Wie kam es dazu, dass ein 20-Jähriger ungehindert Schüsse auf Ex-Präsident Donald Trump abgeben konnte? Eine Anhörung der Chefin des Secret Service brachte wenig Klarheit.
Anhörung zu Trump-Attentat lässt Fragen offen

Nach dem Attentat auf den ehemaligen Präsidenten Donald Trump gesteht die Secret-Service-Chefin Kimberly Cheatle ein Versagen des Dienstes ein, beantwortet aber viele Fragen nicht. Während einer stundenlangen Anhörung im US-Kongress verwies sie oft auf laufende Ermittlungen. Rücktrittsforderungen wies Cheatle zurück.
Vor allem war immer noch unklar, wie es dazu kommen konnte, dass ein Dach mit direkter Sicht auf die Bühne bei Trumps Wahlkampfveranstaltung unbesetzt blieb und der 20-jährige Attentäter von dort aus mehrere Schüsse abgeben konnte. Er wurde dann von einem Scharfschützen des Secret Service erschossen. Eine seiner Kugeln traf Trump am Ohr, ein Teilnehmer der Kundgebung wurde getötet und zwei weitere verletzt. Cheatle sagte, sie habe sich persönlich bei Trump entschuldigt.
183 Meter mit freier Sicht zu Trumps Bühne
Cheatle sagte, dass das Gebäude, von dem die Schüsse fielen, rund 183 Meter von Trumps Bühne entfernt war. Es befand sich außerhalb der vom Secret Service geschützten Sperrzone.
Stattdessen wurden im Inneren des flachen Firmengebäudes Beamte der örtlichen Sicherheitsbehörden postiert, sagte Cheatle. Auch sollte es von oben beobachtet werden – auf welche Weise genau, ließ sie offen. Sie räumte ein, dass auch auf einem Wasserturm in der Nähe keine Mitarbeiter des Secret Service waren.
Cheatle hatte zuvor in einem Interview erklärt, dass das Schrägdach des Firmengebäudes als zu steil eingestuft worden sei, um Beamte darauf zu positionieren. Abgeordnete wiesen darauf hin, dass das Dach hinter Trumps Bühne, auf dem Secret-Service-Scharfschützen saßen, noch steiler gewesen sei.
Mehrere Hinweise auf den Schützen
Die Secret-Service-Chefin räumte auch ein, dass es «zwei bis fünf» Hinweise auf den späteren Schützen gegeben habe, der unter anderem mit einem Entfernungsmesser aufgefallen sei.
Sie wies jedoch darauf hin, dass der Service zwischen verdächtigen Personen und klaren Bedrohungen unterscheidet. Ein Rucksack oder ein Entfernungsmesser machen jemanden nicht automatisch gefährlich. Der Attentäter wurde erst wenige Sekunden vor den Schüssen als Bedrohung eingestuft, sagte sie. Außerhalb der Sicherheitssperrzone war das offene Tragen von Waffen wie an vielen Orten in den USA erlaubt.
Der Secret Service hat in den USA die Aufgabe, hochrangige Politiker zu schützen, darunter amtierende und ehemalige Präsidenten. Derzeit werden 36 Personen von der Behörde bewacht – sie ist auch bei Besuchen von Amtsträgern im Einsatz.
«Was vertuschen sie?»
Trump, der im November wieder ins Weiße Haus einziehen will, wurde am 13. Juli bei einem Wahlkampfauftritt in Pennsylvania verletzt. Er berichtete später, dass er kurz vor dem ersten Schuss den Kopf gedreht habe. Die Kugel streifte sein rechtes Ohr. Anschließend warfen sich Secret Service-Leibwächter auf ihn.
Einige Abgeordneten der Republikaner versuchten sich bei der Anhörung im Aufsichtsausschusses im Repräsentantenhaus am Montag in Verschwörungstheorien. «Was vertuschen sie?», fragte etwa Lisa McLain aus Michigan Cheatle. «Gab es eine Verschwörung, Präsident Trump zu töten?», wollte die rechte Republikanerin Marjorie Taylor Greene von ihr wissen. «Absolut nicht», antwortete die Secret-Service-Chefin.
Cheatle ließ gleichzeitig Fragen unbeantwortet, wie der Schütze auf das Dach gelangte und wie viele Patronenhülsen dort entdeckt wurden.
«Sie sollten wieder Doritos bewachen»
Im oft entlang der politischen Trennlinien gespaltenen Ausschuss waren viele Republikaner und Demokraten diesmal einig, dass Cheatle nach dem Attentat zurücktreten müsse. Sie erwiderte, dass sie aus ihrer Sicht aktuell die beste Person sei, um den Dienst zu führen. Es werde eine gründliche Untersuchung und Konsequenzen geben. Die Ermittlungen dürften jedoch etwa zwei Monate dauern.
Abgeordnete beider Parteien zeigten sich ungemein frustriert von Cheatles Antworten. «Sie sollten sofort gefeuert werden und wieder Doritos bewachen», rief ihr der republikanische Abgeordnete Pat Fallon. Die Erwähnung der Chips-Marke war eine Anspielung auf Cheatles zwischenzeitlichen Job als Sicherheitschefin beim Getränke- und Snackriesen PepsicCo. Sie war nach 27 Jahren beim Secret Service in die Wirtschaft gewechselt, bevor sie im September 2022 zur Chefin der Behörde berufen wurde. Die Republikanerin Anna Paulina Luna warf Cheatle vor, bei der Anhörung unter Eid nicht die Wahrheit gesagt zu haben.
«Schwerstes operatives Versagen seit Jahrzehnten»
Cheatle bezeichnete die Attacke als das gravierendste operative Versagen des Secret Service seit Jahrzehnten. Der Vorsitzende des Aufsichtsausschusses im Repräsentantenhaus, der Republikaner James Comer, sagte, dass der Angriff hätte verhindert werden können. Sein demokratischer Vize Jamie Raskin wies unterdessen darauf hin, dass Schusswaffenangriffe in Amerika zu häufig vorkommen. Man habe lediglich geglaubt, dass zumindest diejenigen, die vom Secret Service beschützt werden, vor Waffengewalt sicher seien, während dies die Realität für gewöhnliche Amerikaner sei.








