Viele der Hamas-Geiseln können nur noch tot geborgen werden. Doch das Blutvergießen im Gaza-Krieg geht weiter. Die Vermittler drängen energisch auf eine Lösung. Ist ein Abkommen noch erreichbar?
Blinken in Nahost: Zeit drängt für Waffenruhe

Begleitet von zunehmender Skepsis setzt der US-Außenminister Antony Blinken seine intensiven Bemühungen um eine Waffenruhe in Gaza fort. Nach Gesprächen in Israel reiste er nach Ägypten und Katar, die gemeinsam mit den USA bei indirekten Gesprächen über eine Einigung zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas vermitteln. Einem Medienbericht zufolge droht ein Abkommen jedoch ohne unmittelbare Alternative zu scheitern. Der gefährliche Konflikt an Israels Nordgrenze eskalierte derweil weiter, als die libanesische Hisbollah und Israels Luftwaffe erneut gegenseitig Ziele im jeweils anderen Land angriffen.
Blinken: Tun alles, um Hamas mit an Bord zu bekommen
Bei seiner Ankunft in Doha sagte Blinken vor Journalisten: «Wir müssen die Vereinbarung einer Waffenruhe und Geisel-Freilassung über die Ziellinie bringen.» Die Zeit dränge, weil das Leben der Hamas-Geiseln mit jedem Tag stärker in Gefahr sei. Außerdem litten die Menschen in Gaza jeden Tag, sagte der US-Außenminister. Alle Vermittler setzten sich dafür ein, eine weitere Eskalation in der Region zu verhindern. Katar und Ägypten seien in direktem Kontakt mit der Hamas, um eine Einigung zu erzielen. «In den nächsten Tagen werden wir alles Mögliche unternehmen, um die Hamas mit dem Überbrückungsvorschlag an Bord zu bekommen», sagte er. Danach müssten sich die beiden Seiten auf weitere Details einigen.
Blinken hatte am Montag in Israel gesagt, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe bei einem «sehr konstruktiven Treffen» den jüngsten von den USA unterstützten Vorschlag über eine Waffenruhe in Gaza akzeptiert. Es handele sich um einen «Überbrückungsvorschlag», der auf einem im Mai von US-Präsident Joe Biden vorgestellten Plan basiere. Nun sei es an der Hamas, dem Vorschlag zuzustimmen.
Hamas: USA dulden neue Forderungen Netanjahus
Die Hamas warf den USA jedoch vor, sich mit dem jüngsten Überbrückungsvorschlag Israels Bedingungen gebeugt zu haben. Washington dulde damit neue Forderungen Netanjahus. Die Hamas werde keine neuen Bedingungen aushandeln, sagte ihr Sprecher Osama Hamdan der Deutschen Presse-Agentur. Es dürfe nur um die Umsetzung des von Biden im Mai vorgestellten Plans gehen. Blinken erklärte dagegen, der «Überbrückungsplan» enthalte lediglich «Klarstellungen und Details» mit Blick auf den ursprünglichen Plan.
Bidens Plan in drei Phasen sieht zunächst eine Waffenruhe von sechs Wochen vor. In dieser Zeit würden bestimmte Geiseln freigelassen. Im Gegenzug würden Palästinenser freikommen, die in Israel inhaftiert sind. In der nächsten Phase würden die Kämpfe dauerhaft beendet und die restlichen Geiseln freigelassen. In einer abschließenden Phase soll gemäß dem Entwurf mit dem Wiederaufbau des Gazastreifens begonnen werden.
Medien: Netanjahu weiter nicht zu Abzug von strategischen Orten bereit
Bei einem Treffen mit den Familien der Geiseln sagte Netanjahu laut Medienberichten, dass es ungewiss sei, ob es zu einem Deal mit der Hamas kommen werde. Der Premierminister erklärte auch, dass er nach wie vor nicht bereit sei, sich aus der strategisch wichtigen Pufferzone zwischen dem Gazastreifen und Ägypten sowie dem Nezarim-Korridor zurückzuziehen, der den Gazastreifen in einen nördlichen und einen südlichen Abschnitt teilt. Die Hamas besteht jedoch darauf, dass die israelischen Truppen sich vollständig aus dem Gazastreifen zurückziehen müssen, um eine Waffenruhe zu erreichen. Kritiker werfen Netanjahu vor, dass er eine Einigung blockiert, aus Angst, dass Zugeständnisse an die Hamas das Scheitern seiner Regierungskoalition bedeuten könnten. Nach seinem Besuch in Israel traf Blinken den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Laut Angaben des Staatsinformationsdienstes SIS betonte Al-Sisi, dass eine Waffenruhe im Gazastreifen der Beginn einer umfassenderen Anerkennung eines palästinensischen Staates sein müsse, um die Stabilität in der Region zu gewährleisten.
Ein Bericht des US-Nachrichtenportals «Politico», der sich auf zwei US- und zwei israelische Beamte beruft, sieht das Abkommen indes kurz davor, zu scheitern, ohne dass es eine klare, direkte Alternative gebe.
Sollten die Vermittlungsbemühungen scheitern, wird eine größere Eskalation in der Region befürchtet. Nach der Tötung zweier hochrangiger Feinde Israels in Teheran und Beirut vor knapp drei Wochen hatten der Iran und die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah massive Vergeltungsschläge angedroht.
Israelische Armee birgt Leichen von sechs Geiseln
Die israelische Armee gab bekannt, dass sie in der Nacht zum Dienstag die Leichen von sechs Geiseln im Gazastreifen geborgen hat. Die Körper von sechs Männern im Alter von 35 bis 80 Jahren wurden in einem Tunnel in Chan Junis im Süden des Küstenstreifens entdeckt. Die Angehörigen der Geiseln kritisieren die Regierung heftig, da ihre Lieben nicht lebend aus der Geiselhaft gerettet wurden.
Laut israelischer Zählung befinden sich noch 109 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Von ihnen wurden 36 für tot erklärt, während 73 noch als am Leben gelten, wie eine Sprecherin der israelischen Regierung berichtete.
«Die Tage vergehen, und wir verlieren immer mehr Geiseln. Wir müssen einen Deal machen. Wir müssen. Jetzt», schrieb Israels Oppositionsführer Jair Lapid auf der Plattform X.
Angriffe und Kämpfe im Gazastreifen gehen weiter
Laut palästinensischen Medienberichten sollen bei einem israelischen Angriff auf ein Schulgebäude in der Stadt Gaza zehn Menschen getötet worden sein. Das Bombardement zielte laut palästinensischen Angaben auf ein Schulgebäude ab, in dem Vertriebene untergebracht waren. Die israelische Armee gab an, dass die Hamas eine Kommandozentrale auf dem Gelände versteckt hatte, die das Ziel des Angriffs war.
Bei heftigen Kämpfen im Süden des Gazastreifens sind nach israelischen Militärangaben zudem Dutzende militanter palästinensischer Kämpfer getötet worden. Im Bereich der Stadt Rafah seien «rund 40 Terroristen bei Nahkämpfen und Schlägen der israelischen Luftwaffe ausgeschaltet worden», hieß es in einer Mitteilung der Armee. Der militärische Hamas-Arm teilte mit, seine Kämpfer hätten in dem Gebiet einen israelischen Panzer sowie Soldaten in einem Gebäude mit Granaten beschossen.
Der Gaza-Krieg begann mit einem Terrorangriff der Hamas und anderer Extremisten aus dem Gazastreifen auf den Süden Israels am 7. Oktober. Dabei wurden ca. 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 weitere in den Gazastreifen verschleppt. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde sind seitdem 40.173 Menschen in dem abgeriegelten Küstengebiet getötet worden.
Neue Raketen-Salven auf Israel aus dem Libanon
Aus dem Libanon wurden nach israelischen Militärangaben erneut Dutzende Raketen auf den Norden Israels abgefeuert. Die mit dem Iran verbündete Hisbollah teilte mit, sie habe eine «intensive Raketen-Salve» auf Stellungen des israelischen Militärs abgefeuert. Es handle sich um eine Reaktion auf israelische Angriffe am Montag in der Bekaa-Ebene im Libanon, bei denen mindestens acht Menschen verletzt wurden. Die Armee hatte dabei nach eigenen Angaben Waffenlager der Hisbollah angegriffen.
In der Nacht hat die israelische Luftwaffe Berichten zufolge erneut in der Bekaa-Ebene zugeschlagen. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurde dabei mindestens eine Person getötet und sechzehn weitere verletzt. Bei einem israelischen Angriff im Süden des Libanons wurden zuvor laut libanesischen Berichten vier Menschen getötet und zwei weitere verletzt. Unter den Toten sollen auch drei Hisbollah-Kämpfer gewesen sein, so libanesische Sicherheitskreise.
Es besteht die Sorge, die Lage könnte weiter eskalieren und in einen größeren Krieg münden. Israels Verteidigungsminister Joav Galant sagte dazu, der «Schwerpunkt» verlagere sich allmählich vom Gazastreifen an die nördliche Grenze.
[US-Außenminister setzt Bemühungen um Waffenruhe in Gaza fort],Blinken drängt auf schnelle Einigung zur Rettung von Geiseln und Verhinderung weiterer Eskalationen.








