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Faktencheck: Warum das BMG einen Corona-Tweet löschte

Nach der Corona-Impfung soll angeblich einer von 5000 Menschen von einer schweren Nebenwirkung betroffen sein. Das twitterte das Bundesgesundheitsministerium. Doch die Sache hat zwei Fehler.

Die angebliche Zahl schwerer Nebenwirkungen der Corona-Impfungen sind seit Monaten ein Zankapfel in Politik und Gesellschaft.
Foto: Sven Hoppe/dpa

Die angebliche Zahl schwerer Nebenwirkungen der Corona-Impfungen sind seit Monaten ein Zankapfel in Politik und Gesellschaft. Dabei gibt es schon seit Beginn der Impfkampagne Daten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Jüngst hat aber selbst das Bundesgesundheitsministerium (BMG) irreführende Informationen verbreitet – und musste zurückrudern.

Behauptung: «Eine von 5000 Personen ist von einer schweren Nebenwirkung nach einer COVID-19-Impfung betroffen», schreibt das BMG am 20. Juli 2022 in einem mittlerweile gelöschten Tweet.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Das Ministerium von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) begeht im ursprünglichen Tweet, der in sozialen Medien für reichlich Reaktionen gesorgt hat, zwei Fehler: Es macht nicht konkret deutlich, dass es sich ausschließlich um Verdachtsmeldungen handelt. Verwechselt werden zudem Patienten mit der Zahl der Impfungen.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland unter anderem für die Überwachung von Impfstoffen zuständig ist, gibt in seinem jüngsten Sicherheitsbericht an: Im gesamten Zeitraum zwischen Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember 2020 und dem 31. März 2022 lag die Melderate für schwerwiegende Reaktionen bei allen Corona-Vakzinen zusammen bei 0,2 Meldungen pro 1000 Impfdosen.

Da viele Menschen in Deutschland sich mehrmals gegen das Coronavirus haben impfen lassen, kann die Zahl aber nicht eins zu eins auf Patienten umgerechnet werden, wie es das BMG getan hat.

Dem PEI zufolge wurde also hochgerechnet im Schnitt bei 5000 Impfungen ein Mal gemeldet, dass möglicherweise eine schwere Nebenwirkung aufgetreten sein könnte. Die Betonung liegt hierbei auf: möglicherweise. Denn es handelt sich nur um Verdachtsmeldungen. Die erfassten Reaktionen stehen dem Institut zufolge «oftmals im zeitlichen, nicht aber unbedingt im ursächlichen Zusammenhang mit einer Impfung». Nicht jede sei tatsächlich eine Nebenwirkung.

Das PEI vergleicht die Verdachtsmeldungen mit der statistischen Erwartung bei Menschen ohne Impfung. Ergibt sich bei einem Symptom eine signifikant höhere Rate, geht das Institut von einem Risikosignal aus. So lag zum Beispiel die Zahl der Berichte einer Sinus- beziehungsweise Hirnvenenthrombose nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff höher als der Erwartungswert.

Seit Monaten versuchen Impfgegner immer wieder, durch bewusste Falschinterpretation der offiziellen Zahlen des PEI oder der auf EU-Ebene zuständigen Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zu unterstellen, es seien sehr viele Menschen nach einer Covid-Impfung schwer erkrankt oder gestorben. Doch auch die EMA gibt lediglich Verdachtsmeldungen an, keine nachgewiesenen Nebenwirkungen.

Dem PEI zufolge gab es bei mehr als 178 Millionen verabreichten Dosen bis Ende März 116 gemeldete Todesfälle, bei denen ein wahrscheinlicher oder möglicher ursächlicher Zusammenhang zur Impfung besteht.

«Schwerwiegende Nebenwirkungen» sind dem Arzneimittelgesetz zufolge Nebenwirkungen, die unter anderem tödlich oder lebensbedrohlich sind, eine stationäre Behandlung erforderlich machen oder zu bleibenden Behinderungen führen. Anders als bei anderen Impfstoffen definiert das PEI zusätzlich auch alle unerwünschten Reaktionen von besonderem Interesse nach Corona-Impfungen als «schwerwiegend».

Mittlerweile hat das BMG den irreführenden Tweet gelöscht und in einem neuen Post richtig formuliert: «0,2 Verdachtsmeldungen pro 1000 Impfdosen beträgt die Melderate ans @PEI_Germany für schwerwiegende Reaktionen.»

dpa