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Studie: Wiedereinführung der Wehrpflicht hätte massive volkswirtschaftliche Kosten

Die Wirtschaftsleistung könnte um bis zu 70 Milliarden Euro sinken. Höhere Gehälter für Wehrdienstleistende als Alternative vorgeschlagen.

Eine Wehrpflicht im Rahmen eines sozialen Pflichtjahres würde den ifo-Forschern zufolge jährlich wirtschaftliche Kosten verursachen, die in etwa so groß sind, wie die Mittel aus dem Verteidigungshaushalt und dem Sondervermögen Bundeswehr im Jahr 2024 zusammen.
Foto: Frank May/dpa

Das Münchner Ifo-Institut warnt für den Fall einer Wiedereinführung der Wehrpflicht vor immensen volkswirtschaftlichen Kosten. Je nach Szenario würde der Schritt die deutsche Wirtschaftsleistung um drei bis 70 Milliarden Euro drücken, wie Berechnungen der Forscher ergaben. «Als Alternative zur Wehrpflicht wäre es sinnvoller, die Bundeswehr mit mehr Mitteln auszustatten, um sie als Arbeitgeber attraktiver zu machen», sagte Ifo-Experte Panu Poutvaara. «Denkbar wäre, den Wehrdienstleistenden höhere Gehälter zu bezahlen.»

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat im Juni angesichts des Ukraine-Kriegs Pläne für ein neues Wehrdienstmodell vorgestellt. Er plant, die vor 13 Jahren ausgesetzte Erfassung von Wehrfähigen wieder einzuführen. Darüber hinaus möchte er junge Männer dazu verpflichten, in einem Fragebogen Angaben zu ihrer Bereitschaft und Fähigkeit zum Dienst zu machen und sich einer Musterung zu unterziehen. Junge Frauen könnten dies ebenfalls tun. Es wird jedoch auch schon seit einiger Zeit darüber diskutiert, ob eine allgemeine Dienst- oder Wehrpflicht notwendig ist.

Die Wehrpflicht wurde im Jahr 2011 in Deutschland unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nach 55 Jahren ausgesetzt. Dies entsprach einer Abschaffung von Wehr- und Zivildienst.

Forscher: Wehrdienst wirkt sich auf Berufsplanung aus

Die Wirtschaftsforscher haben sich mit drei Szenarien befasst: Wenn die Wehrpflicht den gesamten Jahrgang betrifft, würde dies die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent oder 70 Milliarden Euro drücken. Wenn nur etwa ein Viertel eines Jahrgangs wie bei der alten Wehrpflicht eingezogen wird, wären es 17 Milliarden Euro. Bei 5 Prozent eines Jahrgangs – was laut Ifo dem in Schweden praktizierten Modell entspricht – wären es 3 Milliarden Euro.

«Eine Wehrpflicht im Rahmen eines sozialen Pflichtjahres würde jährlich wirtschaftliche Kosten verursachen, die in etwa so groß sind, wie die Mittel aus dem Verteidigungshaushalt und dem Sondervermögen Bundeswehr im Jahr 2024 zusammen», sagte Ifo-Militärexperte Marcel Schlepper. Die Kosten entstehen der Studie zufolge vor allem, weil junge Menschen erst später anfingen, Humankapital – also zusätzliche Bildung – und Vermögen aufzubauen. Der Wehrdienst zwinge die Betroffenen, ihre Bildungs- und Berufsplanung anzupassen. In der Studie stellten die Forscher negative wirtschaftliche Folgen bei Einkommen und Konsum bis zum Lebensende fest. 

Forscher weisen auf Fairness hin

Die von Poutvaara vorgeschlagene Verbesserung der Ausstattung der Bundeswehr würde laut Berechnungen in den Szenarien nur etwas mehr als die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Kosten verursachen – bei gleichem Wachstum der militärischen Fähigkeiten. Allerdings würde diese Option den Staatshaushalt stärker belasten, da höhere Gehälter gezahlt werden müssten. Je nach Szenario geht es dabei weit in die Milliarden.

Zudem geht es den Forschern auch um Fairness: Würde nur ein kleiner Anteil eines Jahrgangs verpflichtet, werfe das angesichts der ungleichen Verteilung der Lasten erhebliche Zweifel an der Wehrgerechtigkeit auf, sagte Poutvaara. Bei einer Marktlösung mit höheren Gehältern müssten dagegen alle gleichermaßen die höheren Staatsausgaben finanzieren. «Bei einer Wehrpflicht entstehen für die Nicht-Wehrpflichtigen kaum Kosten», sagte Schlepper. «Das mag erklären, warum eine Wehrpflicht insbesondere bei jenen Altersgruppen so beliebt ist, die nicht selbst betroffen wären.»

dpa