich tatsächlich gelinge. Notwendig seien dafür lang andauernde, flächendeckende und intensive Landregen, die tief in die ausgetrockneten Bodenschichten eindringen.

Regionale Verteilungsprobleme im Klimawandel

Klimamodelle zeichnen für Mitteleuropa ein differenziertes Bild der künftigen Entwicklung. Nilson führt aus, dass Deutschland aufs gesamte Kalenderjahr gerechnet auch künftig voraussichtlich über ausreichende Wassermengen verfügen werde. Die Verteilung innerhalb des Jahres verschiebe sich jedoch drastisch: Intensivere Dürren und längere Niedrigwasserphasen in den Sommermonaten würden im Jahresdurchschnitt durch höhere Niederschlagsmengen und stärkere Abflüsse im Winterhalbjahr teilweise rechnerisch ausgeglichen. Die Folge sei daher kein reines Mengenproblem, sondern vielmehr ein gravierendes Verteilungsproblem zwischen den verschiedenen Regionen und den Jahreszeiten.

Für bedeutende alpine Zubringer wie den Bodensee und den Rhein spielt zudem die Schweiz als Quellregion eine zentrale Rolle. Doch auch dort fehlte es bereits im Winter an Schnee in den Hochlagen. Thorsten Wagener, Professor für hydrologische Systeme an der Universität Potsdam, wies darauf hin, dass die Abflussvolumina europäischer Gewässer in diesem Jahr Tiefststände erreicht hätten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht beobachtet habe. Durch den Einfluss des Klimawandels gingen die natürlichen Speicher in Form von Schnee und Gletschern in den Bergregionen zusehends verloren.

Überlagert sich dieses Problem mit trockenem Winter und Frühling und mit hoher Verdunstung im Hitzesommer, dann haben wir einen perfekten Sturm – oder vielmehr eine perfekte Dürre.

Menschliche Eingriffe verstärken die ökologische Krise

Die Problematik wird jedoch keineswegs allein durch klimatische Veränderungen hervorgerufen. Gewässerökologe Christian Wolter verweist mit Nachdruck auf die baulichen Eingriffe des Menschen. Seit dem 19. Jahrhundert seien Flüsse in großem Umfang begradigt, künstlich verkürzt, an den Ufern befestigt und für die Binnenschifffahrt zu Verkehrswegen transformiert worden. Diese Kanalisierung führt dazu, dass Regenwasser viel zu rasch abfließt, anstatt in der Landschaft zu verweilen. Da befestigte Uferkanten verhindern, dass Flüsse bei höheren Wasserständen in die Auen ausweichen, gräbt sich die Flusssohle stattdessen kontinuierlich um mehrere Meter in den Untergrund ein.

Das Zusammentreffen von extremem Niedrigwasser und hohen Wassertemperaturen ist für Wasserorganismen besonders gefährlich. Sinkt der Wasserstand, heizen sich Flüsse viel schneller auf, was die gesamte ökologische Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Wolter plädiert daher für eine konsequente Renaturierung:

  • Natürliche Fließgewässerdynamik: Rückbau harter Verbauungen, damit Gewässer wieder ihr ursprüngliches Bett finden und sich eigendynamisch entwickeln können.
  • Angepasste Verkehrskonzepte: Schifffahrt und Flottenstrukturen müssen an wechselnde Pegelstände angepasst werden, etwa durch kleinere Güterschiffe mit deutlich geringerem Tiefgang.
  • Verzicht auf neue Staustufen: Der Bau von Staustufen zerstört wertvolle Flussökosysteme, kurbelt die Verdunstung zusätzlich an und verlagert das Dürreproblem lediglich stromabwärts.

Verlust wertvoller Lebensräume entlang der Flussauen

Vor den verheerenden Folgen für die Uferökologie warnt auch Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur Wien. Bei langanhaltenden Niedrigwasserphasen verkleinern sich die Lebensräume in den regulierten Uferzonen und den verbliebenen Flussauen dramatisch. Um diesen Habitaten langfristig das Überleben zu sichern, seien umfassende Renaturierungsprojekte wie die Wiederanbindung von Altarmen und die Vernässung von Mooren unumgänglich. Da solche Maßnahmen jedoch Jahrzehnte in Anspruch nehmen, bleibt die Situation an den deutschen Strömen auf absehbare Zeit extrem angespannt.


Quellen: n-tv, FAZ

Bildquelle: Pascal Küffer auf Pexels

Dieser Text wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz in Zusammenarbeit mit unserer Redaktion erstellt.

TS