Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Kriegsgefahr in Nahost: Druck auf den Iran wächst

Israel ist in höchster Alarmbereitschaft. Die Militärführung warnt die Feinde des Landes. Angeblich könnte der Iran von einem Vergeltungsschlag noch abgehalten werden. Aber was macht die Hisbollah?

Die Hamas hat angeblich einen Vertreter bei den Gaza-Verhandlungen unter Weisung von Hamas-Chef Sinwar ernannt. (Archivbild)
Foto: Adel Hana/AP/dpa

Angesichts der vom Iran und seinen Verbündeten seit Tagen angedrohten Vergeltungsschläge gegen Israel ist die Lage im Nahen Osten zum Zerreißen angespannt. Israel droht seinen Feinden verheerende Konsequenzen an. «Wir werden unseren Feinden, denen, die uns angreifen, denen, die in jeder Rede davon sprechen, wie sie den Staat Israel zerstören werden, eine sehr klare Botschaft senden», warnte der israelische Generalstabschef Herzi Halevi beim Besuch eines Luftwaffenstützpunkts. Medienberichten zufolge richtet sich der Fokus vor allem auf die mit dem Iran verbündete Hisbollah-Miliz im Libanon. Dort bereiten sich Krankenhäuser nach offiziellen Angaben bereits auf den Ernstfall vor.

«So, wie die Dinge stehen, könnte (Hisbollah-Chef Hassan) Nasrallah den Libanon dazu bringen, einen sehr hohen Preis zu zahlen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was passieren könnte», sagte Israels Verteidigungsminister Joav Galant der «Times of Israel» zufolge bei einem Truppenbesuch. Es sehe immer mehr danach aus, dass die Hisbollah Israel in den kommenden Tagen angreifen könnte, unabhängig von den Absichten des Irans, zitierte der US-Fernsehsender CNN in der Nacht zwei mit Geheimdienstinformationen vertraute Quellen. Es sei nicht klar, ob der Iran und die Hisbollah einen möglichen Angriff koordinieren werden.

Israel zieht rote Linie

Die israelische Regierung habe dem Verbündeten USA mitgeteilt, dass das israelische Militär «überproportional» reagieren würde, sollte die Hisbollah aus Rache für die kürzliche Tötung ihres obersten militärischen Befehlshabers israelische Zivilisten angreifen, berichtete der israelische Journalist Barak Ravid beim US-Nachrichtenportal «Axios» unter Berufung auf zwei namentlich nicht genannte israelische Beamte. Dies sei der Versuch, eine Linie zu definieren, welches Vorgehen Israel dazu zwingen würde, den seit Monaten andauernden Konflikt mit der Hisbollah zu eskalieren und einen Krieg zu riskieren.

Die USA und ihre Verbündeten im Westen und Nahen Osten drängen seit Tagen darauf, dass der Iran und Israel die Spannungen abbauen und einen großen Krieg in der Region verhindern. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Irans neuen Präsidenten Massud Peseschkian in einem Telefonat aufgefordert, alles zu tun, um eine weitere militärische Eskalation zu vermeiden, die auch im Interesse des Irans nicht liegt und die regionale Stabilität nachhaltig schädigen würde, wie der Élyséepalast mitteilte.

Bericht: Der Iran könnte seine Haltung überdenken 

Nach Meinung eines Kommentators der «Washington Post» könnten die intensiven diplomatischen Bemühungen inzwischen durchaus ihre Wirkung zeigen. Zwar sei das Risiko eines iranischen Angriffs nach wie vor hoch. Doch Beamte des Weißen Hauses hätten der Zeitung erklärt, dass sich die Bemühungen allmählich auszahlten und die Möglichkeit bestehe, dass der Iran seine Haltung überdenkt. Dazu habe auch die militärische Drohkulisse mit der Verlegung zusätzlicher US-Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge in die Region beigetragen.

Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter wurde von der Zeitung zitiert, dass der Iran genau wisse, dass die USA ihre Interessen und Partner unnachgiebig verteidigen würden. Es wurde dem Iran auch klar gemacht, dass eine größere Eskalation schwerwiegende Folgen für die Stabilität der neuen Regierung von Präsident Peseschkian haben würde.

Ägypten hat unterdessen seinen Fluggesellschaften Flüge über der iranischen Hauptstadt Teheran am frühen Donnerstagmorgen untersagt. «Alle ägyptischen Fluggesellschaften sollten Flüge über Teheran vermeiden», hieß es in einem Sicherheitshinweis der zivilen Luftfahrtbehörde in Kairo. Pläne für Flüge über dieses Gebiet würden abgelehnt. Die Anweisung galt ab 3 Uhr nachts (MESZ) für drei Stunden. Die Luftfahrtbehörde verwies auf eine Warnung der iranischen Behörden, nach der etwa zur selben Zeit im Land Militärübungen geplant seien. 

Vorher hatte Jordanien bereits eine Warnung an Fluggesellschaften ausgegeben, Flugzeuge im Luftraum des an Israel grenzenden Königreichs auf einen möglichen Angriff des Irans vorzubereiten. Alle ankommenden Flugzeuge sollten im Voraus mit Treibstoff für 45 zusätzliche Minuten Flugzeit betankt werden, so die Angaben.

Die Lage im iranischen Luftraum wird von der Informationsstelle des internationalen Flughafens in Teheran als normal bezeichnet. „Nur einige Fluggesellschaften wie die Lufthansa und Austrian Airlines haben ihren Flugbetrieb nach Teheran wegen eines möglichen Militärkonflikts mit Israel vorerst eingestellt.“ Turkish Airlines hat zumindest seine Nachtflüge gestoppt.

Libanons Gesundheitssektor plant für den Ernstfall

Krankenhäuser im Libanon bereiten sich aufgrund der drohenden Eskalation auf einen Ernstfall vor. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium haben die Krankenhäuser in dem wirtschaftlich gebeutelten Land zwar genügend Vorräte für rund vier Monate. Allerdings würden im Falle einer Eskalation auch die Vorräte des größten öffentlichen Krankenhauses, der Rafik-Hariri-Klinik, nur für maximal zehn Tage ausreichen, wenn die Häfen oder Flughäfen des Landes außer Betrieb geraten, so Direktor Dschihad Saadeh der dpa. Wenn das Krankenhaus mit Patienten überschwemmt wird, könnten die Vorräte schon nach wenigen Tagen aufgebraucht sein.

Nach der Tötung des Hamas-Auslandschefs Ismail Hanija in Teheran sowie der Tötung des Militärkommandeurs der Hisbollah-Miliz durch einen israelischen Angriff in Beirut ist die Gefahr eines großen Krieges im Nahen Osten greifbar. Der jüdische Staat ist nach Ansicht von 57 islamischen Staaten auch für die Tötung Hanijas «voll verantwortlich». Der Anschlag sei ein «eklatanter Bruch des Völkerrechts und der UN-Charta», heißt es in der Abschlusserklärung der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) nach einer Notfallsitzung in Saudi-Arabien.

Islamische Länder: Kampf für Palästinenser jetzt noch verstärkt

Der Kampf um Gerechtigkeit für die Palästinenser werde nun noch verstärkt geführt, sagte der Außenminister Gambias, Mamadou Tangara, dessen Land derzeit den Vorsitz in der Organisation hat. Israel hat sich zu Hanijas Tod bisher nicht geäußert. Laut US-Medien starb er durch eine Bombe.

Die Hamas hat angeblich einen neuen Verhandlungsleiter für die Gespräche über eine Waffenruhe im umkämpften Gazastreifen ernannt. Laut dem saudi-arabischen TV-Sender Al Hadath, der sich auf drei palästinensische Quellen, darunter ein Hamas-Beamter, beruft, wird Khalil al-Haya die Hamas bei den indirekten Verhandlungen vertreten und den Anweisungen ihres neuen Anführers Jihia al-Sinwar folgen. Bis zu seinem Tod galt Hanija als Chefdiplomat der Hamas.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Hanija, der als Leiter des Hamas-Politbüros in Katar ein luxuriöses Leben führte, versteckt sich Sinwar seit dem von ihm befohlenen Massaker im israelischen Grenzgebiet am 7. Oktober. Er wird irgendwo im umfangreichen Tunnelnetzwerk unter dem blockierten Küstenstreifen vermutet. Wie sich die Konzentration der Macht innerhalb der Hamas in Sinwars Händen auf die Bemühungen um eine Waffenruhe auswirken wird, ist noch unklar. Bisher war er unerbittlich und lehnte Kompromisse mit Israel strikt ab.

dpa