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Alt, laut und mutig: Omas gegen rechts werden sichtbarer

Schilder der Omas gegen rechts sind auf fast allen Demonstrationen der jüngsten Zeit zu sehen. Die Aktivistinnen der Initiative protestieren allerdings schon seit 2018 gegen die AfD und Nazis.

Mechthilde Schratz gehört zu den Omas gegen Rechts in Leer.
Foto: Lars Penning/dpa

Ganz gleich, ob in Berlin, München, Köln, Hannover oder im ostfriesischen Leer: Bei den vielen Demonstrationen für die Demokratie seit dem Treffen radikaler Rechter in Potsdam sind fast immer auch ältere Frauen zu sehen: «OMAS GEGEN RECHTS», steht in Großbuchstaben auf ihren Schildern, Bannern, Buttons oder selbst gestrickten Mützen. Wer sind die Omas gegen rechts? 

Mitgliederzahlen haben sich mehr als vervierfacht

«Wir sind eine zivilgesellschaftliche, parteiunabhängige Initiative, die am 27. Januar 2018 gegründet wurde, inspiriert von den österreichischen OMAS GEGEN RECHTS», heißt es auf der Internetseite des Vereins Omas gegen rechts Deutschland. Der Verein schreibt das Wort Omas immer groß.

Wie viele Frauen und auch Männer inzwischen als Omas demonstrieren, ist unklar. «Seit drei Wochen haben sich die Mitgliederzahlen im Verein mehr als vervierfacht», sagt Anna Ohnweiler aus Nagold in Baden-Württemberg, eine der Gründerinnen der Bewegung in Deutschland. Viele Ortsgruppen seien unabhängig vom Verein. Ohnweiler schätzt die Zahl der demonstrierenden Omas auf mindestens 30.000. Aktuell gründen sich auch in kleineren Städten und Gemeinden immer neue Gruppen. 

Nachkriegszeit noch präsent im Kopf

In Hannover ist Uta Saenger das Organisationstalent der Omas gegen rechts. Auch einige Männer und Frauen in ihren mittleren Jahren sind Teil der Gruppe. Das Engagement gegen Nazis, Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus ist für die 70-Jährige derzeit eine Vollzeitarbeit.

«Ich sehe es als eine Verpflichtung für unsere Generation an, unsere Erfahrungen weiterzugeben und zu warnen», sagt die zierliche Frau mit der roten Baskenmütze, die sich als «Antifaschistin aus Anstand» bezeichnet, inspiriert von einem Zitat von Filmstar Marlene Dietrich, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA ging und sich gegen das Nazi-Regime engagierte. 

Die ältesten Omas in ihrer Gruppe seien fast 90 Jahre alt und hätten aus ihrer Kindheit noch Erinnerungen an Bombenangriffe oder Flucht, erzählt Saenger. Viele nach 1945 geborene Omas wuchsen ihr zufolge mit vom Krieg traumatisierten Eltern auf. In der Nachkriegszeit sei die Pädagogik zudem von «braunen Gedanken» durchdrungen gewesen. «Das war damals so präsent, dass man es jetzt sofort spürt, sieht und weiß, wenn es wieder in diese Richtung geht», sagt die 70-Jährige.

Omas protestieren nicht nur gegen rechts

Die älteren Frauenbewegung in Hannover und anderen Orten praktiziert bereits seit 2018 das zivilgesellschaftliche Engagement, das Politiker neuerdings so vehement in Reden einfordern. Die Omas haben beispielsweise vor Wahlkampfständen und Parteitagen der AfD protestiert und nach rassistischen Übergriffen Mahnwachen abgehalten. Auch in sozialen Medien werden Rednerinnen von ihnen angefeindet. Saenger sagt, man müsse furchtlos sein. Sie hat bereits Anzeige wegen Hetze im Internet erstattet.

«Die Omas gegen rechts sind in jedem Fall eine ganz besondere Frischekur für unsere Demokratie», sagt Lorenz Blumenthaler, Sprecher der Amadeu Antonio Stiftung. Inzwischen setzen sich nach Angaben der Stiftung mehr als hundert Ortsgruppen «konsequent gegen Rechtsextreme, Antisemitismus und Rassismus» ein. «Aber sie streiten auch für Klimagerechtigkeit oder während der Corona-Pandemie gegen Verschwörungserzählungen», sagt Blumenthaler.  

Einige Omas, die aktiv sind, gingen bereits Ende der 1960er Jahre während der Studentenbewegung auf die Straße oder engagierten sich in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Andere schlossen sich der Initiative erst im Rentenalter an, ohne zuvor jemals an einer Demonstration teilgenommen zu haben. Bei Demonstrationen und Kundgebungen können die Omas laut sein – mit eigens verfassten Liedern und Trillerpfeifen.

Aber es gibt auch leise Aktionen, etwa die Solidaritätswache vor einer Synagoge in Hannover. Seit dem Angriff der terroristischen Hamas auf Israel am 7. Oktober stehen jeden Freitagabend Dutzende Omas vor der Synagoge, manche mit Rollatoren, und auch bei Schneeregen. «Für uns ist das hier gelebte Anteilnahme und Freundschaft», sagt Uta Saenger in einer kurzen Ansprache vor ihren Mitstreiterinnen.

Die Vorsitzende des Landesverbandes der Liberalen Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Rebecca Seidler, sprach bei einer Kundgebung vor 35.000 Menschen in Hannover die Omas gegen rechts direkt an und bedankte sich «von Herzen für das Zeichen der Solidarität und gegen jede Form von Antisemitismus», jeden Freitag «bei Wind und Wetter». 

Ehrung für Engagement

Im Jahr 2020 wurden die Omas gegen rechts bereits mit dem Paul-Spiegel-Preis für ihr Engagement geehrt, der vom Zentralrat der Juden gestiftet wurde. Aufgrund der Pandemie wurde die Auszeichnung jedoch erst 2022 überreicht. In ihrer Dankesrede betonte Mitgründerin Gerda Smorra aus Bremen, dass die Aktionsformen der Omas vielfältig seien.

Sie seien nicht nur gegen rechts auf der Straße, sondern auch in Schulen, Volkshochschulen, Altenheimen oder Jugendzentren im Einsatz. Smorra betonte: «Omas sind alt, aber dank ihrer Lebenserfahrung vielfältig – und laut!»

dpa