Europa sucht nach Wegen, unabhängiger von SpaceX und dessen Starlink-System zu werden. Während OneWeb und das neue IRIS²-Projekt als Alternativen im Raum stehen, wirft die Abhängigkeit von einem privaten US-Unternehmen Fragen zur geopolitischen Sicherheit auf.
Europa strebt nach eigenen Satelliten-Lösungen zur Reduzierung der Starlink-Abhängigkeit

Mit rund 10.000 Satelliten im Orbit hat SpaceX, das Unternehmen von Elon Musk, eine dominierende Stellung im Bereich der Satellitenkommunikation. Diese Satelliten sind entscheidend für die Internetversorgung, insbesondere in Krisensituationen wie dem Ukrainekrieg, wo sie den ukrainischen Streitkräften als Lebensader dienen.
Die Abhängigkeit von einem privaten US-Unternehmen wirft jedoch Fragen auf. In Europa, und insbesondere in Deutschland, wird daher an Alternativen gearbeitet, um die eigene Infrastruktur zu stärken.
Starlink: Technologischer Vorsprung und geopolitische Risiken
SpaceX hat nicht nur große Satelliten ins All gebracht, sondern auch eine umfangreiche Konstellation kleiner Satelliten im niedrigen Erdorbit (LEO) etabliert. Diese Satelliten operieren in einer Höhe von etwa 550 Kilometern, was eine schnellere Datenübertragung ermöglicht als bei herkömmlichen geostationären Satelliten, die in 36.000 Kilometern Höhe kreisen.
Im Ukrainekrieg hat sich die Bedeutung von Starlink deutlich gezeigt. Nachdem Russland die ukrainischen Kommunikationsnetze angegriffen hatte, ermöglichte Starlink den ukrainischen Soldaten, weiterhin zu kommunizieren und Aufklärungsdaten auszutauschen. Fast die gesamte Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte läuft über dieses System, das auch bei Ausfällen von bodengestützten Netzwerken zuverlässig funktioniert.
Die Anzahl der Satelliten im Orbit ist beeindruckend: Schätzungen zufolge sind derzeit etwa 11.000 bis 12.000 Satelliten aktiv, wobei der Großteil von SpaceX stammt. Langfristig plant Elon Musk, die Zahl auf bis zu 42.000 Satelliten zu erhöhen.
Europas riskante Abhängigkeit von Starlink
Die Abhängigkeit von Starlink ist jedoch problematisch, da die Satelliten einem privaten Unternehmen gehören und nicht einem Staat oder einem Bündnis. Diese Situation hat bereits zu geopolitischen Spannungen geführt, als Musk die Nutzung des Systems in bestimmten militärischen Operationen blockierte. Dies wirft die Frage auf, wie sich ein solcher Einfluss in Krisensituationen in Europa auswirken könnte.
„Musk hat durch die dominierende Stellung von Starlink großen Einfluss auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine und den Weltraummarkt gewonnen“, sagte Antje Nötzold, Expertin für Weltraumsicherheit.
Zusätzlich ist das Starlink-System anfällig für Angriffe. Berichten zufolge wurden bereits mehrere Starlink-Terminals von russischen Einheiten gehackt oder erbeutet, was Russland im Drohnenkrieg Vorteile verschaffte. Zudem ist Starlink an das herkömmliche Internet angeschlossen, was in einem Konflikt zu einer Verwundbarkeit führen könnte.
OneWeb und IRIS²: Europäische Alternativen im Aufbau
Joanna Darlington, Sprecherin des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat, betont, dass es im niedrigen Erdorbit derzeit nur zwei relevante Konstellationen für Breitbandverbindungen gibt: Starlink und OneWeb. Letztere umfasst etwa 600 Satelliten und ist damit deutlich kleiner als die Starlink-Konstellation.
Die OneWeb-Terminals sind zudem weniger mobil und handlich als die von Starlink, was ihre Einsatzmöglichkeiten einschränkt. In der Ukraine sind die verfügbaren Kapazitäten von OneWeb bereits vollständig belegt, was die Frage aufwirft, ob sie als echter Ersatz für Starlink fungieren kann.
Ein ambitionierterer europäischer Ansatz ist das Projekt IRIS², das die EU plant. Dieses Kommunikationsnetz soll aus rund 300 Satelliten bestehen und sichere Verbindungen für die EU und ihre Mitgliedstaaten bieten. Das Projekt hat ein Budget von etwa 10,6 Milliarden Euro, wobei die EU rund sechs Milliarden Euro finanziert. Der geplante Inbetriebnahmezeitpunkt ist 2029, jedoch bleibt abzuwarten, ob dieser Zeitrahmen eingehalten werden kann.
Deutsche Pläne für ein eigenes Satellitennetz
Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, äußerte, dass IRIS² allein nicht ausreichen werde, um die deutschen Bedürfnisse zu decken. Daher plant die Bundeswehr ein eigenes militärisches Satellitennetz im niedrigen Erdorbit, bekannt als SATCOMBw Stufe 4. Dieses Netzwerk soll eine größere Resilienz bieten, da der Ausfall eines Satelliten nicht sofort gravierende Folgen hätte.
Die erste Teilkonstellation von SATCOMBw ist für 2029 geplant, befindet sich jedoch noch in der Ausschreibung. Auch der Bundesnachrichtendienst plant mit dem Projekt GEORG eigene optische Aufklärungssatelliten, um ein unabhängigeres Lagebild zu erhalten.
Herausforderungen für die europäische Raumfahrtindustrie
Die deutsche Raumfahrtindustrie arbeitet daran, die Voraussetzungen für mehr Unabhängigkeit im All zu schaffen. Während die traditionelle Raumfahrtindustrie, auch als „Old Space“ bezeichnet, hochkomplexe Satelliten im Auftrag von Staaten baut, verfolgt das „New Space“-Modell, zu dem auch Berlin Space Technologies gehört, einen anderen Ansatz. Dieses Unternehmen plant, Satelliten nach einem Baukastenprinzip zu produzieren, um die Produktionskosten zu senken und die Stückzahlen zu erhöhen.
Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, dass die Satelliten auch in den Orbit gelangen müssen. Neben der Ariane-Rakete gelten New-Space-Anbieter wie Isar Aerospace und die Rocket Factory Augsburg als vielversprechende Alternativen, jedoch befinden sich viele dieser Systeme noch in der Erprobungsphase.
Fehlende Frühwarnsysteme und zukünftige Projekte
Ein weiteres Manko in Europa ist das Fehlen eigener weltraumgestützter Frühwarnsysteme für Raketenabwehr. Diese Systeme könnten im Ernstfall entscheidend sein, um Raketenstarts zu erkennen und deren Flugbahnen zu verfolgen. Bisher verfügen nur die USA innerhalb der NATO über ein globales satellitengestütztes Frühwarnsystem.
Es gibt zwar erste europäische Projekte wie „ODIN’s EYE“ und „JEWEL“, die 2025 von Frankreich und Deutschland ins Leben gerufen wurden, um weltraumgestützte Sensorik zu entwickeln. Allerdings sind die Zeitpläne für diese Projekte derzeit unklar.
Quellen: deutschlandfunk
Bildquelle: Foto von Markus Spiske auf Unsplash








