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Der Erfolg von Fake News

Pandemie, Krieg, Wahlen: Täglich erscheinen weltweit Millionen neuer Videos, Artikel oder Posts im Netz und in Chatgruppen, darunter auch viele Falschinformationen. Aus welchen Gründen fallen Menschen darauf herein?

Ob eine Botschaft viele Leute erreicht, hängt nicht mehr davon ab, wer sie verbreitet, sondern wie viele Leute sie hören und weiterleiten wollen.
Foto: Franziska Gabbert/zb/dpa

Es ist eine Behauptung, die seit den vergangenen Bundestagswahlen durch soziale Netzwerken und private Messenger-Dienste geistert und auch aktuell noch geteilt wird: Angeblich wolle die damalige Kanzlerkandidatin und heutige Außenministerin Annalena Baerbock den Deutschen ihre Haustiere verbieten. Sie erwäge etwa eine CO2-Steuer auf Hund und Katze, um Emissionen zu reduzieren.

Das ist Humbug – oder sachlicher: Fake News, also eine bewusst irreführende Behauptung, die gezielt verbreitet wird, um die Grünen-Politikerin zu diskreditieren. In einem kürzlich erschienenen Report des Thinktank Club of Rome bezeichnen die Autorinnen und Autoren die «kollektive Unfähigkeit, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden», als «bedeutendste Herausforderung unserer Tage».

In demokratischen Gesellschaften seien Fehl- und Falschinformationen zumindest bis zu einem gewissen Grad durch die Massenmedien eingedämmt worden, heißt es in dem Bericht «Earth for All». «Die sozialen Medien aber haben dieses Modell zertrümmert. Sie haben eine ganze Industrie der Falsch- und Desinformationen entstehen lassen, was der Polarisierung von Gesellschaften und einem Vertrauensverlust Vorschub leistet und dazu beiträgt, dass wir angesichts der kollektiven Herausforderungen unfähig sind, zusammenzuarbeiten oder uns auch nur über Grundtatsachen zu verständigen.»

Doch warum sind Fake News so erfolgreich?

«Der Grund, wieso Menschen Falschinformationen glauben, ist: weil sie ihnen gerne glauben wollen», sagt der Politik- und Datenwissenschaftler Josef Holnburger. «Weil sie dadurch einen Schuldigen präsentiert bekommen, oder weil ihre eigene politische Position ihrer Meinung nach die richtige ist.» Dies gehe sogar so weit, dass einige Desinformation häufig sogar dann teilen, wenn diese bereits widerlegt wurde.

Eine solche Desinformation wird von etlichen Nutzerinnen und Nutzern im Netz sofort aufgriffen und diskutiert. Im digitalen Zeitalter, in dem jeder und jede Gehör finden kann, haben es gesicherte Fakten dagegen wesentlich schwerer, durchzudringen. Grund hierfür seien unter anderem Empörung und Wut, sagt Holnburger. «Nachrichten, die wütend machen, bringen Menschen eher dazu, sie weiterzuleiten oder auf Social Media zu posten.»

Menschen wollen etwas gegen die behaupteten Missstände unternehmen und teilen derartige Nachrichten daher eher. Gesicherte Fakten oder Aufklärung über Desinformation – sogenannte Faktenchecks – hingegen erreichen deutlich weniger Menschen, weil sie nur selten jemanden empören oder aktivieren. So einige psychologische und algorithmische Effekte böten eine Art Heimvorteil für Desinformation, sagt Holnburger.

Der Tech-Blogger Ben Thompson beschrieb das Phänomen vor einigen Jahren so: «Die Macht hat sich von der Angebots- auf die Nachfrageseite verlagert.» In anderen Worten: Ob eine Botschaft viele Leute erreicht, hängt nicht mehr davon ab, wer sie verbreitet, sondern wie viele Leute sie hören und weiterleiten wollen.

Eine These, die der Medienkulturwissenschaftler Martin Doll bekräftigt: «Die technischen Mechanismen von Social-Media-Plattformen zeichnen sich dadurch aus, die Posts zu bevorzugen, die am meisten Reaktionen provozieren.» Dies sorge für eine Verstärkung des Nachrichteneffekts – eben und gerade auch bei Falschinformationen.

«Motivationshintergrund oft eine Destabilisierung»

Meist stecken Experten zufolge politische oder wirtschaftliche Absichten dahinter. Aktuelles Beispiel: Fakes über den Krieg in der Ukraine. «Hier ist der hauptsächliche Motivationshintergrund oft eine Destabilisierung – also Chaos, Misstrauen und Ähnliches zu streuen», sagt Holnburger. Manche der verbreiteten Thesen widersprächen sich sogar. «Beispielsweise haben wir gerade in der Anfangszeit des Krieges immer wieder die Desinformation gesehen, dass Russland gar nicht in die Ukraine einmarschiert sei. Gleichzeitig hieß es aber auch, dass Russland guten Grund gehabt habe, einzumarschieren.»

Sinn und Zweck auch widersprüchlicher Fake News ist es, Nutzer mit so viel Falschem zu überschütten, dass Wahrheit und Fakten daneben fast verschwinden. «Man hat schließlich so viele alternative Hypothesen, dass man anfängt, sie zu glauben», so Holnburger. Zudem solle die Verlässlichkeit etablierter Medien untergraben werden.

Einer Erhebung der Vodafone-Stiftung aus dem Sommer 2021 zufolge sind vor allem Menschen der Generation 50 plus diejenigen, die häufig Desinformation sehen und teilen. Fragt man sie danach, wie oft sie Fake News begegnen, können sie das demnach oft nicht beantworten. Unter anderem, weil sie das Gelesene und Gesehene nicht als Lüge wahrnehmen, sondern als Information.

Deshalb ist es Fachleuten zufolge wichtig, dass vor allem das private Umfeld – Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen – in solchen Fällen widerspricht. «Oftmals glauben von Desinformation betroffene Menschen, dass ihnen eine schweigende Mehrheit zustimmt, oder dass das alle so glauben würden», erklärt Holnburger. Dieses Weltbild müsse ins Wanken gebracht werden. «Das persönliche Umfeld hat im Vergleich zu großen medialen Aufklärungskampagnen noch am ehesten Zugang.» In diesem Zusammenhang hat dann auch die Arbeit von Faktencheckern einen Nutzen. «Das sind genau die Plattformen, die deren Umfeld auf Falschinformationen hinweist.»

dpa