Hendrik Streeck plant bei der Bundestagswahl in einem Jahr für die CDU anzutreten. Sein Antrieb ist das Bedürfnis, abweichende Meinungen und die Sorgen der Bevölkerung in die Politik zu bringen.
Prominenter Virologe plant Eintritt in die Bundespolitik

Wenn Hendrik Streeck in Ruhe telefonieren möchte, verlässt er sein Virologisches Institut auf dem Venusberg hoch über Bonn und geht in den Kottenforst. Dieser Wald liegt direkt hinter dem Gelände der Uniklinik. Der bekannte Virologe hat derzeit viel zu besprechen, da er plant, in die Bundespolitik einzusteigen. Im ehemaligen Wahlkreis von Konrad Adenauer in Bonn wird er bei der Bundestagswahl in einem Jahr für die CDU kandidieren.
Lange war gar nicht bekannt, dass er ein Parteibuch hat. «Als mich Armin Laschet in den Expertenrat berief, habe ich ihm gesagt, dass ich CDU-Mitglied bin», erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. Der einstige NRW-Ministerpräsident habe ihm aber geraten, das nicht öffentlich zu machen. «Das war sehr weise von ihm», sagt Streeck. «Weil es sonst noch eine weitere Ebene gegeben hätte. So in die Richtung: „CDU-Virologe kritisiert Merkel“.»
Während der Corona-Zeit hörte Bundeskanzlerin Angela Merkel eher auf den Berliner Virologen Christian Drosten, der oft als Gegenspieler von Streeck dargestellt wurde: Drosten galt als streng in Bezug auf Corona-Fragen, während Streeck als Vertreter einer Laissez-faire-Haltung angesehen wurde, so die Übertreibung. Dies führte zu heftiger Kritik, unter anderem von ZDF-Satiriker Jan Böhmermann.
Er ahnt, dass es Kritik geben wird
Gerade hat der 47 Jahre alte Mediziner in der Sache noch einmal mit einem Buch nachgelegt. Titel: «Nachbeben». Auch das werde wieder nicht ohne Streit abgehen, vermutet er: «Es wird garantiert jemanden geben, der einzelne Zitate rauspickt und kritisiert. Oder sagt, ich hätte eine bestimmte Studie nicht ausreichend gewürdigt. Da wird es Angriffe geben und sie sind Symptom vom Problem der ganzen Debatte um Corona.» Er habe auch lange damit gehadert, noch einmal ein Buch über die Pandemie zu schreiben, die viele Bürger längst verdrängt haben. Streeck findet aber, dass es sein muss. «Ich habe zwei, drei Jahre immer wieder für Aufklärung geworben, aber es ist nichts daraus geworden.»
Im Kottenforst biegt Streeck nun an einer Weggabelung ab: «Wenn wir nach links gehen, kommen wir zu den Hirschen.» So wird es gemacht.
Auch Streeck steht in gewisser Weise an einer Gabelung. Wenn er nächstes Jahr gewählt wird, müsste er seinen Doktorkittel vorübergehend an den Nagel hängen. Viele fragten ihn jetzt, warum er sich das antun will. Seine Antwort: «Aus meiner Sicht ist es schon so, dass dieser Schritt eine logische und emotionale Konsequenz der vergangenen Jahre ist. Eine Konsequenz daraus, dass abweichende Meinungen nicht gehört und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung nicht nachvollzogen wurden. Das sehe ich schon als meinen Antrieb, in die Politik zu gehen.»
„Man kann das wohl so interpretieren: Da er während der Corona-Zeit das Gefühl hatte, nicht gehört zu werden, will er nun selbst die Initiative ergreifen.“
«Da gibt es Neider und Förderer gleichermaßen»
Ob er das schafft? Seine Prominenz könne im Wahlkampf von Vorteil sein, meint der Parteienforscher Karl-Rudolf Korte: «Für die Wähler lebt der Kandidat von der Projektionsfläche: Wir meinen ihn zu kennen – das hat viele Vorteile auf dem Wählermarkt, zumal er unverbraucht in der politischen Szenerie wirkt, das macht zusätzlich neugierig.» Ob er sich aber parteiintern durchsetze, sei schwer zu beurteilen. «Da gibt es Neider und Förderer gleichermaßen», sagt Korte der dpa.
Streeck ist vor dem Gehege etwas verwirrt – von den geplanten Tieren fehlt jede Spur. «Es gibt hier sogar einen weißen Hirsch. Wo ist der?», fragt der Virologe. Aber nur ein Jogger trabt schnaufend vorbei.
Der Schritt nach Berlin wäre – so er überhaupt gelingt – auch ein Risiko. Streeck wäre dort – um im Bild zu bleiben – mit seiner Lebensgeschichte ebenfalls eine Art weißer Hirsch, ein Sonderling. Er leugnet das nicht. Er vermutet, dass er innerhalb der Partei natürlich auch kritisch beäugt werden könnte. Schon, weil er nicht den üblichen Werdegang durch die Junge Union gegangen ist.
Die Leute treten ihm jetzt schon ganz anders gegenüber, ist sein Eindruck. Hemmungen, ihn anzusprechen, sind weggefallen: Er ist jetzt nicht mehr der Herr Professor, sondern der Kandidat, der in den Bundestag will. «Jetzt muss er mit mir ins Gespräch kommen, er braucht ja meine Stimme» – das sei jetzt die Haltung.
Die Hirsche, auch der weiße, sind plötzlich wieder da. Streeck kniet sich ins Gras und lockt sie mit Wildfutter an. Zögerlich nehmen die Tiere die Krümel von seiner Hand. Man kann es zwar eklig finden, muss es aber nicht.
«Ich bin von meiner Grundprofession her Arzt», sagt er. Er habe Menschen helfen wollen. Jetzt sei dieser Antrieb eben politisch geworden. Er sagt aber auch: «Ich habe jetzt nicht vor, mein ganzes Leben im Bundestag zu bleiben.»
Einige haben das gesagt. Konrad Adenauer war lange Mitglied des Bundestages. Bis zu seinem Tod.








