Verrücktes Spielkind oder angeknacktes Selbstbewusstsein: unbewusster Kletterwahn im Zeichen der Pandemie. Arrogant, exzentrisch und hoch ansteckend – was es mit dem Sich-drüber-Stellen auf sich hat und warum Selbsterhöhung hilfreich ist. Elevate your Life!
Neue Seuche oder einfach nur verrückt – Grassiert das Reinhold-Messner-Virus?

„Haste Bock auf ‘ne Runde um den Block“? Diesen Satz, der mir mittlerweile zum Hals raushängt und den ich glücklicherweise immer seltener zu hören bekomme, habe ich gerade zu Beginn der Pandemie stets mit einem erleichterten „klar, nichts wie raus aus der Bude“ beantwortet. Wenn auch die Lust am Spaziergang nachgelassen hat, eine Beobachtung aus dieser Zeit hat mich nachhaltig beeindruckt. Je öfter wir einen Spielplatz betraten, sah ich sowohl konsternierte Eltern als auch ihre tobenden Sprösslinge in erhöhter Lage stehen, fläzen, hangeln und klettern. Selbst Großeltern hielt es nicht mehr ebenerdig oder auf den für das Beobachtungspersonal ausgewiesenen Bänken.
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Der verantwortungsvolle Beifallklatscher mutiert im Angesicht des Pandemieernstes zum Spielekind. Ob darauf zurückzuführende Spielplatzunfälle, zum Beispiel durch gleichzeitig klatschende und schaukelnde Eltern, signifikant zugenommen haben, ist nicht erwiesen. Ich gehe allerdings fest davon aus. Dass, wer hoch hinaus will, das Risiko eines allzu plötzlichen Niedergangs eingeht, ist seit Ikarus bekannt. Die (ungewöhnliche) Häufigkeit an Trampolinunfällen dieser Tage lässt jedoch vermuten, dass es tieferliegende Bedürfnisse gibt, die dieses Wissen angesichts der zu erlangenden Vorteile in den Hintergrund rücken lassen.
Die wörtliche zu verstehende Selbsterhöhung, das wurde rasch ersichtlich, beschränkte sich nicht nur auf den Spielplatz. Die Bereitschaft, hohe Treppen zu erklimmen, Monumente zu erklettern oder auf breiten Geländern zu balancieren, nahm allen Ortens zu. Als ich mich eines Tages selbst erwischte, wie ich auf einer Steinmauer balancierte und mir mein Kaffee nur noch in der luftigen Höhe einer Treppenstufe des nächstgelegenen Hauseingangs schmecken wollte, hielt ich irritiert inne. Grassierte neben verschiedenen Corona-Mutationen das Reinhold-Messner-Virus? Wofür steht der unbewusste Schritt auf die nächsthöhere Treppenstufe oder die Empore?
These Nummer eins: Die topographische Erhöhung ist gleichbedeutend oder zumindest Ausdruck der sprichwörtlichen Selbsterhöhung mit all ihren Annehmlichkeiten: angenommene Kontrolle, Macht und Sicherheit. Im Angesicht verunsichernder Zeiten, die bei einem mehr beim anderen weniger Unsicherheiten zutage treten lassen, ist das Sich-selbst-Erhöhen eine unbewusste Angstabwehr. Frei nach der allbekannten Kausalkette: Wer oben ist, ist stark und wer stark ist, hat weniger zu fürchten. Eine wichtige gesellschaftliche Funktion hätte die Selbsterhöhung damit auch, denn wer sich nicht fürchtet oder sich sogar überlegen fühlt, kann seinen Mitmenschen in der Regel gelassener und wohlgesonnener begegnen. Hat die Symbolik des Herrschers, der sein Volk von der Anhöhe seines Palasts regiert, derartige Spuren hinterlassen, sodass wir tief in unserem inneren ein Gefühl von Kontrolle verspüren, wenn wir etwas Abstand zwischen uns und den Boden bringen? Na klar. Woher sonst kommt das von SUV-Fahrern viel bemühte Argument, sie fühlten sich erheblich sicherer auf ihrem PS-Thrönchen? Wer herabblickt, fühlt sich kraftvoller, mächtiger und schiebt störende, subversive „Teerulanten“ einfach aus dem Weg. Ihre Legitimität beziehen sie aus dem Überblick, dank dem sie mit Weitblick die Straßen regieren. Der Schluss, dass SUV fahrende Mütter und Väter heute auf Spielplätzen die oberste Klettergerüstsprosse für sich beanspruchen, liegt auf der Hand. Sie legen damit eine Rangfolge der Spielplatzhackordnung fest, die an die Treppenhierarchie aus Gossip Girl erinnert: ME first! Wegen der Sicherheit! Wer oben sitzt, heißt Blair.
These Nummer zwei: Die Verrücktheit, die uns allen schlummert, hatte dank des pandemiebedingten Ausnahmezustandes Ausgang. Für die wenigen unter uns, die nach 1945 oder sogar nach 1990 geboren sind, waren die gesellschaftlichen Zustände während der Coronapandemie ein fast unwirkliches, singuläres Ereignis. Während viele Aspekte des Lebens stark reguliert waren, tat sich eine neue Freiheit auf: die der Besonderheit der Situation. Wenn nichts ist, wie es war und in vielerlei Hinsicht Neuland betreten wird, gibt es keine Präzedenz an Verhaltensweisen, die der Situation entsprechen. Wo keine Norm, da entsteht Raum für Ungewöhnliches, für das, was die ungeschriebenen Regeln der Sozialisation für gewöhnlich untersagen.
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Du gehst im Pyjama auf die Straße? – Wir haben Corona!
Du hängst mit nur einem Arm von der höchsten Sprosse des Klettergerüsts? – Wir haben Corona!
Deine Kinder müssen dich beim Schaukeln anschubsen? – Wir haben Corona!
Du gurgelst um 10 Uhr morgens Hochprozentiges? – Alles gegen Corona!
Du sprichst mit dir selbst? – Wir haben Corona!
Endlich darf all das an die Oberfläche, was wir sonst mühevoll zurückhalten und uns für besondere, meist alkoholgetränkte Anlässe aufheben, die wir anschließend gern als Ausrutscher abtun: „I wasn‘t myself last night“ sollte der Refrain eines jeden Songs postalkoholischer Depression sein. Wer zu Coronazeiten auf Geländern balancierte, hat die Gunst der Stunde erkannt. Corona-Maßnahmen sind die neue Freiheit. Glücklich der, der sie zu nutzen weiß.








