Die Bundesregierung stuft Großbritannien wieder als Risikogebiet ein. Welchen Anteil hat dabei die in Indien aufgetauchten Corona-Variante B.1.617 fragen sich Experten?
Gefährdet die indische Corona-Variante die Lockerungen?

Die Bundesregierung stuft Großbritannien wieder als Risikogebiet ein. Welchen Anteil hat dabei die in Indien aufgetauchten Corona-Variante B.1.617 fragen sich Experten?
Auch in Deutschland beobachtet das Robert Koch-Institut (RKI) einen wachsenden Anteil der indischen Variante. B.1.617 (bestehend laut RKI aus den Untervarianten B.1.617.1, B.1.617.2 und B.1.617.3): Diese Variante wurde zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden und verbreitet sich dort stark.
B.1.617 zeichnet sich durch Mutationen aus, die mit einer reduzierten Wirksamkeit der Immunantwort in Verbindung gebracht werden, wobei erste laborexperimentelle Daten darauf hindeuten, dass die Impfstoffwirksamkeit nicht substantiell beeinträchtigt ist. Außerdem gibt es Hinweise, dass einige der Mutationen dieser Variante ihre Übertragbarkeit erhöhen könnten, beispielsweise über eine Verstärkung der Bindung an die menschlichen Zellen.
Es gibt epidemiologische Hinweise darauf, dass die Untervariante B.1.617.2 eine erhöhte Übertragbarkeit aufweist, die zumindest der Übertragbarkeit von B.1.1.7 gleichkommt.
Könnte die indische Variante den aktuellen Abwärtstrend der Corona-Fallzahlen gefährden – und damit auch die Lockerung der Notbremse?
Großbritanniens Premierminister Boris Johnson erklärte in London, die indische Variante des Coronavirus B.1.617.2 sei nach Ansicht britischer Experten leichter übertragbar als die bisher vorherrschenden Virus-Mutationen, inklusive der sogenannten britischen Variante B.1.1.7. Noch sei allerdings nicht klar, um wie viel schneller sich die Variante verbreite, so der Premier weiter. Im schlimmsten Fall stünden dem Land jedoch schwere Entscheidungen bevor. Was wären die Konsequenzen für Deutschland, forschen Spezialisten.
Zwar wurde die als besorgniserregend eingestufte Mutante hierzulande bislang nur sehr selten nachgewiesen – in weniger als zwei Prozent der untersuchten Proben – „aber ihr Anteil stieg in den letzten Wochen stetig an“, wie das RKI vermeldet.
Ob die indische Variante die britische Mutante vollständig ablösen könnte, sei schwierig zu sagen, erklärt der Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht gegenüber „RTL“. „Das hänge vor allem davon ab, ob sie einen Selektionsvorteil gegenüber B.1.1.7. habe. Stelle sich ein solcher Selektionsvorteil heraus, könne das tatsächlich auch den aktuellen Abwärtstrend der Neuansteckungen beeinflussen“, so der Experte. Eine vierte Welle stehe uns deshalb allerdings nicht automatisch bevor ist er überzeugt.
Doch inzwischen gibt es Zweifel, ob der Lockerungsfahrplan eingehalten werden kann. Lokale Ausbrüche der indischen Virusvariante B.1.617.2, die auf dem asiatischen Subkontinent zu einer drastischen Welle an Infektionen und Todesfällen führte, sorgen für Unruhe bei den Briten. Das renommierte Expertengremium SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies), das die Regierung berät, fürchtet, dass die indische Variante um bis zu 50 Prozent ansteckender sein könnte als die bisher in Großbritannien vorherrschende sogenannte britische Mutante B.1.1.7. Bislang wurden rund 1300 Fälle in Großbritannien registriert – doch die Zahl hatte sich innerhalb einer Woche beinahe verdreifacht. Experten gehen davon aus, dass sich die Variante in dem Land schon bald als dominant durchsetzen wird.
Die Bundesregierung hatte das Vereinigte Königreich wegen des Auftretens der Variante am Freitag wieder als Corona-Risikogebiet eingestuft. Und das obwohl Großbritannien derzeit mit einer landesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von rund 24 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche vergleichsweise nur wenige Fälle hat. Bislang wurden auch in den betroffenen Gebieten keine erhöhten Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle registriert. Daher gibt es Hoffnung, dass die Impfungen zumindest gegen schwere Erkrankungen mit dem mutierten Erreger schützen.
Zunächst einmal will London deshalb auch an den Lockerungen wie geplant festhalten. Von diesem Montag an sollen in England wieder Treffen von bis zu sechs Personen in Privathaushalten möglich sein. Auch die Innengastronomie, Theater, Kinos und Museen dürfen wieder Gäste empfangen. Selbst Auslandsreisen sind teilweise wieder ohne Auflagen erlaubt.
Doch sollten sich die Befürchtungen über die höhere Übertragbarkeit von B.1.617.2 bewahrheiten, könnte der Fahrplan für weitere Öffnungsschritte ins Stocken geraten, warnte Premierminister Johnson am Freitag. Ob wie geplant am 21. Juni wieder Normalität einkehren kann, will die Regierung nun erst eine Woche davor entscheiden.
Sollte es nicht klappen, könnte Johnsons zuletzt eher positive Bilanz in der Pandemie wieder ins Negative umschlagen. Am Wochenende wurden Stimmen laut, die dem Premier vorwarfen, wieder einmal zu langsam gehandelt zu haben. Erst am 23. April wurden die Bestimmungen für Einreisende aus Indien drastisch verschärft – erst drei Wochen nachdem bereits Pakistan und Bangladesch auf die Rote Liste der Virusvarianten-Gebiete gesetzt wurden, für die bei Einreise eine Hotelquarantäne vorgeschrieben ist. Doch bis dahin waren laut «Sunday Times» bereits mindestens 20.000 Menschen eingereist, die womöglich das Virus mit sich brachten.
Kritiker sehen einen Zusammenhang zu einer geplanten Indien-Reise des Premiers, die Johnson eigentlich dazu nutzen wollte, die Pläne für ein Handelsabkommen mit Indien voranzubringen – eines der wichtigsten Brexit-Versprechen. Erst nach langem Zögern sagte Johnson die Reise am 19. April schließlich ab, und selbst dann dauerte es noch mehrere Tage bis die verschärften Richtlinien in Kraft traten. «Es sieht so aus, als würde Boris Johnson das Streben nach einem Handelsabkommen mit Indien der öffentlichen Gesundheit vorziehen», kritisierte die liberaldemokratische Abgeordnete Layla Moran.
WHO beobachtet
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte im April noch angesichts der in Indien aufgetauchten Corona-Variante B.1.617 vor voreiligen Schlüssen. Die Organisation beobachtet weiterhin die Virusvariante, hat sie aber noch nicht als besorgniserregend eingestuft, wie eine WHO-Sprecherin auf Anfrage in Genf mitteilte. Bislang sei nicht klar, in welchem Ausmaß die Variante für den rapiden Anstieg der Fälle in Indien mitverantwortlich ist. Es gebe viele Faktoren, die dazu beigetragen haben könnten.
So hätten in jüngster Zeit Feste und Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern stattgefunden. Zudem verbreite sich B.1.617 neben anderen ansteckenderen Varianten wie der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Variante B.1.1.7.
Ob B.1.617 mehr schwere Krankheitsverläufe auslöse und damit zu höheren Todeszahlen beitrage, sei bislang ebenfalls nicht klar, sagte die Sprecherin. Die höheren Todeszahlen könnten auch daran liegen, dass Kliniken ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben.
In Indien wurden gut 350.000 Infektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet worden, mehr, als je ein Land in so kurzer Zeit gemeldet hat. Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern hat mehr als 17 Millionen Infektionen erfasst. In absoluten Zahlen ist das Land damit hinter den USA am härtesten von der Pandemie betroffen.
Als besorgniserregend – «Variant of Concern» – hat die WHO neben B.1.1.7 etwa die in Südafrika entdeckte Variante (B.1.351) und die in Brasilien entdeckten Variante (P.1) eingestuft. Als besorgniserregend gilt eine Variante nach WHO-Angaben, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgeht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert.
Die Variante B.1.617 hat zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt sind. Allerdings traten die beiden Mutationen nach Angaben der WHO bislang nicht zusammen in einer Variante auf. B.1.617 wurde erstmals am 1. Dezember 2020 in Indien nachgewiesen.
Eine der Mutationen, L452R, könne Einfluss auf die Effizienz von Behandlungen mit monoklonalen Antikörpern haben. Die andere Mutation, E484Q, könne womöglich Antikörper neutralisieren, die bei einer früheren Infektion gebildet worden waren. Dann wären Genesene nicht mehr vor einer neuen Infektion geschützt.
Auf der Plattform Gisaid, die genetische Sequenzen von Grippe- und Coronaviren enthält, seien bis 23. April mehr als 850 Sequenzen dieses Virus aus mehr als 18 Ländern hochgeladen worden. Die meisten kamen aus Indien, Großbritannien, den USA und Singapur.
Das gibt allerdings kein akkurates Bild der Verbreitung, da viele Länder deutlich weniger sequenzieren, andere mangels Kapazität gar nicht.
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