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Der verschlafene Politiker: Boris Johnsons Rolle vor der britischen Parlamentswahl

Johnson wirbt für seinen Parteikollegen, bleibt aber im Hintergrund. Seine Zukunft im politischen Schatten bleibt ungewiss.

Boris Johnson hat sein Mandat im Unterhaus und als Premierminister von Großbritannien vor etwa einem Jahr niedergelegt.
Foto: Tayfun Salci/ZUMA Press Wire/dpa

Die blonden Haare wie immer kunstvoll verwuschelt, unrasiertes Kinn, der Blick wirkt etwas verschlafen. Klar, das ist er: «Hallo Leute, Boris Johnson hier.» In einem Videoclip wirbt der konservative Politiker vor der britischen Parlamentswahl am 4. Juli für seinen Parteikollegen Simon Clarke.

Ansonsten war im Wahlkampf nicht viel von Johnson zu sehen – obwohl seine Konservativen in Umfragen rund 20 Punkte hinter der Labour-Partei von Keir Starmer liegen. Es gibt viele Tory-Mitglieder, die den vermutlich besten Wahlkämpfer der Partei gerne viel prominenter einbinden würden als mit ein paar Handyvideos. Zumindest soll er nun der Zeitung «Telegraph» zufolge seine Unterschrift unter einen Brief setzen, mit dem dazu aufgerufen werden sollen, die Tories zu wählen.

Heute feiert der ehemalige Premierminister und Bürgermeister von London, der Populist und mehrfach der Lüge überführte Boris Johnson seinen 60. Geburtstag.

Von großer Mehrheit zu Skandalen und Chaos

Im Jahr 2019 führte er die Konservativen noch zu einer überwältigenden Mehrheit von 80 Sitzen. Johnson tritt nicht bei der kommenden Wahl an. Vor etwa einem Jahr legte er sein Mandat im Unterhaus nieder, um einer Suspendierung – er hatte das Parlament belogen – zuvorzukommen.

Man kann trefflich spekulieren über die Gründe, warum er nicht zur Wahl antritt. Es liegt weniger daran, dass Johnsons Beliebtheit aufgrund seiner Skandale und des Chaos in der Regierung gesunken ist. Es gibt immer noch genügend Fans.

Es wird behauptet, dass er hauptsächlich damit beschäftigt ist, viel Geld mit Reden zu verdienen und sich seinen Buchprojekten zu widmen. Einige vermuten, dass Johnson nicht mit dem katastrophalen Wahlergebnis in Verbindung gebracht werden möchte, auf das die Tories zusteuern. Darüber hinaus möchte er seinen Intimfeind und potenziellen Nachfolger Rishi Sunak scheitern sehen. Aus diesem Grund unterstützt er auch den erklärten Sunak-Kritiker Clarke.

https://x.com/SimonClarkeMP/status/1801500749249090046

Johnson sieht in dem amtierenden Premierminister, der unter ihm als Finanzminister diente, einen Verräter, der Schuld an seinem Ende in der Downing Street ist. Das hat Johnson nie konkret so gesagt, aber seine Verbündeten wie Ex-Kulturministerin Nadine Dorries lassen keinen Zweifel daran, dass er so denkt. Sunak, der angesichts katastrophaler Umfragewerte nicht wählerisch sein kann, frohlockte am Dienstag: «Es ist großartig, dass Boris die Konservative Partei unterstützt. Ich begrüße das sehr». Das werde einen Unterschied machen, zeigte er sich sicher.

Der Lautsprecher war zuletzt überraschend still

Mit seiner Ehefrau Carrie und den drei Kindern, die sie gemeinsam haben – aus seiner ersten Ehe mit der Anwältin Marina Wheeler hat er vier erwachsene Kinder, wobei eine Tochter im Teenager-Alter aus einer Affäre stammt – lebt Johnson in einem denkmalgeschützten Anwesen in der Grafschaft Oxfordshire. Die 36-jährige Carrie Johnson begeisterte die Boulevardmedien mit süßen Tauffotos ihres jüngsten Sohnes Frank auf Instagram.

Boris‘ Vater wurde zuletzt verspottet, weil er bei den Lokalwahlen zunächst am Wahllokal abgewiesen wurde, da er keinen Ausweis dabei hatte – obwohl er das Gesetz einst selbst als Premierminister eingeführt hatte. Ansonsten war es jedoch zuletzt überraschend ruhig um den Lautsprecher.

Der Politologe Tim Bale aber ist sicher, dass Johnson nicht im politischen Schatten bleibt. «Ich gehe fest davon aus, dass er irgendwann versuchen wird, wieder ins Parlament einzuziehen, um erneut die Partei anzuführen und das Desaster, das er als Premierminister für das Land und die Partei repräsentiert hat, irgendwie wiedergutzumachen», sagt der Experte von der Londoner Queen Mary University der Deutschen Presse-Agentur.

«Moralisch, charakterlich und intellektuell ungeeignet»

Was ist also Johnsons größte Leistung während seiner Amtszeit? Für ihn und seine Unterstützer ist es sicherlich, den Brexit durchgeführt zu haben, egal, was es kostet, wie Bale sagt. Johnson, der damals als Außenminister zurückgetreten war, hatte sich vor dem Referendum 2016 zum Brexit-Sprecher gemacht. Dass er dabei ohne mit der Wimper zu zucken eher alternative Fakten zu den britischen EU-Zahlungen verbreitete, war ihm reichlich egal.

Und wie sieht der Politikwissenschaftler selbst Johnsons Beitrag? «Für mich besteht seine Leistung darin, so viele Kollegen und Wähler davon zu überzeugen, dass jemand, der moralisch, charakterlich und intellektuell so offensichtlich ungeeignet für das Amt des Premierministers ist, trotzdem den Posten bekommen sollte», sagt Bale. Die heftige Antwort überrascht – und zeigt, wie emotional die Personalie Johnson in Großbritannien noch immer ist.

dpa