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Historiker: Rechte haben «krude» Sicht auf Hitler-Attentat

Vor 80 Jahren wollte eine Widerstandsgruppe Hitler in die Luft sprengen – und scheiterte. Das Erinnern daran war schon immer ideologisch gefärbt. Ein Historiker warnt vor neuer Instrumentalisierung.

Mit einem Sprengsatz sollte Hitler getötet werden, doch die Operation Walküre scheiterte. An das Attentat vor 80 Jahren wurde im Verlauf der Zeit unterschiedlich erinnert.
Foto: Heinrich Hoffmann/UPI/dpa

Vor dem 80. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli warnt der Historiker Jens-Christian Wagner vor einer Instrumentalisierung des Gedenktages durch Rechtsextreme. Die Szene habe überwiegend einen positiven Bezug zur Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Und dies müsse man als «Instrumentalisierung und Geschichtsklitterung» bezeichnen, sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt.

Sippenhaft in Buchenwald

Am 20. Juli 1944 versuchten Wehrmachtsoffiziere unter der Führung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg vergeblich, Adolf Hitler mit einer Bombe zu töten. Stauffenberg und drei Mitverschwörer wurden noch am selben Abend im Innenhof des Bendlerblocks in Berlin erschossen. In den darauf folgenden Wochen und Monaten wurden von den Nazis etwa 90 weitere Beteiligte und Unterstützer hingerichtet.

Laut Wagner kamen Familienmitglieder der Widerstandsgruppe in sogenannte Sippenhaft in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Zudem habe das gescheiterte Attentat zu einer neuen Verhaftungswelle geführt: Die sogenannte «Aktion Gewitter» habe vor allem ältere Politikerinnen und Politiker aus der Zeit der Weimarer Republik betroffen, von denen etliche ebenfalls nach Buchenwald verschleppt wurden.

Ideologische gefärbtes Erinnern

Wagner erläuterte, dass sich Rechtsextreme heute teils auf die Widerständler berufen und unterstellen, «man stehe wie Stauffenberg im Widerstand gegen das heutige „faschistische Regime“, nämlich die „Ampel-Diktatur“». «Das ist eine sehr krude, verschwurbelte Weltsicht», sagte er. Der konservative und nationalistische Stauffenberg sei für diese Kreise besonders anschlussfähig.

Wagner sagte, der Widerstand gegen Hitler werde umgedeutet. Die Opposition gegen die heutige Regierung solle auf eine Ebene gestellt werden mit dem Widerstand auf Leben und Tod gegen den Nationalsozialismus. «Allein das ist ja schon eine Anmaßung», betonte Wagner. Niemand müsse schließlich heute befürchten, zum Tode verurteilt zu werden.

Widerstand gegen NS-Regime die Ausnahme

Weiter sagte Wagner, das Erinnern an die Widerstandsgruppe um Stauffenberg sei schon in der Vergangenheit schwierig und in beiden deutschen Staaten ideologisch gefärbt gewesen. «Der Widerstand wurde schon immer zu aktuellen, politischen Zwecken missbraucht.»

In der DDR sei der kommunistische Widerstand in den Mittelpunkt gestellt worden. Dagegen habe der militärische Widerstand kaum eine Rolle in der Erinnerungskultur und Geschichtsforschung gespielt. In der BRD sei es in der öffentlichen Wahrnehmung umgekehrt gewesen. «Es wäre völlig falsch, den Blick auf den Widerstand auf den 20. Juli zu verengen.» 

Wagner betonte gleichzeitig, dass der Widerstand gegen die Nationalsozialisten die Ausnahme war. Die Mehrheit der Deutschen stimmte dem Regime zu und beteiligte sich auch daran.

Die Thüringer AfD, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, beginnt am 20. Juli ihren offiziellen Wahlkampf. Ob AfD-Landesparteichef Björn Höcke auf den Gedenktag eingehen wird, war zunächst unklar.

dpa