Israel steht unter Druck, das Leid der Palästinenser in Gaza zu lindern. Die Chefin des Welternährungsprogramms hat sich nun ein Bild vor Ort gemacht. Die Verzweiflung der Menschen sei überwältigend.
Chefin des Welternährungsprogramms: Gaza ist am Zerreißpunkt

Die Chefin des Welternährungsprogramms (WFP) hat nach einem Besuch im umkämpften Gazastreifen eine massive Ausweitung der humanitären Hilfe gefordert. «Gaza ist am Zerreißpunkt», warnte WFP-Direktorin Cindy McCain auf der Plattform X. Eine halbe Million Menschen in dem von Israel abgeriegelten und großflächig zerstörten Küstengebiet hungere.
McCain sprach darüber auch mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Beide hätten vereinbart, «die Bemühungen zu verdoppeln, die Einfuhr humanitärer Güter nach Gaza angesichts der akuten Notlage vor Ort zu beschleunigen und aufrechtzuerhalten», teilte das Büro des Ministerpräsidenten im Anschluss mit.
«Wir müssen unser Netzwerk von mehr als 200 Lebensmittelverteilstellen, Gemeinschaftsküchen und Bäckereien so schnell wie möglich wieder in Betrieb nehmen», schrieb McCain auf X. «Wir brauchen sichere Wege und dauerhaften Zugang. Wir müssen in dem Umfang liefern, den diese Krise erfordert», sagte sie in einem Videoclip aus Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens.
Die Helfer fordern Israel auf, vom aktuellen Verteilsystem für Hilfsgüter über die umstrittene Stiftung Gaza Humanitarian Foundation (GHF) zum bewährten Mechanismus der UN und anderer Hilfsorganisationen zurückzukehren.
Israel hält an umstrittener Stiftung fest
Israel beharrt jedoch auf der GHF, die auch vom Verbündeten USA unterstützt wird. Die israelische Armee hat angekündigt, zwei neue Verteilstellen im südlichen Teil des abgeriegelten Küstengebiets zu errichten. Diese sollen in den nächsten Tagen fertiggestellt und von der GHF betrieben werden. Die bestehende Verteilstelle in Tel al-Sultan nahe der Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten wird geschlossen. Somit wird es dann fünf Zentren in Gaza geben.
Die GHF begann ihre Mission im Mai, nachdem Israel seine fast dreimonatige Blockade von Hilfslieferungen auf internationalen Druck hin beendet hatte. Israel führte den neuen Verteilmechanismus der GHF ein, um UN-Hilfsorganisationen und andere Initiativen zu umgehen. Laut der Regierung Netanjahus soll dies verhindern, dass die islamistische Terrororganisation Hamas humanitäre Hilfe für sich abzweigt.
Die Vereinten Nationen kritisieren den Einsatz der GHF unter anderem, weil die Verteilung in den Zentren vor allem Menschen gefährde, die auf dem Hin- und Rückweg teils kilometerweit durch Kriegsgebiet laufen müssen. Immer wieder gibt es Berichte über tödliche Zwischenfälle in der Nähe dieser Verteilstellen.
Netanjahu: Bericht über Hungersnot in Gaza «glatte Lüge»
«Familien in Gaza hungern», berichtete McCain von ihrem Besuch in Deir al-Balah. Die Verzweiflung unter den Menschen sei «überwältigend», sie habe es vor Ort mit eigenen Augen gesehen.
Wenige Tage zuvor hatte die weltweit als Autorität für Ernährungssicherheit anerkannte IPC-Initiative eine Hungersnot für die Stadt Gaza im Norden und einige Nachbarorte erklärt. Israels Regierungschef Netanjahu bezeichnete den Bericht als «glatte Lüge». Nach israelischer Darstellung basiert die IPC-Einschätzung auf falschen Angaben der Hamas. Netanjahus Regierung forderte die Autoren des Berichts auf, diesen sofort zurückzuziehen.
McCain und Netanjahu hätten in Jerusalem darüber gesprochen, wie wichtig es sei, «Zivilisten vor Hunger und Mangelernährung zu schützen und sicherzustellen, dass ihre grundlegenden Bedürfnisse gedeckt werden», hieß es in der Mitteilung des Büros des Ministerpräsidenten. Bei ihrem Treffen sei die Zunahme humanitärer Hilfe nach Gaza im vergangenen Monat angesprochen und vereinbart worden, «dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um sicherzustellen, dass die humanitäre Hilfe die verletzlichsten Menschen dort erreicht, wo sie sich befinden, und dass die Hilfe ausschließlich der Zivilbevölkerung zugutekommt».
UN-Chef fordert Verzicht auf Einnahme der Stadt Gaza
UN-Generalsekretär António Guterres forderte Israel unterdessen auf, die angekündigte Einnahme der Stadt Gaza im Norden des Küstenstreifens abzusagen. «Hunderttausende Zivilisten würden erneut zur Flucht gezwungen und Familien in noch größere Gefahr geraten. Das muss aufhören. Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt», schrieb Guterres auf der Plattform X. Die Zivilbevölkerung in Gaza sehe sich einer «weiteren tödlichen Eskalation» ausgesetzt. Die Ankündigung der israelischen Führung, die Stadt Gaza zu besetzen, läute eine neue und gefährliche Phase ein, schrieb er.
Die israelische Regierung plant, die Stadt Gaza einzunehmen, in der derzeit etwa eine Million Menschen leben. Diese sollen in Zeltlagern im Süden untergebracht werden. Ein Militärsprecher gab am Mittwoch bekannt, dass die Vorbereitungen für die geplante Umsiedlung der Einwohner im Gange seien. Es wurden bereits Maßnahmen zur Einrichtung humanitärer Hilfszentren ergriffen und Zelte geliefert. Hilfsorganisationen kritisieren regelmäßig, dass die Lebensbedingungen auch im Süden des Küstengebiets katastrophal sind – genau dort, wo die Menschen aus der Stadt Gaza umgesiedelt werden sollen.
Guterres: Gaza ist übersät mit Trümmern und Leichen
Das Ausmaß an Tod und Zerstörung in Gaza sei in der jüngeren Geschichte beispiellos, schrieb Guterres. «Gaza ist übersät mit Trümmern, Leichen und Beispielen für mögliche schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht. Wir brauchen eine sofortige und dauerhafte Waffenruhe.» Die weiter von islamistischen Terroristen im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln müssten unverzüglich freigelassen werden.
Israel habe als Besatzungsmacht klare Verpflichtungen, schrieb Guterres. «Es muss die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern sicherstellen.» Zudem müsse Israel einen weitaus besseren Zugang zu humanitärer Hilfe ermöglichen.
Die Regierung Israels steht unter starkem internationalen Druck, das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen zu mildern. Berichte über unterernährte Kinder haben weltweit Empörung ausgelöst und dazu beigetragen, dass Länder wie Frankreich, Kanada und Australien Pläne zur Anerkennung eines palästinensischen Staates angekündigt haben. Deutschland hat einen Teil der Waffenexporte nach Israel gestoppt, nachdem die Regierung Netanjahus erklärt hatte, den Gaza-Krieg weiter auszudehnen.