Zweistellige Minusgrade, Stromausfälle und eiskalte Wohnungen: Wie Kiews Bewohner mit Notfallplänen, Tee und Humor gegen den Winter und russische Angriffe kämpfen. Bis zum Frühling ist es noch lang.
Kiew friert: Der härteste Winter seit Kriegsbeginn

Kurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres erlebt die Ukraine den härtesten Winter seit dem russischen Einmarsch. Aufgrund der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen fehlt Hunderttausenden Strom und Heizung – und das bei Schneefall, Frost und nächtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Die Situation ist jedoch aktuell in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt könnte bei weiteren russischen Angriffen auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern.
Im Zentrum von Kiew gehen dick eingemummte Menschen tagsüber bei minus 12 Grad vorsichtig über die nach Schneefällen ungeräumten und teils vereisten Bürgersteige. Vor Geschäften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist zum Beispiel einer der Kaffeekioske beim Gebäude des Grenzschutzes. «Kaffee können wir nicht zubereiten. Nur Backwaren können wir verkaufen», sagt die junge Verkäuferin bedauernd.
Im nahe gelegenen Hinterhof hat ein Café noch Strom und verkauft warme Getränke. Mehrere Kunden drängen sich dicht an der Kasse. Die roten Ziffern auf der Digitalanzeige nahe der Decke springen wild zwischen 190 und 250 Volt hin und her. Doch kurz darauf ist der Strom auch hier komplett weg. Dies ist seit Tagen der traurige Alltag in Kiew – aber nicht nur in der Hauptstadt.
Stromabschaltungen als Alltag
Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekündigte stundenweise Stromausfälle. Damals begann das russische Militär erneut mit systematischen Angriffen auf Umspannwerke, Kraftwerke und Heizkraftwerke. Moskau zielt darauf ab, den Widerstandswillen und die Standhaftigkeit der Ukrainer zu schwächen. Besonders dramatisch wurde die Lage in Kiew nach den verheerenden Einschlägen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche.
Die Stadtteile auf dem Ostufer der Stadt waren teilweise mehrere Tage lang ohne Strom. Etwa 6.000 Wohnblöcke und somit mehrere Hunderttausend Einwohner hatten keine Heizung. Am Dienstag verschlimmerten neue russische Raketenschläge auch die Situation im Westteil von Kiew. Seitdem sind Notabschaltungen in der gesamten Metropole an der Tagesordnung.
Der öffentliche Nahverkehr, der auf Strom angewiesen ist, hat Probleme, und viele Bewohner von Kiew können nicht mehr planen, Wäsche zu waschen oder Essen zuzubereiten. Defekte Aufzüge in den zahlreichen Hochhäusern der Millionenstadt sind insbesondere für ältere und behinderte Menschen unüberwindbare Hindernisse.
Menschen in Kiew heizen Ziegelsteine auf Gasherden
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko versichert, die Mitarbeiter der Energieunternehmen arbeiteten rund um die Uhr an der Behebung der Schäden. «Doch leider lebt Kiew gerade mit Notabschaltungen des Stroms», räumt er ein. Rund 300 Wohnblöcke seien immer noch ganz ohne Heizung.
Eine formale Wiederherstellung der Fernwärme garantiert jedoch keine warme Wohnung: Viele Kiewer klagen über nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwärmen und verwenden diese eingewickelt in Handtücher als Wärmequellen auch in ihren Betten.
In sozialen Netzwerken teilen viele Kiewer ihren Alltag und sprechen sich gegenseitig Mut zu. «Wir sind auf den Kanaren. Wir sind auf den Malediven», scherzt der mit Mütze und dickem Pullover unter einer Bettdecke liegende Taras Nesterenko auf TikTok. «Der Fahrstuhl funktioniert nicht.» 13 Grad seien es in der Wohnung, seit mehr als zehn Stunden gebe es keinen Strom. «Ich möchte die Waschmaschine anschalten», teilt seine Frau ihren sehnlichsten Wunsch.
«Punkte der Unbeugsamkeit» und andere Vorbereitungen der Stadt
Im Gegensatz zum kürzlichen Stromausfall in Teilen Berlins sind die Ukrainer nicht vollständig unvorbereitet auf die Situation. Schon im ersten Kriegswinter (2022/2023) gab es massive russische Angriffe auf die Stromversorgung und wiederholt Stunden ohne Strom. Viele wohlhabende Ukrainer haben sich bereits damals Generatoren, Ladestationen, Akkus, Kerzen und Campingkocher zugelegt. Mobilfunkanbieter müssen sicherstellen, dass ihr Netz für mindestens zehn Stunden auch ohne externe Stromversorgung funktioniert.
Der Staat richtete in Schulen und Behörden «Punkte der Unbeugsamkeit» ein, die teils rund um die Uhr das Aufladen von Mobiltelefonen und anderen Geräten, Internetzugang oder das Aufwärmen bei einer Tasse Tee ermöglichen.
Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1.200 derartige Stellen eingerichtet. «Wir haben einen Stromgenerator, einen Kanonenofen, Holz. Es gibt Tee und warme Decken. Wir haben alles Notwendige», sagt die Direktorin des Lyzeums Nr. 100 im Stadtteil Podil, Viktoria Telehyna, dem Kiewer Stadtsender. Rund um die Uhr sei die Schule zum Aufwärmen geöffnet.
Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre
Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko hat Ferien für die Schüler der Stadt bis zum 1. Februar angeordnet. Aufgrund der schwierigen Umstände wurden auch die Regeln für die kriegsbedingte nächtliche Ausgangssperre gelockert. Es ist nun nicht nur erlaubt, während Luftalarms in Schutzräume zu gehen, sondern auch die ganze Nacht in einem der Aufwärmpunkte zu verbringen.
Zusätzlich gibt es aktuell noch rund um die Uhr 45 Aufwärmzelte des Zivilschutzes in den besonders von Heizungsausfällen und Stromknappheit betroffenen Stadtteilen. «Einzig während Luftalarmen stellen wir unsere Arbeit ein und bitten die Leute, in einen der nahen Schutzräume zu gehen», sagt der Sprecher des Kiewer Zivilschutzes, Pawlo Petrow, dem Stadtfernsehen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, werden den Angaben nach vom staatlichen Sozialdienst mit warmem Essen versorgt.
Politischer Streit: War Kiew unzureichend vorbereitet?
Angesichts der dramatischen Lage in der Hauptstadt sieht sich Bürgermeister Klitschko auch Kritik von Präsident Wolodymyr Selenskyj ausgesetzt. «Besonders schwer ist die Situation in Kiew. Die Stadtregierung hat Zeit verloren und jetzt wird auf Regierungsebene das korrigiert, was auf Stadtebene nicht getan wurde», sagte der Staatschef jüngst.
Die Intervention der Regierung in Kiew signalisierte auch, dass ein alter politischer Konflikt wieder aufbricht: „Selenskyj und Klitschko waren bei der Präsidentenwahl 2019 Konkurrenten. Trotz des Burgfriedens aufgrund des russischen Angriffskriegs gibt es immer wieder Sticheleien zwischen den beiden.“
Der Bürgermeister weist Selenskyjs aktuelle Vorwürfe zurück und spricht von Manipulationen und «offenkundiger Unwahrheit». Es gebe keine Konstruktivität, sondern nur «Hass», klagte er.
Der Ukraine drohen lange Wochen bis zum Frühling
Der nächste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bislang erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die Bürger: «Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten.» Kiew dürfte vor dem Frühling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.








