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Islands EU-Beitritt: Politische Veränderungen im Schatten von Trumps Einfluss.

Island erwägt ernsthaft den Beitritt zur EU, während das Land unter den wirtschaftlichen Spannungen mit den USA leidet. Ein Referendum über die Beitrittsverhandlungen könnte bereits im August 2026 stattfinden.

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Island will nicht Grönland sein: Trump könnte der EU ein neues Mitglied bescheren
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Island gilt für viele Europäer als Sehnsuchtsort, doch auch die Isländer selbst zeigen zunehmend Interesse an einem stabilen und berechenbaren Europa. In naher Zukunft könnte eine Entscheidung darüber fallen, ob das Land der Geysire und Elfen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union (EU) aufnehmen wird, von denen beide Seiten erheblich profitieren könnten.

Das unberechenbare Verhalten des US-Präsidenten hat die Attraktivität der EU für zahlreiche Staatsoberhäupter erhöht. Staaten, die sich von Trumps Drohungen und Zöllen betroffen fühlen, suchen nach verlässlichen Partnern auf der internationalen Bühne und richten ihren Blick auf die etablierten Institutionen in Brüssel. Neben Kanada streben auch andere Länder, wie die neutralen Schweiz, eine engere Zusammenarbeit mit der EU an. Zudem setzen die neun Beitrittskandidaten, allen voran die kriegsgeplagte Ukraine, seit Jahren Reformen um, um endlich in die Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden.

Ein weiterer Staat hat nun Interesse an einer Mitgliedschaft signalisiert: Island. Sollte alles planmäßig verlaufen, könnte es schnell gehen. Die isländische Regierung beabsichtigt, am 29. August 2026 ein Referendum über ein Mandat zur Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen abzuhalten. Bei einem positiven Ergebnis könnte eine zweite Abstimmung über den EU-Beitritt folgen. Wenn Reykjavik und Brüssel zügig zu Einigungen und Reformen gelangen, könnte die Aufnahme bereits 2028 erfolgen. Spätestens Anfang der 2030er Jahre wäre Island dann ein Mitglied der EU.

Veränderte Beziehungen zu den USA

Das wachsende Interesse der Isländer an einem EU-Beitritt ist vor allem auf das abgekühlte Verhältnis zu den USA zurückzuführen. Die ersten Risse in dieser Beziehung entstanden, als die Trump-Regierung einen Zoll von 15 Prozent auf alle isländischen Waren einführte, was die exportabhängige Wirtschaft des Inselstaats unter Druck setzte. Das Vertrauen in die USA sank rapide, insbesondere nach Trumps Drohung, Grönland zu annektieren. Diese Entwicklungen haben in Island Ängste geweckt, im Atlantik zwischen Großmächten zerrieben zu werden.

Strategische Lage Islands

Island könnte aufgrund seiner Lage am sogenannten GIUK-Korridor, einem strategisch wichtigen See- und Luftraum zwischen Grönland, Island und Großbritannien, ins Visier von Trump geraten. Über diesen von der NATO streng überwachten Korridor könnten im Konfliktfall russische U-Boote in den Nordatlantik vordringen. Sollte Trump tatsächlich versuchen, Island einzuverleiben, wäre der Inselstaat wehrlos. Militärischen Schutz erhoffen sich die Isländer neben ihrer NATO-Mitgliedschaft durch ein Verteidigungsabkommen mit Washington, da sie über keine eigene Armee verfügen.

Pro-europäische Regierung und Sicherheitsabkommen

Die pro-europäische Regierung in Island sieht in einem EU-Beitritt einen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Schutzschirm. Am Mittwoch reiste die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas nach Reykjavik, um gemeinsam mit Islands Verteidigungsministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen zu unterzeichnen.

„Das Abkommen ergibt sich eher aus der Notwendigkeit gemeinsamer Interessen, etwa im Bereich der Cybersicherheit“, erklärt Andreas Schwab, der im Europaparlament die Delegation für die Zusammenarbeit mit Island leitet. „Die Vorstöße des US-Präsidenten zu Grönland haben in der isländischen Politik einiges bewirkt. Eine EU-Mitgliedschaft könnte für Island eine vertiefte Zusammenarbeit auf Basis gemeinsamer Werte und Interessen ermöglichen. Doch die Meinungen zum EU-Beitritt in der isländischen Bevölkerung sind gespalten“, so Schwab.

Polarisierung der Bevölkerung

In verschiedenen Umfragen zeigt sich, dass die Zustimmung zu einem EU-Beitritt unter den Isländern seit dem vergangenen Jahr steigt, jedoch auch eine Polarisierung zu beobachten ist. Etwas mehr als die Hälfte der Isländer befürwortet die Idee einer Mitgliedschaft, während knapp die Hälfte sich ausdrücklich dagegen ausspricht. Gleichzeitig sinkt die Beliebtheit des US-Präsidenten in Island. Laut einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Senders RUV glauben 2025 rund 74 Prozent der Isländer, dass Trumps Interesse an Grönland und der Arktis eine Bedrohung für ihr Land darstellt.

Dennoch sehen einige Isländer auch in einem EU-Beitritt potenzielle Gefahren. Schwab verweist auf Bedenken hinsichtlich der Fischereirechte. „Wenn die Isländer der Europäischen Union beitreten, würden sie sowohl von den Rechten und Vorteilen profitieren als auch die damit verbundenen Verpflichtungen tragen. Das ist den isländischen Fischern ein Dorn im Auge“, sagt Schwab. Zudem müsste Island seinen Markt öffnen, was einige Unternehmen fürchten, da sie den Wettbewerb mit ausländischen Firmen vermeiden möchten. In einem kleinen Land wie Island hat diese Lobby entsprechend großen Einfluss.

Ein hohes Souveränitätsgefühl

Schwab stellt fest, dass er bei seinen Delegationsreisen in die arktischen Länder ein starkes „Souveränitätsgefühl“ wahrnimmt. „Diese Länder achten darauf, eine Äquidistanz zu allen Nachbarn zu wahren, obwohl sie die Europäische Union als den bevorzugten Partner ansehen.“ Bis zum Referendum könnte jedoch noch viel geschehen, was dazu führen könnte, dass die Zusammenarbeit mit den USA unter den Isländern wieder mehr Zuspruch erfährt. „Es hängt auch davon ab, was der US-Präsident als Nächstes tut“, so Schwab.

Rückblick auf gescheiterte Beitrittsverhandlungen

Eine neue Drohung Trumps bezüglich der Aneignung Grönlands könnte der EU in die Karten spielen. Für die Isländer würde das Bedrohungsszenario dann wieder konkret werden. Denn wer Grönland absichern möchte, benötigt Sensoren, Flugzeuge und Logistik über Island. Dies dürfte auch der US-Regierung bewusst sein. Im Verteidigungskonzept der NATO spielt Island jedenfalls eine besondere Rolle. Die permanente US-Basis Keflavík südwestlich von Reykjavík wurde zwar 2006 geschlossen, dient jedoch nach wie vor als NATO-Vorposten zur Überwachung russischer Bewegungen sowie der See- und Luftwege im Nordatlantik.

Ein EU-Beitritt würde Island in die europäische Sicherheitsstruktur einbinden. Sollte Trump dann mit einer Einverleibung drohen, würde er mit der gesamten EU anecken, was hohe politische Kosten nach sich ziehen könnte. Die Mitgliedschaft wäre jedoch nicht nur für Reykjavik von Vorteil, sondern auch für Brüssel. Die EU hätte dann Zugang zu einem wichtigen Beobachtungsposten im Nordatlantik, könnte diesen besser ausstatten und in Missionen einbinden. Zudem ist Island wohlhabend und würde als Nettozahler in der EU auftreten. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag in Island 2024 bei rund 65.600 US-Dollar, was etwa 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 54.300 Euro liegt. Nach einem Beitritt könnte Island zudem eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung grüner Technologien übernehmen, da es nahezu seinen gesamten Strom aus erneuerbaren Energien bezieht.

Wirtschaftlich ist Island bereits eng mit der EU verbunden. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und des Schengenraums ist Island in den Binnenmarkt integriert. Die Regierung in Reykjavik übernimmt damit große Teile des EU-Rechts, hat jedoch in den EU-Institutionen kein Stimmrecht. In der aktuellen Debatte wird das Argument angeführt, dass ein EU-Beitritt Island ein vollständiges Mitspracherecht bei den EU-Regeln geben würde, die es bereits befolgen muss, ohne Einfluss nehmen zu können.

Überzeugungsarbeit bei Skeptikern notwendig

Am Ende wird es jedoch darauf ankommen, die Skeptiker zu überzeugen. Aufgrund des Konflikts um die Fischereirechte betont die isländische Regierung, dass Identität, Lebensweise und Ressourcennutzung in den Verhandlungen besonders geschützt werden müssten. Ob dies ausreicht, bleibt abzuwarten. Bereits 2013 war Island auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft und hatte fast alle Verhandlungskapitel mit Brüssel geöffnet. Dann gewann jedoch eine EU-skeptische Mitte-Rechts-Koalition die Wahl, stoppte die Verhandlungen und löste das Verhandlungsteam auf.

Zusätzlich hat die Situation in Italien, wo die Regierung bei den Spritpreisen interveniert, die Diskussion über wirtschaftliche Stabilität in Europa neu entfacht. Die Entwicklungen in Italien könnten auch Auswirkungen auf die isländische Politik haben.

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