Die russische Besatzung in der Ukraine bringt gravierende Menschenrechtsverletzungen mit sich. Berichte über willkürliche Festnahmen, Folter und die Unterdrückung ukrainischer Identität werfen ein düsteres Licht auf die Lebensrealität von Millionen Zivilisten.
Russische Besatzung: Die dunklen Seiten des menschlichen Zusammenlebens

Die Situation in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine wirft drängende Fragen auf. Während die ukrainischen Streitkräfte in vielen Regionen Fortschritte erzielen, bleibt die Russifizierung der dort lebenden Bevölkerung ein zentrales Problem. Schätzungen zufolge leben zwischen 3,5 und 5 Millionen Ukrainer seit mehreren Jahren unter russischer Kontrolle, viele von ihnen bereits seit der Annexion der Krim im Jahr 2014. Die genaue Anzahl derjenigen, die das russische Regime unterstützen oder ablehnen, ist unklar, doch die Mehrheit dürfte unter den Repressionen leiden.
Dmytro Lubinets, der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, berichtet:
„Die Menschen sind Einschüchterung, willkürlichen Festnahmen, erzwungener Passausstellung, Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie Druck ausgesetzt, ihre ukrainische Identität aufzugeben.“
Er analysiert kontinuierlich Informationen aus offenen Quellen und Berichten von Bürgern.
Menschenrechtsverletzungen und Repressionen
Zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zählen laut Lubinets:
- rechtswidrige Inhaftierungen
- gewaltsames Verschwinden von Personen
- willkürlicher Freiheitsentzug
- Folter und sexuelle Gewalt gegen Inhaftierte
- Verfolgung ukrainischer Staatsbürger aufgrund ihrer proukrainischen Haltung
Die Berichte über die Zustände in den besetzten Gebieten sind alarmierend. Widerstand gibt es nur selten, was unter anderem an den drakonischen Strafen liegt, die auf Auflehnung folgen. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte stellte fest, dass jeglicher Widerstand mit Gewalt im Keim erstickt wird.
In einer Dokumentation mit dem Titel „Das Grauen in meinem Haus – die russisch besetzten Gebiete in der Ukraine“ wird auf systematische Misshandlungen und Folter hingewiesen, die sowohl Zivilisten als auch Kriegsgefangene betreffen. Die Dokumentation beschreibt die tiefen menschlichen Abgründe, die sich in diesen Gebieten auftun.
Die Lage der Kinder
Ein weiteres besorgniserregendes Beispiel für die prekäre Situation in den besetzten Gebieten ist die Lage der Kinder. Lubinets verweist auf Geheimdienstangaben, wonach in der Stadt Melitopol etwa 50 Prozent der Patienten notwendige diagnostische Untersuchungen nicht rechtzeitig durchführen lassen können.
„40 Prozent warten länger als zwei Wochen auf einen Arzttermin,“
so Lubinets.
Die russischen Besatzer haben zudem ein besonderes Augenmerk auf Kinder gelegt. Viele sollen bereits seit 2014 verschleppt worden sein. Lubinets kann aufgrund der unklaren Datenlage keine genaue Zahl nennen, betont jedoch die traumatischen Erfahrungen, die Kinder durch die Trennung von ihren Familien machen müssen. Unicef-Sprecher Toby Fricker erklärte:
„Die Trennung von der Familie ist eine der traumatischsten Erfahrungen, die ein Kind machen kann – jederzeit, aber besonders im Krieg, wenn Kinder zahlreichen Gefahren ausgesetzt sind.“
Propaganda und Militärdienst
In den besetzten Gebieten sind Kinder auch Propaganda ausgesetzt. Eltern werden gezwungen, auf den Fernunterricht nach ukrainischen Lehrplänen zu verzichten. Um die Kinder militärisch-patriotisch zu erziehen, gibt es die „Junarmija“, eine Art Jugendarmee, sowie militärisch-patriotische Zentren und Programme für Jugendliche. Wer sich nicht freiwillig anschließt, kann gezwungen werden, sich der russischen Armee anzuschließen.
Lubinets berichtet, dass Moskau systematisch darauf abzielt, die Bewohner der besetzten Gebiete zum Militärdienst zu rekrutieren. Schätzungen zufolge könnte es in den vergangenen Jahren Zehntausende solcher Fälle gegeben haben.
„In den vorübergehend besetzten Gebieten der Oblast Donezk wurde der Rekrutierungsplan für den Vertragsdienst im Jahr 2025 um mehr als 105 Prozent übererfüllt,“
so Lubinets. Auch in den besetzten Gebieten der Oblaste Saporischschja und Cherson haben sich die Rekrutierungszahlen seit Jahresbeginn nahezu verdoppelt.
Fluchtgründe und Russifizierung
Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist die erzwungene Ausstellung von Pässen, die Teil der Russifizierung in den besetzten Gebieten ist. Lubinets nennt mehrere Gründe, warum ukrainische Staatsbürger nicht fliehen: hohes Alter, gesundheitliche Probleme, die Versorgung von Familienmitgliedern, finanzielle Schwierigkeiten oder die Angst, ihr Zuhause zu verlieren. Zudem gibt es Menschen, die von den Besatzungsbehörden erfolgreich beeinflusst wurden.
Zukünftige Bedrohungen
Obwohl die russische Armee kaum noch ukrainisches Territorium erobert, hält der Kreml an seinen Zielen fest und strebt die vollständige Kontrolle über den Donbass an. Präsident Wladimir Putin erklärte:
„Wohin ein russischer Soldat seinen Fuß setzt, das gehört uns.“
Er behauptet, Russen und Ukrainer seien ein Volk und dass die gesamte Ukraine „unser“ sei.
Die wirtschaftlichen Probleme in Russland, die durch den illegalen Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärft werden, haben den Kreml bislang nicht zur Einsicht gebracht. Die ukrainische Regierung warnt zudem vor einer stärkeren Einbeziehung von Belarus in den Krieg durch Druck aus Moskau. In der EU wird befürchtet, dass Russland in den kommenden Jahren ein NATO-Land angreifen könnte. Die estnische Grenzstadt Narva, die einen hohen Anteil russischsprachiger Bevölkerung hat, wird in diesem Zusammenhang häufig als potenzielles Ziel genannt.
Hypothetische Szenarien
Die Frage, ob den Bewohnern von Narva ein ähnliches Schicksal wie den Ukrainern in den besetzten Gebieten droht, bleibt offen. Lubinets äußert sich dazu:
„Niemand kann jedes Detail eines hypothetischen Szenarios vorhersagen. Ich bin jedoch überzeugt, dass, wenn Russland für seine Verbrechen in der Ukraine ungestraft bleibt, solche auch in anderen Ländern verübt werden könnten.“
Er verweist auf die Genfer Konventionen, die besagen, dass Besatzungsmächte die Zivilbevölkerung schützen müssen. Dazu gehören das Verbot von Zwangsdeportationen, die Achtung von Eigentumsrechten und die humane Behandlung von Gefangenen.
Lubinets schlussfolgert:
„Sollte es jemals zu einer ähnlichen Besatzung in einem Land wie Estland kommen, wäre der rechtliche Rahmen derselbe. Die tatsächliche Situation vor Ort würde jedoch von vielen Faktoren abhängen: dem Verhalten der Besatzungstruppen, dem Ausmaß des Widerstands, der Reaktion lokaler Institutionen sowie dem Umfang internationaler Überwachung und Durchsetzung.“
Quellen: n-tv








