Du wirst mindestens zwei Mal in der Woche als Asi bezeichnet? Du fragst dich, ob du verrückt bist oder ob nicht doch die ganze Welt verrückt ist? Du kannst am Tag der Niederlage deines Lieblingsvereins trotzdem zur Arbeit gehen? Dann gehörst du vielleicht zum Verdrängertyp.
Schlaue Ignoranz – Bist du der Verdrängertyp?

Montagvormittag in einem kleinen StartUp im Herzen Berlins, in dem noch keine Vitamin-Water Automaten stehen, die die Mitarbeiter mit Vitamin B versorgen und keine Tischtennisplatten, die die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem verschleiern. Und dennoch oder gerade deshalb ist die Atmosphäre hier besonders persönlich, ja beinahe familiär.
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Eine Mitarbeiterin betritt den Raum und geht unsicheren Schrittes auf ihren Chef zu. „Darf ich dich kurz sprechen?“, sagt sie. Ihre Stimme bricht. Unter Tränen berichtet sie, das Unternehmen verlassen zu müssen. Der Abschied geht ihr sichtlich nahe. Der ursprüngliche Eindruck der Familiarität bestätigt sich. Hier steht keiner, der nur Abschied von einer Stelle nimmt, sondern jemand, der sich von liebgewonnen Menschen trennt. Es ist ein Abschied wie der eines angehenden Studenten, der das Elternhaus und den Freundeskreis verlässt, um den Gang des Helden in die weite Welt anzutreten.
Die Mitarbeiter sind ob der Abschiedsnachricht sichtlich berührt, beklagen und betrauern den Abgang der geschätzten Kollegin. Einzig der Chef bleibt gefasst, wünscht ihr kurz und trocken, wenn auch nicht unherzlich alles Gute und verabschiedet sie mit einem Strahlen, als hätte Hertha die Meisterschaft gewonnen. Dabei ist er es, der den vermeintlich größten Verlust ertragen muss. Und das nicht in unternehmerischer Hinsicht. Er war es, der ihr am nächsten stand, sie am liebsten mochte und ihr am meisten vertraute. „Sag mal, wieso seid ihr denn so drauf?“, fragt er eine weitere Mitarbeiterin. „Ach weißt du, du bist schon eher so der Verdrängertyp“, kommt es etwas lapidar zurück.
Szenen wie diese, in der unsere Reaktionen auf einen Sachverhalt höchst unterschiedlich ausfallen, sind so alltäglich wie irritierend. Im besten Fall lösen solche Szenen ein angedeutetes Kopfschütteln beim Gegenüber aus. Nicht selten sorgen sie für Unsicherheit oder wirken gar kränkend. Kleinere Wutanfälle oder demonstratives Schmollen sind vorprogrammiert. Aber warum reagieren wir so unterschiedlich?
Unsere Psyche, dieses wundersame Etwas, ist mit allerlei Funktionen ausgestattet, die darauf abzielen, uns reibungslos durch den Alltag zu leiten. Sie versucht die Balance zwischen emotionaler Durchlässigkeit und kurzfristiger Handlungsbereitschaft zu wahren. Beides ist essenziell für ein gelungenes Leben. Oder etwas polemisch ausgedrückt: Wer nicht fühlt, verliert den Sinn für das, was (ihm) wichtig ist und damit ein Stück der Wirklichkeit und der Bedeutsamkeit des Lebens. Wer nur fühlt, wird von der Wucht des Lebens überwältigt. Er sieht sich ihr ohnmächtig ausgesetzt und verliert die Möglichkeit, sie zu gestalten. Ausgeklügelte unbewusste Mechanismen des selektiven Vergessens, Wegschiebens und Ausblendens bestimmen, welche Geschehnisse uns zu einem bestimmten Zeitpunkt vordringlich beeindrucken dürfen.
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Letztens saß ich einem Restaurant (!) und sah ein etwa 8 Jahre altes Mädchen in Tränen ausbrechen, als es vom Schweinegeschnetzelten ihrer Mutter probieren sollte. Nun kann es natürlich sein, dass der Geschmack derart grausam war, dass auch mir beim Genuss dieser Schweinerei die Tränen gekommen wären. Wahrscheinlicher ist, dass es bereits Erfahrungen mit der einen oder anderen Implikation des Fleischkonsums gemacht hat und die Vorstellung von Tod, Grausamkeit oder Unrecht für ihre Tränen verantwortlich waren. Ich war drauf und dran, sie um ihre noch nicht ausgereifte Verdrängungsfähigkeit zu bemitleiden, als mir Zweifel kamen, wem hier Mitleid gebührt. Klar, nur wer gut verdrängt, ist ein erstklassiger Fleischkonsument und damit ein Ehrenmitglied im örtlichen „Meatlovers Grillclub“. Aber ist eine größere Berührbarkeit nicht vielleicht auch Voraussetzung für ein volleres Leben, mehr Menschlichkeit und bessere Entscheidungen im Sinne aller? Was mir bleibt, ist lediglich ein voller Bauch und ein, das will ich nicht leugnen, hochbeglückter Gaumen. Warum ich anschließend dennoch einen etwas faden Nachgeschmack im Mund hatte? Ach, wen interessierts, man muss schließlich nicht alles so genau wissen.
Kehren wir zu unserer Ausgangsszene zurück. Während der Chef mit seinen Gedanken bereits bei der Neubesetzung der Stelle ist, blasen die Kollegen Trübsal. An Arbeit ist bei ihnen nicht zu denken. Unterdes macht sich der Chef bereits daran, ein lobendes, zukunftsorientiertes Arbeitszeugnis zu formulieren. An dieser Stelle besteht großes Potential für ein grundlegendes Missverständnis. Die unterschiedliche Emotionalität verführt uns zu der Annahme, unsere Bewertung oder gar Werte seien grundsätzlich verschieden. Die Andersartigkeit oder Absenz von Emotion in diesem Moment könnte zu Annahmen wie, „Wenn er die Angestellte gemocht hätte, wäre er auch traurig gewesen“ oder, „ihm liegt nichts an seinen Angestellten“ führen.
Tatsächlich ist am wahrscheinlichsten, dass die Bewertung der Situation beim Chef wie bei den Kollegen eine ganz ähnliche ist. Die Psyche des Chefs, der zu jeder Zeit dafür Sorge tragen muss, dass der Laden trotz jedweder Widrigkeiten läuft, schiebt die traurige emotionale Komponente, die die Situation auch für ihn bedeutet, beiseite. Er muss bereit sein, pragmatische Entscheidungen treffen zu können. Tatsächlich hält er damit den anderen den Rücken frei, die relativ risikofrei trauern dürfen. Dennoch wird zu diesem Zeitpunkt der Chef seine Angestellten als allzu sensibel und diese wiederum ihren Chef als distanziert und kühl wahrnehmen.
Die Verdrängung hat ihren schlechten Ruf zu Unrecht. Sie hält uns funktional und trägt erheblich zu unserer geistigen Gesundheit bei. Aber auch hier gilt: Verdrängen will gelernt sein (was schwer ist, da es unbewusst von statten geht). Zu viel davon, zu wenig oder das falsche zum falschen Zeitpunkt verdrängt und wir kommen ins Schleudern. Der Grad für geistige Gesundheit wirkt beizeiten etwas schmal und die Verrücktheit hat auch ihre Allüren. Umso bewundernswerter, dass unsere Psyche uns meist in relativer Unbeschwertheit durch die Welt marschieren lässt. Wer etwas verdrängt, ist nicht asozial und wer Emotion zeigt kein Borderliner. Ein Plädoyer für mehr Toleranz und ein Hoch auf die schlaue Ignoranz.








