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Dringender Handlungsbedarf: Börsenchef spricht sich für umfassende Rentenreform aus

Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner fordert eine grundlegende Reform der Altersvorsorge in Deutschland. Er sieht die gesetzliche Rente als unzureichend an und plädiert für einen stärkeren Ausbau der privaten und betrieblichen Vorsorge.

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Altersvorsorge: Börsenchef fordert neue Reform der Rente
Christoph Scholz via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Ist die gesetzliche Rente noch zuverlässig? Diese Frage beschäftigt viele Bürger. Bundeskanzler Merz plant eine grundlegende Neugestaltung der Altersvorsorge, und der Chef der Deutschen Börse hat dazu konkrete Vorschläge.

Stephan Leithner, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, fordert eine zügige Umsetzung einer umfassenden Rentenreform in Deutschland. „Wir können nicht länger tatenlos zusehen, wie immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Defizite in der Rentenkasse zu decken“, erklärte Leithner in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur und der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX in Eschborn.

Er betonte, dass die gesetzliche Rente als eine der drei Säulen der Altersvorsorge erhalten bleiben müsse. „Jedoch sollte eine kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge eine deutlich stärkere Rolle einnehmen.“

Dringlichkeit der Reform

Leithner lobte die Bundesregierung für die Einführung der Frühstart-Rente und des geplanten Altersvorsorgedepots, einem staatlichen Standarddepot aus Wertpapieren. Diese Schritte seien „vor kurzem noch undenkbar“ gewesen. Er ist optimistisch, dass die Rentenkommission bald weitere bedeutende Vorschläge präsentieren wird. „Der Druck, eine Lösung zu finden, könnte nicht größer sein“, so Leithner. „Das gilt sowohl für Deutschland als auch auf europäischer Ebene.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat angekündigt, dass die Bundesregierung noch in diesem Jahr eine Neuausrichtung der drei Säulen – gesetzliche Rente sowie private und betriebliche Altersvorsorge – anstoßen möchte. Bis zur Jahresmitte soll die von Union und SPD eingesetzte Rentenkommission Reformvorschläge präsentieren.

Unzureichendes Rentenniveau

Leithner kritisierte das aktuelle Rentenniveau von 48 Prozent als unzureichend, insbesondere für Menschen mit niedrigem Einkommen. „Angesichts der Lebenshaltungskosten kann man ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht anders als unsozial bezeichnen“, sagte er. „Das reicht hinten und vorne nicht.“ Er hält ein Gesamtniveau von bis zu 65 Prozent für notwendig, was jedoch allein durch die gesetzliche Rentenversicherung nicht finanzierbar sei.

Im vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung ein Rentenpaket beschlossen, das das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent festschreibt. Diese Größe wird durch den Vergleich einer Standardrente mit dem Durchschnittseinkommen bestimmt. Um das Sicherungsniveau vor Steuern zu garantieren, werden die Renten jährlich mit Bundesmitteln angepasst. Allein im Jahr 2026 sollen über 120 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rentenversicherung fließen.

Frühstart-Rente und Kinderdepot

Leithner spricht sich für einen höheren Einmalbetrag von 4.000 Euro bei der Geburt eines Kindes im Rahmen der Frühstart-Rente aus, um den Zinseszinseffekt zu nutzen. „Es ist wichtig, dass Frühstart-Rente und Altersvorsorgedepot miteinander verknüpft sind, damit keine neuen Konten eröffnet werden müssen“, erklärte er.

Zusätzlich fordert er, dass beim Kinderdepot steuerfreie Sonderzahlungen ermöglicht werden. „Ein Beispiel aus den USA zeigt, dass Großeltern bis zu 5.000 Euro in das Depot einzahlen können. Das ist eine einfache und effektive Lösung.“

Betriebliche Altersvorsorge für alle

Leithner ist der Überzeugung, dass die betriebliche Altersversorgung in jeden Arbeitsvertrag integriert werden sollte. Aktuell sind nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in diesem System, während in Ländern wie den Niederlanden oder der Schweiz eine Abdeckung von 90 Prozent oder mehr besteht.

Das Ziel sei nicht, Gutverdienern attraktive Altersvorsorgeprodukte anzubieten, sondern Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen beim Vermögensaufbau zu unterstützen, der der Altersabsicherung dient.

Wachstum der Anlegerzahlen

Leithner stellte fest, dass sich auch ohne staatliche Anreize viel getan hat. Im Jahr 2022 gab es in Europa 19 Millionen Anleger in börsengehandelte Indexfonds (ETFs), mittlerweile sind es 33 Millionen, davon über 14 Millionen in Deutschland. „Wir beobachten eine ermutigende Dynamik bei jungen Menschen, die erkennen, dass staatliche Vorsorge allein nicht ausreicht“, sagte er.

Finanzbildung und Kapitalmarktteilnahme

Die Deutschen könnten jedoch noch stärker von der Wertschöpfung an den Kapitalmärkten profitieren. „Der Dax war 2024 und 2025 einer der besten Indizes weltweit. Warum nehmen die Bürger nicht an dieser Wertsteigerung teil? Das ist für mich unverständlich“, äußerte Leithner.

Er betonte, dass „die beste Finanzbildung der Depotauszug ist“. Es sei wichtig zu sehen, dass aus den 10 Euro von vor drei Jahren inzwischen 20 Euro geworden sind. Im Durchschnitt liege die Rendite im Deutschen Aktienindex bei 7 bis 9 Prozent pro Jahr. „Selbst wenn Sie am ungünstigsten Tag gekauft haben, haben Sie 15 Jahre später trotzdem im Durchschnitt eine Rendite von über drei Prozent erzielt.“

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Bildquelle: Christoph Scholz via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

TS