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Jamies Weg in ein selbstbestimmtes Leben

Das Selbstbestimmungsgesetz soll es Transpersonen erleichtern, ihre wahre Identität zu leben. Jamie ist diesen Weg schon gegangen – und hilft nun anderen.

Jamie Williams folgen über 80.000 Menschen auf Instagram, fast doppelt so viele auf TikTok.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

«Das ist soooo süß, ich liebe dieses Bild.» Lachend sitzt Jamie auf der Couch seiner Wohnung im Kölner Süden. Er schaut sich alte Familienfotos auf seinem Laptop an. Der 21-Jährige ist glücklich. Glücklich darüber, dass er mittlerweile zufrieden mit seinem Erscheinungsbild ist. Und dass er deshalb die Aufnahmen heute problemlos anschauen kann.

Denn das war nicht immer so. «Ich wollte damals, dass alles gelöscht wird und keine Bilder von mir mit langen Haaren existieren. Ich wollte mein damaliges Ich irgendwie auslöschen», sagt Jamie nachdenklich. Mittlerweile sind die langen Haare Vergangenheit. «Ich schaue jetzt gerne darauf zurück, was ich geschafft habe. Ich bin stolz darauf zu sehen, dass ich jetzt nicht mehr so aussehe.»

Transpersonen wie Jamie sollen laut dem Willen der Ampelregierung in Zukunft leichter ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern lassen können. Das Selbstbestimmungsgesetz soll das in wesentlichen Teilen verfassungswidrige Transsexuellengesetz von 1980 ablösen, das viele Betroffene als demütigend empfinden. Am Freitag stimmt der Bundestag darüber ab.

Etwas war anders

Jamie musste zwar seinen geschlechtsneutralen, ersten Vornamen nie ändern. Dennoch ist die Lebensgeschichte des heute 21-Jährigen für viele Transpersonen, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, in dem sie geboren sind, typisch.

Jamie Williams wächst mit zwei Brüdern in Brandenburg auf. Die drei sehen sich ähnlich, haben die gleichen Hobbys und denselben Modegeschmack. Eine glückliche Familie. Doch irgendwann merkt Jamie, dass etwas anders ist. «Es kam der Moment, in dem die Gesellschaft einen Unterschied zwischen uns gemacht hat. Plötzlich musste ich quasi weibliche Klamotten tragen und es hieß, meine Hobbys wie Fußball spielen oder LEGO bauen passten nicht zu mir.»

Jamie beugt sich diesem Rollenbild zunächst, will keine Probleme verursachen. Doch innerlich wächst der Druck. Die Zerrissenheit. Das Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde, passt einfach nicht zu seiner Identität. «Ich habe gespürt, dass ich da was mache, das mir nicht guttut und was ich nicht bin. Ich hatte das Gefühl, ich würde mein Leben lang schauspielern und das war sehr schwierig.»

Jamie lebt seit mehr als drei Jahren mit diesem Gefühl, spricht mit niemandem darüber und entscheidet sich schließlich, es seiner Mutter anzuvertrauen. Zu diesem Zeitpunkt ist Jamie 15 Jahre alt. Die beiden sprechen drei Stunden lang intensiv über Jamies Gefühle, und es fließen viele Tränen.

«Meine Mama ist für mich da»

«Immer, wenn ich über diesen Moment nachdenke, muss ich selbst wieder weinen, weil es ein sehr emotionaler Moment war. Ich habe damals gemerkt: Egal, welchen Weg ich gehe» – Jamie bricht ab und muss seine Tränen zurückhalten. «Egal, welche Entscheidung ich für mein Leben treffe, meine Mama ist für mich da. Egal, wie schwer es ist, sie geht mit mir diesen Weg.»

In einer Zeit, in der andere in seinem Alter feiern, ihren Hobbys nachgehen und sich verlieben, beginnt Jamies Weg zu sich selbst. Er macht eine psychologische Begleittherapie, lässt Gutachten erstellen, startet eine Hormontherapie, lässt sich die weiblichen Brustdrüsen entfernen (Mastektomie) und ändert seinen Geschlechtseintrag.

2018 beginnt er, in sozialen Medien aktiv zu werden. Mittlerweile folgen dem 21-Jährigen über 80.000 Menschen auf Instagram, fast doppelt so viele auf TikTok. Als Content Creator, früher gerne «Influencer» genannt, spricht Jamie seit einiger Zeit offen über sein Leben, gibt Workshops und beantwortet Fragen von Jugendlichen oder ihren Eltern.

«Ich bekomme ständig Nachrichten von Menschen, die es durch meine Beiträge geschafft haben, sich zu outen oder die endlich wissen, wer sie sind.» An Hassnachrichten habe er sich mittlerweile gewöhnt. Auch das ist ein Zeichen, wie wohl sich Jamie in seinem Körper mittlerweile fühlt. Der junge Mann gibt sich im Interview aufgeschlossen, selbstbewusst und lacht viel.

«Es geht mir heute sehr gut. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Ich bin der einzige Mensch, mit dem ich morgens aufstehen muss. Ich bin der einzige Mensch, der sein Leben lang mit mir klarkommen muss. Deswegen ist es so wichtig, seinen eigenen Weg zu gehen.»

«Ein Weg, den man sich nicht freiwillig aussucht»

Der Brandenburger, der seit einem halben Jahr in Köln lebt, drückt seine Gefühle in der Musik aus, schreibt Songs und spielt Gitarre. Außerdem besucht er bis zu sechsmal pro Woche das Fitnessstudio. Dabei zeigt er sich seinen Followern oft oberkörperfrei, da er stolz auf seinen männlichen Körper ist – auch auf seine Narben im Brustbereich.

Jamie findet, dass das neue Selbstbestimmungsgesetz ein Schritt in die richtige Richtung ist. Allerdings gibt es auch Kritik aus konservativen Kreisen. Die Vize-Unionsfraktionsvorsitzende Dorothee Bär (CSU) befürchtet beispielsweise, dass junge Menschen dazu ermutigt werden könnten, geschlechtsangleichende Maßnahmen durchzuführen. Jamie kontert dies mit seiner eigenen Geschichte.

«Wenn ich den Weg nicht hätte gehen müssen, dann wäre ich ihn nicht gegangen. Das ist ein Weg, den man sich nicht freiwillig aussucht. Das war emotional anstrengend. Es war psychisch anstrengend. Es war sozial anstrengend. Das hat so viel mit mir gemacht. Diesen Weg wünsche ich niemandem.»

Es sei zwar «ein unfassbar schönes Gefühl», bei sich selbst anzukommen. «Aber den Weg dorthin wäre ich niemals gegangen, wenn es nur eine Phase gewesen wäre. So was macht man nicht für Aufmerksamkeit.» Jamie wünscht sich von der Gesellschaft generell mehr Akzeptanz und Toleranz. «Das Wichtigste ist, dass jeder glücklich ist und seinen Weg gehen kann. Warum muss immer alles kommentiert und kritisiert werden?»

dpa