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Hisbollah schwört Vergeltung nach Explosionen im Libanon

Im Libanon explodieren zeitgleich Hunderte Funkempfänger. Angeblich wurden sie von israelischen Agenten auf dem Lieferweg abgefangen und mit Sprengstoff versehen. Israels Feinde drohen mit Vergeltung.

Durch die Explosionen wurden im Libanon Tausende Menschen verletzt.
Foto: Hassan Ammar/AP/dpa

Die mutmaßlich koordinierten Explosionen tragbarer Funkempfänger im Libanon mit Tausenden Verletzten und mehreren Toten schüren die Sorgen vor einem größeren Krieg zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz. Israels Armee und Geheimdienste bekannten sich zwar nicht zu den Explosionen, wurden von der Hisbollah und ihrem wichtigsten Unterstützer Iran aber umgehend als Drahtzieher beschuldigt. Israels Armee deutete an, sich auf eine Vergeltung vorzubereiten. Generalstabschef Herzi Halevi habe am Abend eine Lagebesprechung abgehalten, die sich auf die «Bereitschaft in allen Bereichen, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive» konzentriert habe, hieß es.

Durch die zeitgleiche Explosion Hunderter sogenannter Pager waren am Dienstag rund 2.750 Menschen im Libanon verletzt worden, neun Menschen starben. Unter den Verletzten sollen viele Hisbollah-Kämpfer sein, darunter Mitglieder der Elitetruppe Radwan. Die proiranische Schiitenmiliz machte Israel verantwortlich und kündigte Vergeltung an. Der mit der Hisbollah verbündete libanesische Parlamentsvorsitzende Nabih Berri sprach von einem «Massaker und Kriegsverbrechen Israels». In Gedenken an die Opfer der Vorfälle und aus Protest sollen Schulen und Universitäten im Libanon heute geschlossen bleiben.

Funkgeräte waren angeblich mit Sprengstoff bestückt

Die explodierten Funkempfänger waren Medienberichten zufolge vermutlich von israelischen Agenten mit Sprengstoff präpariert worden. Viele hätten aus einer Lieferung gestammt, die die Hisbollah in den vergangenen Tagen erhalten habe, meldete das «Wall Street Journal» unter Berufung auf informierte Kreise. Israelische Agenten hätten die in Taiwan hergestellten Geräte vor der Ankunft im Libanon abgefangen und mit jeweils etwa 25 bis 50 Gramm Sprengstoff bestückt, berichtete die «New York Times» unter Berufung auf amerikanische und andere Behördenvertreter, die über die Operation informiert worden seien.

Nach Informationen des US-Nachrichtenportals «Axios» legten die Explosionen auch einen wesentlichen Teil des militärischen Kommando- und Kontrollsystems der Hisbollah lahm. Der von Israel ausgeführte Angriff habe darauf abgezielt, die mächtige Miliz zu verunsichern und in ihren Reihen das Gefühl zu erwecken, sie sei vollständig von israelischen Geheimdiensten durchdrungen, zitierte «Axios» eine nicht näher beschriebene Quelle. Die USA, Israels wichtigster Verbündeter, waren laut einem Sprecher des US-Außenministeriums nicht beteiligt und wussten demnach auch nicht im Voraus von einer solchen Aktion.

Iran spricht von Terrorakt Israels

Der iranische Außenminister Abbas Araghchi bezeichnete die Explosionen als «Terrorakt» und machte Israel als Schuldigen aus. Die Islamische Republik Iran ist ein wichtiger Verbündeter der Hisbollah-Miliz, beide sprechen dem jüdischen Staat das Existenzrecht ab. Araghchi sprach seinem libanesischen Kollegen Abdullah Bou Habib sein Beileid aus und bot die Unterstützung des Irans an. 

Die Vereinten Nationen warnen angesichts der jüngsten Geschehnisse mit Nachdruck vor einer Eskalation in Nahost. «Diese Entwicklungen sind äußerst besorgniserregend, insbesondere angesichts der Tatsache, dass dies in einem äußerst instabilen Kontext geschieht», sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric. 

Die Funkempfänger im Libanon explodierten nur Stunden nach einer Sitzung des israelischen Sicherheitskabinetts. Dabei hatte das Kabinett die Rückkehr der israelischen Bürger, die vor den Kämpfen zwischen der Armee und der Hisbollah geflohen waren, in den Norden des Landes zu einem der Kriegsziele erklärt – neben der Befreiung der Geiseln aus dem umkämpften Gazastreifen und der Zerstörung der mit der Hisbollah verbündeten islamistischen Hamas.

Sorge vor Eskalation

Der einzige Weg dahin sei «ein militärischer Einsatz», hatte Israels Verteidigungsminister Joav Galant am Montag nach Angaben seines Büros bei einem Treffen mit US-Vermittler Amos Hochstein gesagt. Die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung im Konflikt mit der Hisbollah rücke immer weiter in die Ferne, weil die Miliz ihr Schicksal mit dem der Hamas im Gazastreifen verbunden habe und sich weigere, den Konflikt zu beenden.

Seit fast einem Jahr kommt es im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon fast täglich zu Konfrontationen zwischen der Hisbollah und dem israelischen Militär, seit Beginn des Gaza-Kriegs. Auf beiden Seiten gab es infolge des gegenseitigen Beschusses Tote – die meisten von ihnen waren Mitglieder der Hisbollah. Rund 60.000 Israelis mussten ihre Häuser und Wohnungen im Norden Israels verlassen. Auch aus dem südlichen Libanon sind Tausende Menschen in andere Landesteile geflohen.

USA wollen Gaza-Verhandlungen wiederbeleben

Israel strebt an, dass die Hisbollah-Miliz sich gemäß der UN-Resolution 1701 wieder hinter den Litani-Fluss zurückzieht, der 30 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, durch militärischen und diplomatischen Druck. Die Hisbollah plant jedoch, die Kämpfe erst zu beenden, wenn eine Waffenruhe in Gaza erreicht ist.

Der US-Außenminister Antony Blinken wird sich bis Donnerstag in Ägypten für eine Wiederbelebung der Gespräche zur Beendigung des Gaza-Kriegs einsetzen. Ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas scheint jedoch derzeit praktisch ausgeschlossen. Ägypten, Katar und die USA fungieren als Vermittler.

Palästinenser werben für UN-Resolution zu Rückzug Israels

Die Palästinenser appellieren an die UN-Vollversammlung der Vereinten Nationen, für eine Resolution zum Rückzug Israels aus besetzten Gebieten zu stimmen. «Bitte stehen Sie auf der richtigen Seite der Geschichte, mit internationalem Recht, mit Freiheit, mit Frieden. Die Alternative ist das, was Sie jeden Tag auf Ihren Fernsehbildschirmen sehen und was das palästinensische Volk in seinem Fleisch ertragen muss», sagte der palästinensische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Riad Mansur, in New York. 

Die Beschlussvorlage zielt darauf ab, die Umsetzung eines Rechtsgutachtens des obersten UN-Gerichts zum Nahost-Konflikt zu erreichen, und es wird erwartet, dass heute darüber abgestimmt wird. Wenn die Beschlussvorlage angenommen wird, wäre sie völkerrechtlich nicht bindend. Israels UN-Botschafter hat den Vorstoß der Palästinenser scharf kritisiert.

Israel eroberte und besetzte das Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem im Sechstagekrieg von 1967. Die Palästinenser fordern diese Gebiete für einen eigenen Staat, der neben Israel entstehen soll, was von den meisten Ländern, einschließlich Deutschland, unterstützt wird.

[Explosionen im Libanon schüren Sorgen vor Krieg],Israels Armee bereitet sich auf mögliche Vergeltung vor, nachdem Funkempfänger explodierten und Tausende verletzt wurden.

dpa