Die Hamas geht laut Fachleuten zu Guerillataktiken über. Vom «totalen Sieg» sei Israels Regierungschef Netanjahu weit entfernt. Die News im Überblick.
Experten warnen Israel vor «ewigem Krieg» in Gaza

Israel ist nach Einschätzung von Experten im Gaza-Krieg noch weit von einem Sieg über die islamistische Hamas entfernt. «Die Hamas ist überall im Gazastreifen präsent», sagte Joost Hiltermann von der Denkfabrik International Crisis Group dem «Wall Street Journal».
«Die Hamas ist noch lange nicht besiegt.» Die Terrororganisation sei zu einer Guerillataktik übergangen, was in Israel die Befürchtung schüre, in einen «ewigen Krieg» zu geraten, berichtete die Zeitung. Israels Verteidigungsminister Joav Galant hatte am Vorabend gewarnt, das Fehlen einer Alternative zur Hamas-Herrschaft in Gaza drohe Israels militärische Erfolge zu untergraben.
Die USA teilten Galants Besorgnis, dass Israel dafür keine Pläne habe, sagte ein ranghoher US-Beamter der «Times of Israel». Dadurch sei die Terrororganisation in der Lage, sich in von der Armee geräumten Gebieten neu aufzustellen und die Kontrolle wiederzuerlangen. Das sei «besorgniserregend», hieß es.
Berichte über Luftangriffe im Nordosten des Libanons
Inzwischen haben libanesische Medien über schwere israelische Luftangriffe in der Region Baalbek im Nordosten des Libanon berichtet. Es gab zunächst keine Bestätigung von israelischer Seite. Gemäß den Angaben des israelischen Militärs hatte die Hisbollah-Miliz im Libanon kurz zuvor etwa 60 Geschosse auf den Norden Israels abgefeuert.
Die Miliz selbst teilte mit, Dutzende Raketen auf das Hauptquartier der Luftüberwachungseinheit bei Meron abgefeuert zu haben. Der Angriff sei eine Reaktion auf das «Attentat des israelischen Feindes» gewesen.
Israels Armee gab an, dass sie bei einem Luftangriff im Südlibanon einen hochrangigen Hisbollah-Kommandeur getötet hat. Baalbek liegt etwa 100 Kilometer von der israelisch-libanesischen Grenze entfernt und gilt als Hochburg der Hisbollah. Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen kommt es täglich zu militärischen Konfrontationen zwischen Israels Armee und der Hisbollah-Miliz sowie anderen Gruppierungen im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon.
USA: Führen mit Israel schwierige Gespräche
Die US-Regierung bestätigte trotz Berichten über eine neue Milliarden-Dollar-Waffenlieferung an Israel ihre Unterstützung für das Land. Dennoch könne man Bedenken mit Verbündeten teilen, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karine Jean-Pierre, mit Bezug auf Israels umstrittenes Vorgehen in der Stadt Rafah im Süden des Gazastreifens.
«Und wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir sicherstellen wollen, dass (Israel) in der Lage ist, sich zu verteidigen.» US-Präsident Joe Biden hatte Israel gedroht, dass eine größere Bodenoffensive in der mit Binnenflüchtlingen überfüllten Stadt Konsequenzen für US-Waffenlieferungen haben könnte. Jean-Pierre machte deutlich, dass die USA davon ausgingen, dass es sich bisher um einen begrenzten Einsatz des israelischen Militärs in Rafah handele – nicht um eine große Bodenoffensive.
Experte: Gibt kein Machtvakuum in Gaza
Unabhängig davon, ob Israel Rafah in vollem Umfang angreife oder nicht, werde die Hamas nach Auffassung aktiver und ehemaliger israelischer Militärs sowie nach Einschätzung der US-Geheimdienste wahrscheinlich überleben und in anderen Gebieten des abgeriegelten Küstenstreifens weiter bestehen, schrieb das «Wall Street Journal».
Die Hamas wende eine sogenannte «Hit and Run»-Taktik an, bei der kleinere Gruppen von Kämpfern aus dem Hinterhalt zuschlagen und dann schnell wieder in unterirdischen Tunneln verschwinden würden, zitierte die Zeitung Sicherheitsanalysten.
Israels Offensive im Gazastreifen erziele zwar bereits Ergebnisse, die Hamas sei militärisch schon sehr dezimiert, sagte Verteidigungsminister Galant. «Solange die Hamas aber die Kontrolle über das zivile Leben in Gaza bewahrt, kann sie sich wieder neu aufbauen und erstarken, so dass die israelische Armee zurückkommen und kämpfen muss, in Gebieten, in denen sie bereits im Einsatz gewesen war.»
Es gebe im Gazastreifen kein Machtvakuum, sagte Michael Milshtein, ein ehemaliger Leiter der Palästinenserabteilung des israelischen Militärgeheimdienstes, dem «Wall Street Journal». Jeder Ort, den Israels Armee räume, werde von der Hamas besetzt. «Im Moment gibt es keine Alternative zur Hamas», sagte Milshtein.
Verteidigungsminister fordert Alternative zur Hamas-Herrschaft
Galant kritisierte gestern die Unentschlossenheit Israels bezüglich der Frage, wer nach dem Krieg in Gaza regieren soll. Der Verteidigungsminister empfahl, dass palästinensische Vertreter – begleitet von internationalen Akteuren – die Kontrolle übernehmen und somit eine Regierungsalternative zur Hamas-Herrschaft schaffen sollten. Andernfalls blieben nur zwei negative Optionen: eine Fortsetzung der Hamas-Herrschaft oder eine israelische Militärherrschaft.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte dagegen zuvor erklärt, es sei sinnlos, vor einem Sieg über die Hamas über die künftige Verwaltung des Küstenstreifens zu sprechen. Bis klar sei, dass die Hamas nicht mehr militärisch in Gaza herrscht, werde kein anderer Vertreter bereit sein, die Zivilverwaltung in Gaza zu übernehmen – «aus Angst um seine Sicherheit».
Was heute wichtig wird
Der Internationale Gerichtshof in Den Haag befasst sich erneut mit einem Eilantrag gegen Israel im Zusammenhang mit Israels Militäroffensive in Rafah. Südafrika fordert den sofortigen Rückzug israelischer Truppen aus Rafah, um einen Völkermord an der palästinensischen Zivilbevölkerung zu verhindern.
Die Lage hat sich aufgrund der Angriffe Israels extrem verschlechtert und das Überleben der Menschen ist bedroht. Das höchste Gericht der Vereinten Nationen hat zwei Tage für die Anhörung angesetzt. Heute spricht Südafrika, Israel wird morgen reagieren.
Israel hat bisher alle Anschuldigungen entschieden abgelehnt. Der jüdische Staat begründet sein Recht auf Selbstverteidigung, nachdem Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen den Süden Israels am 7. Oktober des vergangenen Jahres überfallen und 1200 Menschen getötet hatten.








