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«Ein Spinnennetz»: Das Tunnelsystem im Gazastreifen

Die Hamas hat das weit verzweigte Tunnelsystem jahrelang ausgebaut. Waffen und Waren wurden durch die unterirdischen Gänge geschmuggelt. Israels Armee will sie im Krieg zerstören.

Ein israelischer Soldat steht in einem unterirdischen Tunnel, der unter dem Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt gefunden wurde.
Foto: Victor R. Caivano/AP/dpa

Eine zweite Welt existiert unterhalb des Gazastreifens: Die islamistische Hamas hat ein Netzwerk von Tunneln, das sich über viele Kilometer erstreckt. Israel vermutet, dass sich zahlreiche Terroristen der Islamistenorganisation in den unterirdischen Gängen verstecken und dort auch israelische Geiseln festhalten. Laut dem US-amerikanischen Newspaper «The Wall Street Journal» testen israelische Soldaten derzeit die Flutung einiger Tunnel, in denen sie keine Geiseln vermuten. US-Präsident Joe Biden gibt an, dass er nicht mit Sicherheit weiß, «dass es ganz sicher keine Geiseln in diesen Tunneln gibt.»

Laut einem mit der Angelegenheit betrauten US-Beamten berichtet der US-Fernsehsender CNN, dass Israels Armee Meerwasser in einige Tunnel pumpt, um herauszufinden, ob diese Methode zur großflächigen Zerstörung des unterirdischen Systems geeignet ist. Experten warnen jedoch davor, dass diese Taktik dramatische Auswirkungen auf die Umwelt haben könnte.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass diese Taktik verwendet wird. Aufgrund der Vermutung, dass durch die Tunnel auch Waffen von Extremisten im Gazastreifen in den Nord-Sinai gelangen, ließ der ägyptische Präsident Abdel Fattah Al-Sisi einst die Tunnel zum palästinensischen Küstengebiet überfluten.

Israels Armee zerstört Tunnel auch mit Sprengsätzen

Ein israelischer Armeesprecher hat das Tunnelnetzwerk unter dem rund 45 Kilometer langen und etwa sechs bis 14 Kilometer breiten Gazastreifen einmal als Metro beschrieben. Laut eigenen Angaben hat die israelische Armee inzwischen Hunderte von Tunneln entdeckt. Einige verbinden strategische Einrichtungen der Hamas unterirdisch miteinander. Soldaten haben viele Kilometer der unterirdischen Routen mit Hilfe von Sprengsätzen zerstört. Nach Angaben der Armee befinden sich die Schächte in Wohngebieten, neben Schulen und Kindergärten.

Nach Angaben der israelischen Armee wurden bei der Verfolgung palästinensischer Terroristen Teile des Flüchtlingsviertels Dschabalia von der israelischen Luftwaffe zerstört. Die eingestürzten Hamas-Tunnel hinterließen Löcher in der Erdoberfläche, wie Aufnahmen zeigten. In dem Gebiet waren tiefe Krater zu sehen.

Ausmaße des Tunnelsystems nicht zu beziffern

Das Tunnelsystem wird auf rund 500 Kilometer Länge geschätzt. Daphne Richemond-Barak, Expertin für unterirdische Kriegsführung an der Reichman-Universität in Tel Aviv, bezweifelte jüngst in der «New York Times» allerdings, dass irgendjemand wisse, wie lang die Strecke tatsächlich sei. «Ich glaube, dass die Hamas mit den 500 Kilometern ein wenig übertreibt, weil sie Israel von einer Invasion abhalten will», erklärte auch der Militärexperte Harel Chorev von der Universität Tel Aviv dem US-Sender CNN. «Wir reden hier von Dutzenden von Kilometern unter der Erde mit Kommando-, Kontroll- und Kommunikationsräumen, Vorratskammern und Abschussrampen für die Raketen.»

Einige der Tunnel sind betoniert oder haben Stromversorgung. Im Durchschnitt sind sie zwei Meter hoch und einen Meter breit, aber einige sind groß genug für Fahrzeuge. Einige reichen Dutzende Meter unter die Erde, um israelischen Bomben aus der Luft standhalten zu können. Die Zugänge zu den Tunneln sollen sich in Wohnhäusern oder Moscheen befinden.

Gemäß israelischer Geheimdienste betrieb die Hamas auch unter dem größten Krankenhaus im Gazastreifen, dem Schifa-Krankenhaus, ein Kommando- und Kontrollzentrum. Die Hamas leugnet dies. Trotz starker internationaler Kritik drang die israelische Armee in die Klinik ein und fand dort laut eigenen Angaben einen Tunnelkomplex. Auf den von der Armee veröffentlichten Bildern und Videos waren ein schmaler Tunnel und mehrere Räume zu sehen, darunter ein Raum mit zwei Betten, Toiletten und einer kleinen Küche. Der Tunnel befand sich angeblich in einer Tiefe von zehn Metern und war 55 Meter lang. Schließlich sprengte das Militär die unterirdische Anlage.

Im November 2022 kritisierte das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA ebenfalls stark die Tatsache, dass sich unter einer seiner Schulen ein Tunnel befindet.

Wozu das Untergrund-Netzwerk dient

Israel zog sich 2005 einseitig aus dem Gazastreifen zurück und hinterließ ein Machtvakuum. Nach einem gewaltsamen Kampf übernahm die Hamas 2007 die Kontrolle über das Küstengebiet. Israel und Ägypten verhängten daraufhin eine Blockade, um den Import von Waffen und Material zur Waffenherstellung in den Gazastreifen zu erschweren. Seitdem hat die Hamas ihr unterirdisches Netzwerk immer weiter ausgebaut, um Waffen in den Gazastreifen zu schmuggeln. Es wird behauptet, dass auch Menschen illegal die Grenze überqueren können, darunter hochrangige Hamas-Funktionäre, ausländische Militärberater und Kuriere mit Geldkoffern.

Durch die Tunnel werden jedoch auch Lebensmittel, Konsumgüter, Autos und Treibstoff in den Gazastreifen geschmuggelt. Es wird behauptet, dass sogar ein Löwe für den Zoo auf diese Weise in den Gazastreifen gebracht wurde. Die Hamas erhebt angeblich Zölle auf alle Waren und finanziert sich auf diese Weise. Das Tunnelgeschäft soll der Hamas jährliche Einnahmen in Millionenhöhe eingebracht haben. Die Tunnel bieten den Terroristen gleichzeitig Schutz vor Angriffen. Sie nutzen sie auch, um plötzlich aufzutauchen und überraschend anzugreifen. Viele Tunnel sind mit Sprengfallen ausgestattet, um israelische Soldaten, die dort eindringen, zu töten.

Geiseln in den Tunneln

Experten nehmen an, dass zumindest einige der verbleibenden 135 Geiseln in den unterirdischen Gängen gefangen gehalten werden. Die Hamas-Terroristen und andere extremistische Palästinensergruppen verschleppten bei ihrem Massaker am 7. Oktober rund 240 Menschen aus Israel. Eine aus dem Gazastreifen am 23. Oktober freigelassene 85-Jährige beschrieb das System, durch das sie sich während der Geiselnahme bewegen musste, als «ein Spinnennetz».

dpa