Im September 2022 erregten die Bilder von Gasblasen an der Wasseroberfläche nahe der dänischen Insel Bornholm weltweites Aufsehen. Die Frage, die sich viele Menschen stellten, war: “Was geschieht dort?”
Nord-Stream-Prozess in Hamburg: Ein wegweisender Strafprozess beginnt

Im September 2022 erregten die Bilder von Gasblasen an der Wasseroberfläche nahe der dänischen Insel Bornholm weltweites Aufsehen. Die Frage, die sich viele Menschen stellten, war: “Was geschieht dort?” Schnell stellte sich heraus, dass es sich um einen Sabotageakt handelte, bei dem Gas aus den Nord-Stream-Pipelines, die sich am Grund der Ostsee befinden, entwich. Die Suche nach den Verantwortlichen für diese Sprengungen erreicht nun ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem Beginn des ersten Strafprozesses zu den Nord-Stream-Anschlägen, der heute Vormittag um 11 Uhr am Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg startet.
Protest und Prozessbeginn
Vor dem Gericht in Hamburg versammeln sich Menschen, um gegen den russischen Angriffskrieg zu protestieren. Der Prozess, der um 11 Uhr beginnt, zieht bereits im Vorfeld großes Interesse auf sich. Alle relevanten Informationen werden in einem Liveblog bereitgestellt.
Die Anklage und die mutmaßlichen Täter
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass insgesamt sieben Personen direkt an der Sabotage der Ostsee-Pipelines beteiligt waren. Am 26. September 2022 sollen sie drei Röhren von Nord Stream 1 und Nord Stream 2 mit Sprengsätzen stark beschädigt haben, und das in einer Tiefe von 80 Metern.
Der einzige Angeklagte in Hamburg ist der Ukrainer Serhii K., der als mutmaßlicher Kopf der Sabotagegruppe gilt. Er wurde im November 2025 nach Deutschland überstellt und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Laut Bundesanwaltschaft begab sich Serhii K. spätestens am 8. September 2022 mit seinen sechs Komplizen im Hafen von Wiek auf Rügen auf die Segeljacht “Andromeda”, die ein Mittelsmann für mehrere Wochen gechartert hatte.
Die Rolle der Taucher
Zusätzlich zu Serhii K. war ein weiterer Soldat an Bord der Segeljacht, der für den Sprengstoff verantwortlich gewesen sein soll. “Es gab auch einen Skipper und insgesamt vier zivile Taucher, die in der Ukraine rekrutiert wurden, um in die großen Tiefen der Ostsee hinabzutauchen und dort die Sprengsätze zu platzieren”, erklärt Jörg Diehl, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung”. Diese Gruppe soll bei Tauchgängen am Meeresboden vier mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den Pipelines befestigt haben, wobei es sich um Hochleistungssprengstoffe handelte, die auch in großen Wassertiefen explosionsfähig sind.
Finanzielle Auswirkungen der Sabotage
Durch die Sprengungen der Pipelines ist laut Angaben des Gerichts ein Schaden in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe entstanden. Die Nord Stream 1-Pipeline transportierte jahrelang russisches Erdgas nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern, während die Nord Stream 2-Pipeline nie in Betrieb genommen wurde.
Hintergründe zu den Pipelines
Die Nord Stream 1-Pipeline besteht aus zwei jeweils 1.224 Kilometer langen Strängen, die 2011 und 2012 in Betrieb genommen wurden. Diese führen vom russischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald und konnten zusammen jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas transportieren, was den Energiebedarf von mehr als 26 Millionen europäischen Haushalten deckte. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde die Gasdurchleitung durch Nord Stream 1 mehrfach stark gedrosselt und schließlich am 1. September 2022 ganz eingestellt. Die Investitionen in die Nord Stream 2-Pipelines beliefen sich auf insgesamt rund 17 Milliarden Euro.
Festnahme und Auslieferung des Angeklagten
Serhii K. wurde Ende August 2025 an der Adria-Küste während eines Urlaubs mit seiner Familie festgenommen. Er wehrte sich gegen seine Auslieferung, wurde jedoch drei Monate später am 27. November 2025 nach Deutschland überstellt. Ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe setzte am folgenden Tag den Haftbefehl gegen ihn in Vollzug. Die Anklageschrift umfasst 108 Seiten und beschuldigt ihn eines Kriegsverbrechens, einschließlich des Einsatzes verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff auf zivile Objekte.
Prozessort und Sicherheitsvorkehrungen
Obwohl es keinen örtlichen Bezug nach Hamburg gibt, findet der Prozess dort statt, da die Gaspipelines in Mecklenburg-Vorpommern ankommen. Hamburg hat mit Mecklenburg-Vorpommern einen Vertrag, der besagt, dass Hamburg die Staatsschutzdelikte aus diesem Gebiet verhandelt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind aufgrund der Brisanz des Verfahrens besonders hoch. Der Prozess wird nicht in einem regulären Gerichtssaal, sondern im speziellen Sicherheitstrakt des Gerichts stattfinden, was zusätzliche Kontrollen für Zuschauer bedeutet.
Prozessdauer und internationale Aufmerksamkeit
Die Dauer des Prozesses ist noch ungewiss, jedoch wird bereits jetzt klar, dass es sich um ein langwieriges Verfahren handeln wird, das voraussichtlich bis ins Jahr 2027 andauern wird. Prozessbeobachter rechnen damit, dass es Jahre dauern könnte, bis ein Urteil gefällt wird. Im Vorfeld haben sich über 100 Medienvertreter aus verschiedenen Ländern angemeldet, was das internationale Interesse an dem Verfahren unterstreicht.
Politische Dimension und mögliche Folgen
Eine der zentralen Fragen des Prozesses ist, ob das Sabotagekommando auf eigene Faust oder im Auftrag des ukrainischen Staates handelte. Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass es einen staatlichen Auftrag der Ukraine gab, während der ukrainische Präsident Selenskyj dies stets zurückgewiesen hat. Der Völkerrechtler Klemens Fischer betont die große Bedeutung des Prozesses für die deutsch-ukrainischen Beziehungen und die deutsche Außenpolitik. Ein Urteil, das eine Involvierung der Ukraine bestätigt, könnte die Unterstützung Deutschlands für die Ukraine erheblich erschweren.
Schadenersatzforderungen und weitere Anklagen
Im Prozess wird es ausschließlich um die Frage der Tatbeteiligung der Verdächtigen an den Sprengungen gehen, nicht um Schadenersatz oder russische Reparationsforderungen. Das Hanseatische Oberlandesgericht hat die Anträge der beiden mehrheitlich russischen Betreibergesellschaften, als Nebenkläger aufzutreten, abgelehnt. Ob in Zukunft weitere Anklagen gegen andere mutmaßliche Saboteure erhoben werden, bleibt abzuwarten. Gegen sechs weitere Personen liegen Haftbefehle vor, darunter der Ukrainer Wolodymyr Z., der im August 2026 in Kroatien festgenommen wurde und möglicherweise ebenfalls in Deutschland vor Gericht stehen könnte.
Der Prozess gegen Serhii K. in Hamburg könnte die Debatte über die Unterstützung der Ukraine neu entfachen und hat das Potenzial, weitreichende politische Konsequenzen nach sich zu ziehen.
Quellen: NDR
Dieser Text wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz in Zusammenarbeit mit unserer Redaktion erstellt.







