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Schätzen von Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen: Veranstalter und Polizei liegen oft weit auseinander

Die Angaben von Veranstaltern und Polizei über die Teilnehmerzahl bei Demonstrationen unterscheiden sich häufig stark. Forscher nehmen in der Regel den Mittelwert an, da die Zahlen der Organisatoren oft zu hoch und die der Polizei zu niedrig sind.

Zahlreiche Menschen nehmen an einer Demonstration gegen Rechtsextremismus in Hannover teil. Aber wie viele eigentlich genau?
Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Wenn eine große Anzahl von Menschen öffentlich demonstriert, kann man schnell den Überblick verlieren. Wenn die Zahl der Demonstranten sogar in die Zehntausende geht, ist ein genaues Zählen nicht möglich. In solchen Fällen werden die Teilnehmerzahlen geschätzt. In der Regel gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Angaben der Veranstalter und der Polizei.

Warum die Angaben auseinandergehen

Die Einschätzung von Menschenmengen ist mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden. Laut Protestforscher Sebastian Haunss von der Universität Bremen wird in der Regel ein Mittelwert zwischen den Angaben der Polizei und des Veranstalters in der Forschung verwendet.

Manchmal gibt es große Unterschiede zwischen den Zahlen. Die Organisatoren der Proteste gegen Rechtsextremismus und die AfD in Berlin am letzten Sonntag sprachen von 350.000 Demonstranten, während die Behörden bis zu 100.000 Teilnehmer angaben.

«Die Polizei gibt nur eine grobe Schätzung», erklärt die Berliner Polizeisprecherin Anja Dierschke. Die Behörde erhebe diese Zahlen, damit sie gegebenenfalls Einsatzkräfte umstrukturieren oder nachordern und Erfahrung für künftige Kundgebungen sammeln könne. «Unsere Aufgabe ist nicht, eine Demonstration über die geschätzten Zahlen als erfolgreich oder erfolglos zu bewerten», so Dierschke.

Nach Erkenntnissen von Protestforscher Haunss sind die Zahlen der Organisatoren systematisch zu hoch, die der Polizei systematisch zu niedrig. «Häufig sind die Differenzen besonders groß bei Demonstrationen, die mehr Zulauf haben als zunächst erwartet», sagt er. Die Veranstalter wollten besonders viele Menschen mobilisiert haben. Auch die Polizei sei bei Demonstrationen nicht immer neutral und habe zuweilen womöglich politische Interessen, Proteste eher zu klein darzustellen. Sie plane eine bestimmte Anzahl an Beamten für die Proteste ein und wolle am Ende nicht dastehen, als hätte sie die Situation unterschätzt.

Die Berliner Polizei lässt das Argument für sich nicht gelten. «Wir berechnen im Vorfeld unseren Kräfteeinsatz aus der Erfahrung der Vergangenheit und aus den Veranstalterangaben», sagt die Sprecherin. Verlaufe eine Demonstration friedlich und sicher für alle, spiele am Ende die Zahl der Einsatzkräfte eine untergeordnete Rolle. Am vergangenen Sonntag waren es in der Hauptstadt rund 300 Beamte.

Wie gezählt wird

Laut Haunss gestaltet es sich unkomplizierter, die Dimension von Demonstrationszügen zu berechnen. Indem man die vorbeiziehenden Reihen vom Streckenrand aus zählt und mit der durchschnittlichen Anzahl von Menschen, die sich pro Reihe vorwärtsbewegen, multipliziert, erhält man das Ergebnis. Der Forscher gibt den Schätzfehler dieser Methode mit etwa 10 bis 15 Prozent an.

Bei Kundgebungen sei eine Beurteilung deutlich schwieriger. Sie sind nur scheinbar statisch, es gibt ein immerwährendes Kommen und Gehen. «Die Fluktuation der Menschen ist methodisch nicht zu erfassen», sagt Haunss. Je länger die Proteste andauerten, umso unsicherer seien die Angaben. Sie zeigten nur den Stand zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Zuerst wird die Anzahl der Menschen ermittelt, die sich auf einem Quadratmeter aufhalten – und dann auf die Gesamtfläche der Proteste hochgerechnet. Laut Haunss entspricht dies in etwa einer Dichte von drei Menschen pro Quadratmeter auf einem gut besuchten Konzert. Vor der Bühne kann es möglicherweise enger zugehen als weiter hinten.

Die Polizei ist sich der Tatsache durchaus bewusst, dass diese Methode, die auch von ihr angewandt wird, ihre Tücken hat und dass die ermittelte Zahl nur den Zeitpunkt der Erhebung widerspiegelt – nicht die gesamte Demonstration. In der Regel schätzen Beamte am Rand der Kundgebung die Anzahl der Menschen pro Quadratmeter. Gelegentlich wird – wie am vergangenen Sonntag – ein Hubschrauber eingesetzt, um sich aus der Vogelperspektive ein Bild zu machen. In Berlin werden derzeit keine Drohnen und künstliche Intelligenz eingesetzt.

Dank zahlreicher Kundgebungen in der Hauptstadt verfügt die Polizei jedoch über Erfahrungswerte. Die Beamten haben eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Menschen auf den Platz um die Siegessäule passen oder auf die Wiese vor dem Reichstag.

dpa