Es ist ein komplexer, verheerender Konflikt, durch den das verarmte Land auf der Arabischen Halbinsel steuert. Zwei eigentlich verbündete Golfstaaten sind dort nun gefährlich nah aneinandergeraten.
Eskalation im Jemen: Ein vom Krieg zerrüttetes Land

Am frühen Dienstagmorgen kam es am Hafen von Mukalla im südlichen Jemen zu einem Luftangriff. Dutzende dort geparkte Geländewagen und gepanzerte Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Es handelt sich um eine neue Eskalationsstufe zwischen den eigentlich verbündeten Golfstaaten Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Welche Ziele verfolgen sie im Land und wie könnte es im Jemen-Konflikt weitergehen? Die wichtigsten Fragen:
Was für ein Land ist der Jemen?
Der Jemen ist ein arabisches Land, das an Saudi-Arabien und den Oman grenzt. Es wird hauptsächlich von Muslimen bewohnt. Aufgrund seiner Lage am südlichen Eingang des Roten Meeres liegt es an einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Trotz eigener Öl- und Gasvorkommen zählt es zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Welt, in denen die meisten Menschen von der Landwirtschaft leben. Die humanitäre Lage ist alarmierend – 19 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen.
Der Jemen leidet seit vielen Jahren unter Spaltungen entlang konfessioneller, regionaler und Stammesgruppen. Der Staat ist schwach und andere Länder – insbesondere der große Nachbar Saudi-Arabien und der Iran – üben großen Einfluss aus. Von 1967 bis 1990 war das Land geteilt, und auch heute gibt es Forderungen von Separatisten im Süden, sich vom Norden abzuspalten, sowie entsprechende Demonstrationen. Etwa 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung leben im Norden. Darüber hinaus sind Extremisten im Land aktiv, was immer wieder zu Anschlägen und Entführungen führt.
Seit wann gibt es Bürgerkrieg und warum?
Der gegenwärtige Bürgerkrieg begann im Jahr 2014, als die Huthi-Miliz, die vom Iran unterstützt wird, den Norden einschließlich der Hauptstadt Sanaa gewaltsam eroberte. Die Huthi gehören der schiitischen Strömung der Saiditen an und haben mehrmals Aufstände gegen die sunnitische Führung im Land angezettelt. Im Norden regieren sie in einem Zwergstaat und setzen ihre Ideologie auf totalitäre Weise um, angeblich auch durch Folter und Tötung von Kritikern und Journalisten. In ihrem Konflikt mit Israel haben die Huthi auch Handelsschiffe im Roten Meer angegriffen, einige versenkt oder in Brand gesteckt.
Saudi-Arabien begann 2015 mit Verbündeten, darunter auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Ziele der Huthi im Jemen zu bombardieren, da es die eigene Sicherheit bedroht sah. Das Ziel war es, die jemenitische Regierung zu unterstützen und den Einfluss der Huthi – und damit des Irans – im Land zurückzudrängen. In dem Krieg kamen durch direkte militärische Folgen mehr als 150.000 Menschen ums Leben. Trotz einer Waffenruhe ab 2022 und Bemühungen um Vermittlung dauert der Konflikt mit den Huthi an.
Was hat es mit den jüngsten Angriffen auf sich?
Dies markiert einen neuen Höhepunkt im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten, die eigentlich im Kampf gegen die Huthi verbündet sind. Riad betrachtete Abu Dhabi bisher als einen Junior-Partner. Die Emirate verfolgen jedoch im Jemen, Sudan und der größeren Region des Roten Meeres zunehmend eigene Interessen und unterstützen seit langem die Separatisten des Südlichen Übergangsrats (STC) im Südjemen. In den letzten Wochen haben diese große Gebiete im Osten erobert, die auch an Saudi-Arabien angrenzen, was Riad unter Druck setzte.
Die Spannungen zwischen beiden Golfmächten haben sich seither immer weiter verschärft und jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht. Ein von Saudi-Arabien angeführtes Militärbündnis bombardierte am Dienstag den Hafen von Mukalla und warf den Emiraten vor, dort Waffen und Fahrzeuge für die Separatisten liefern, was Abu Dhabi zurückwies. Opfer gab es nicht. Riad schloss sich auch jemenitischen Forderungen nach einem sofortigen Truppenabzug der Emirate aus dem Land an. Stunden später verkündeten die Emirate schließlich den «freiwilligen» Abzug ihrer verbliebenen Truppen.
Welche Interessen haben Saudi-Arabien und die Emirate im Jemen?
Saudi-Arabien ist besorgt um die eigene Sicherheit und strebt danach, den Jemen zu stabilisieren. Es bestehen enge religiöse und kulturelle Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Saudi-Arabien beabsichtigt, seinen Einfluss zu erhalten und die Schiffsrouten im Roten Meer und im Golf von Aden zu sichern, die für den Öl- und Welthandel von großer Bedeutung sind. Riad möchte nicht, dass sein Einfluss durch Abu Dhabi beeinträchtigt wird.
Die Emirate möchten sicherstellen, dass der emiratische Hafen Dschabal Ali seine Position als wichtigstes regionales Drehkreuz für die Seefahrt behält. Laut Sultan Barakat, Politik-Professor an der Universität Hamad Bin Khalifa in Katar, wollen sie unter anderem den Zugang zu den Häfen im Südjemen sichern, aber nicht unbedingt entwickeln, wie er dem Nachrichtenkanal Al-Dschasira mitteilte.
Wie könnte es jetzt weitergehen?
Der bisher größte offene Bruch der beiden Golfstaaten scheint zunächst überstanden. Die staatsnahen saudischen Medien feiern die Entwicklung als klaren Sieg über die Emirate. Der angekündigte Abzug der emiratischen Truppen ist jedoch eher symbolisch, da dieser größtenteils bereits 2019 erfolgte. Abu Dhabi zufolge sind ohnehin nur noch Spezial-Teams zum Anti-Terror-Kampf verblieben. Zahlen zu ihrer Stärke gibt es nicht.
Der Konflikt zwischen den Golfstaaten wird fortbestehen. Die Emirate könnten den STC weiterhin unterstützen oder eine größere Beteiligung an der Gestaltung der Zukunft des Jemens fordern. Bei neuen Kämpfen zwischen den Separatisten und den Regierungstruppen, die von Riad unterstützt werden, könnte im Süden oder Osten des Jemens eine neue Front entstehen. Beide Golfstaaten möchten jedoch ihr Image bewahren, nicht als Kriegstreiber, sondern als sichere Häfen in einer von Unruhen geplagten Region. Daher wird der Konflikt wahrscheinlich hauptsächlich über ihre Verbündeten und Stellvertreter ausgetragen werden.
Wie hängt der Krieg mit anderen Konflikten in der Region zusammen?
Experten sehen Verbindungen zum Konflikt im Sudan, der auch am Roten Meer liegt und wo Riad und Abu Dhabi auch unterschiedliche Seiten unterstützen. Die Emirate hätten hier zuletzt den Eindruck gewonnen, dass Riad sich um Sanktionen der USA gegen Abu Dhabi bemüht wegen dessen mutmaßlicher Waffenlieferungen in das Land. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus informierten Kreisen am Golf. Riad weise dies zurück. Diese Entwicklungen rund um den Sudan hätten aber mit dazu geführt, dass die Emirate den plötzlichen Vormarsch des STC im Jemen vorantrieben.
Zusammenhänge bestehen auch mit der faktisch unabhängigen Region Somaliland am Horn von Afrika, die kürzlich von Israel als souveräner Staat anerkannt wurde und deren Küste nur wenige Dutzend Kilometer Luftlinie vom Jemen entfernt liegt. Sollte Israel dort Truppen stationieren, würde dies eine direkte Bedrohung für Saudi-Arabien darstellen. Die Botschaft, die Riad mit dem überraschenden Luftangriff im Jemen sendete, war wahrscheinlich auch an Somaliland gerichtet, so Abdel Kadir al-Chali, ein politischer Beobachter im Jemen, gegenüber der dpa.








