Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

In Berlin steht ein Palliativarzt im Verdacht, 15 Menschen umgebracht zu haben

Ein Berliner Palliativarzt steht wegen des mutmaßlichen Mordes an 15 Patienten vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, ohne Zustimmung der Betroffenen tödliche Medikamente verabreicht zu haben. Der Prozess wird nach einer Unterbrechung fortgesetzt.

Berlin: Ein Palliativarzt soll 15 Menschen ermordet haben
Bildquelle: Sasun Bughdaryan auf Unsplash

Ein Palliativarzt aus Berlin sieht sich schweren Vorwürfen gegenüber: Er soll für den Tod von 15 Patienten verantwortlich sein und steht deshalb vor Gericht. Der Prozess, der seit fast elf Monaten läuft, wird am Mittwoch vor dem Landgericht Berlin fortgesetzt, nachdem er für vier Wochen unterbrochen wurde.

Vorwürfe und Anklage

Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen den Mediziner Anklage wegen Mordes aus Heimtücke und aus niedrigen Beweggründen. Laut der 255-seitigen Anklageschrift soll der Arzt zwischen September 2021 und Juli 2024 ohne medizinische Indikation und ohne das Wissen oder die Zustimmung der Patienten ein tödliches Gemisch aus verschiedenen Medikamenten verabreicht haben. Die Taten sollen während Hausbesuchen erfolgt sein, wobei der Angeklagte auch Feuer gelegt haben soll, um Spuren zu verwischen.

Die mutmaßlichen Opfer

Die Anklage führt als jüngstes Opfer eine 25-jährige Frau und als ältestes eine 94-jährige Dame an. Alle betroffenen Personen waren schwerstkrank, jedoch stand ihr Tod nicht unmittelbar bevor. Hinterbliebene äußerten sich fassungslos über die Vorfälle. Ein Sohn berichtete von den Lebensplänen seiner verstorbenen Mutter: „Sie hatte Pläne, wollte mit ihrer Schwester an die Ostsee reisen – meine Mutter wollte weiterleben.“ Eine andere Mutter weinte im Gerichtssaal um ihre 25-jährige Tochter und betonte: „Nie hat sie gesagt, dass sie nicht mehr leben wollte.“

Indizien und Beweise

Im Rahmen der Ermittlungen wurden mehrere Leichname exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht. Toxikologische Gutachten sollen nachweisen, dass der Arzt die Patienten zunächst mit einem Betäubungsmittel und anschließend mit einem Muskelrelaxans behandelt hat. Dieses führt ohne künstliche Beatmung innerhalb weniger Minuten zum Atemstillstand und damit zum Tod. Ein Toxikologe erklärte im Prozess, dass bei den Untersuchungen wiederholt Rückstände des Muskelrelaxans gefunden wurden.

Zusätzlich werteten die Ermittler die Mobiltelefone des Angeklagten aus und erstellten Bewegungsprofile. Auch Gespräche mit seiner Ehefrau wurden abgehört, in denen der Arzt seine Sicht der Dinge darlegte. Er betonte, dass er „nicht wahllos getötet“ habe und stets im Vorfeld Gespräche mit den Patienten geführt habe. Seinen Ansatz bezeichnete er als „moralisches Handeln mit den falschen Mitteln“ und sprach von Sterbehilfe.

Hintergrund des Angeklagten

Der 41-jährige Arzt hat in Frankfurt am Main studiert und zwei Facharztausbildungen abgeschlossen. Er zog 2020 nach Berlin und ist verheiratet sowie Vater eines Kindes. Kollegen und Patienten beschrieben ihn als einfühlsam. Seine frühere Chefin äußerte, dass er zunächst als „sehr zuvorkommend, höflich und hilfsbereit“ wahrgenommen wurde. Der Angeklagte befindet sich seit August 2024 in Untersuchungshaft und hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Ermittlungen und Verdacht

Die Ermittlungen wurden durch Brände ausgelöst, die der Arzt gelegt haben soll, um die Tötungen zu verschleiern. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt, wobei der Angeklagte zunehmend ins Visier der Ermittler geriet. Die damalige Chefin des Angeklagten informierte die Behörden über die ungewöhnlich hohe Sterberate unter den Patienten ihres Kollegen. „Vier Leichen und vier Brände innerhalb von sechs Wochen – ich habe nicht mehr an Zufälle geglaubt“, so die Zeugin.

Das Landeskriminalamt Berlin richtete eine spezielle Ermittlungsgruppe ein, die Hunderte Patientenunterlagen auswertete. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 Fällen.

Ausblick auf den Prozess

Die Staatsanwaltschaft strebt eine Verurteilung des Angeklagten an, einschließlich der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und einer anschließenden Sicherungsverwahrung. Zudem soll ihm ein lebenslanges Berufsverbot auferlegt werden. Der Prozess ist derzeit bis zum 10. August angesetzt.

Parallel dazu laufen Ermittlungen in mehr als 70 weiteren Fällen, und die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass es zu weiteren Anklagen kommen könnte. Der Fall könnte sich als einer der größten in Deutschland herausstellen.

Im Vergleich dazu gilt die Mordserie des ehemaligen Pflegers Niels Högel in Niedersachsen als die größte der deutschen Nachkriegsgeschichte, für die er 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.


Quellen: mopo

Bildquelle: Bildquelle: Sasun Bughdaryan auf Unsplash

Karte für diesen Artikel

Ronny Winkler