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Pflege im Heim wird teurer – auch mit neuem Kostendämpfer

Schon seit Jahren wird es im Pflegeheim für viele Bewohnerinnen und Bewohner immer teurer. Kann eine neue staatliche Kostenbremse den Trend aufhalten? Die Branche warnt vor noch höheren Belastungen.

Ruth Schwendtner, Mitarbeiterin des Seniorenhaus im Vorbachtal, betreut einen Bewohner des privaten Pflegeheims.
Foto: Marijan Murat/dpa

Selbst zu zahlende Kosten für Pflegebedürftige im Heim sind weiter gestiegen – und auch neue Entlastungszuschüsse federn das laut einer Auswertung nur teilweise ab.

Im ersten Jahr im Heim waren zum 1. Juli im bundesweiten Schnitt 2200 Euro pro Monat aus eigener Tasche fällig – 67 Euro mehr als noch zum 1. Januar, wie eine am Mittwoch vorgelegte Analyse des Verbands der Ersatzkassen ergab. Die zu Jahresbeginn eingeführten Zuschläge steigen dabei mit längerem Heim-Aufenthalt und dämpfen Kostenzuwächse dann auch stärker. Private Altenpflege-Anbieter warnen vor noch weiteren starken Kostensprüngen.

In den Zuzahlungssummen ist zum einen der Eigenanteil für die reine Pflege enthalten. Denn die Pflegeversicherung trägt – anders als die Krankenversicherung – nur einen Teil der Kosten. Für Heimbewohner und Heimbewohnerinnen kommen aber noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen in den Einrichtungen hinzu. Seit 1. Januar gibt es neben den Zahlungen der Pflegekasse zudem einen Entlastungszuschlag, der mit der Pflegedauer steigt. Der Eigenanteil nur für die reine Pflege sinkt so im ersten Jahr im Heim um 5 Prozent, im zweiten um 25 Prozent, im dritten um 45 Prozent, ab dem vierten Jahr um 70 Prozent.

Allerdings ist der Eigenanteil für die reine Pflege nun weiter gestiegen – ohne Zuschuss im Schnitt auf 964 Euro nach 912 Euro zum 1. Januar. Die Zuschläge bremsten also nur diesen Anstieg. Zusammen mit den anderen Zuzahlungen zeigten sich vom 1. Januar zum 1. Juli weiter Kostensteigerungen: Im zweiten Heim-Jahr stiegen die selbst zu zahlenden Anteile unter dem Strich im Schnitt noch um 56 Euro auf 2007 Euro, im dritten Jahr um 45 Euro auf 1814 Euro, ab dem vierten um 32 Euro auf 1573 Euro. Ganz ohne Zuschüsse wären es im Schnitt für alle nun 2248 Euro als Zuzahlung, 69 Euro mehr als zum 1. Januar.

Entlastung zunächst nur begrenzt spürbar

Hintergrund sind höhere Löhne, Lebenshaltungs- und Energiekosten, wie der Verband der Ersatzkassen erläuterte. Vorstandschefin Ulrike Elsner sagte, die Entlastung bei den Eigenanteilen sei besonders im ersten Jahr nur begrenzt spürbar. Sie werde durch die Steigerung der Pflegeentgelte marginalisiert. «Bei so hohen Eigenanteilen bleibt Pflegebedürftigkeit ein Armutsrisiko.» Eine nachhaltige politische Lösung für das Problem insgesamt werde dringend gebraucht. Auch die Länder stünden in der Verantwortung, endlich die Investitionskosten für Pflegeeinrichtungen zu übernehmen. Dies würde Pflegebedürftige aktuell um durchschnittlich 469 Euro pro Monat entlasten.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, kritisierte: «Der Umzug ins Pflegeheim macht heutzutage arm.» Der Zuschuss bringe gerade bei kurzem Heimaufenthalt keine Entlastung. Die Kosten, auch für Unterkunft und Verpflegung, müsse die Pflegeversicherung komplett übernehmen. Kanzler Olaf Scholz (SPD) müsse die Pflege zur Chefsache machen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz erklärte, berechtigte Lohnsteigerungen in diesem Jahr und die Inflationsrate seien zum größten Teil noch gar nicht eingepreist, daher werde der Druck auf Heimbewohner noch steigen. Der gesamte Pflege-Eigenanteil sei endlich von der Pflegeversicherung zu tragen, sagte Vorstand Eugen Brysch.

Dabei sind knapp ein Drittel der Pflegebedürftigen (30,2 Prozent) kürzer als ein Jahr im Pflegeheim, wie aus Daten nur für Versicherte der Ersatzkassen von 2021 hervorgeht. Ein bis zwei Jahre sind demnach 19,2 Prozent im Heim, zwei bis drei Jahre 14,1 Prozent und länger als drei Jahre 36,4 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner.

Große regionale Unterschiede bei den Zuzahlungen

Der Arbeitgeberverband Pflege, der private Anbieter vertritt, warnte vor einem «Kosten-Tsunami» mit drohenden nächsten Steigerungen von 600 bis 1000 Euro pro Monat – auch angesichts anstehender weiterer Lohnerhöhungen ab September. Wenn nichts passiere, würden diese Kosten an Pflegebedürftigen, ihren Familien und den Kommunen hängen bleiben, sagte Präsident Thomas Greiner. Er forderte wegen der hohen Energie- und Lebensmittelkosten einen Inflationszuschuss des Bundes von 25 Prozent. Es sei zu erwarten, dass viel mehr Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen sein würden. Auf einem Pflegegipfel müssten schnelle Lösungen auf den Tisch. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben 955 Pflegeunternehmen mit rund 80 000 Beschäftigten.

Bei den Zuzahlungen im Heim gibt es weiter auch große regionale Unterschiede. Am teuersten waren Heimplätze – noch ohne Zuschüsse betrachtet – laut der Auswertung zum 1. Juli in Baden-Württemberg mit durchschnittlich 2619 Euro im Monat. Am wenigsten kosteten sie in Sachsen-Anhalt mit 1700 Euro. In Baden-Württemberg war auch der Eigenanteil nur für die reine Pflege mit 1286 Euro ohne Zuschüsse am höchsten. Bundesweit am meisten für Unterkunft und Verpflegung zu zahlen war in Nordrhein-Westfalen mit nun 1085 Euro im Monat.

Für die Analyse wurden den Angaben zufolge Vergütungsvereinbarungen der Pflegekassen mit den Heimen in allen Bundesländern ausgewertet. Die Daten beziehen sich auf Bewohner mit den Pflegegraden 2 bis 5.

dpa