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Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

In Kiew sind der Generalinspekteur der Bundeswehr und US-Vertreter, um über neue Hilfen für die Ukraine zu sprechen. Der Überblick.

In den USA wird über die Freigabe weiterer Milliarden für die Ukraine gestritten. Man sei angewiesen auf Verbündete wie die USA, so der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Foto: Michael Kappeler/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat bei einem Treffen mit Vertretern aus Washington für weitere US-Milliardenhilfen zur Stärkung der Verteidigungskraft Kiews geworben. «Ich bin überzeugt, dass der Kongress die Entscheidung treffen wird, die Ukraine mit der notwendigen Hilfe zu unterstützen. Das wird unsere Verteidigung stärken», sagte Selenskyj in Kiew. Er veröffentlichte dazu unter anderem im sozialen Netzwerk X (vormals Twitter) ein Video von dem Gespräch mit Vertretern des US-Repräsentantenhauses. In den USA wird über die Freigabe weiterer Milliarden für den Kampf der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg gestritten.

«Wir dürfen nicht zurückstecken in unserem Kampf gegen den Aggressor», sagte Selenskyj. Die Ukraine sei angewiesen auf Verbündete wie die USA. Nötig seien ein Ausbau der Flugabwehr mit US-Systemen vom Typ Patriot und eine Zusammenarbeit bei der Produktion moderner Drohnen und Ausrüstung zur elektronischen Kriegsführung. In seiner abendlichen Videobotschaft sprach Selenskyj auch von der Notwendigkeit weitreichender Waffen – «besonders ATACMS mit 300 Kilometern Reichweite, zu denen es leider immer noch keine Entscheidung gibt».

Selenskyj dankte den USA einmal mehr für die bisher geleistete Hilfe. Die Herausforderungen seien weiter groß. In Europa gebe es immer mehr Stimmen, die vor einer Ausweitung der russischen Aggression warnten, sagte er. «Wir können die Ausbreitung des Krieges und des russischen Bösen nicht erlauben. Putin wird erst ernüchtert sein, wenn ihm Stärke entgegengestellt wird.» Kremlchef Wladimir Putin hatte seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen.

Russische Drohnenangriffe in der Nacht

Gemäß ukrainischen Berichten hat Russland in der Nacht erneut Ziele in der Ukraine mit Shahed-Drohnen angegriffen. Der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, schrieb auf seinem Telegram-Kanal, dass bei einem Angriff auf die Stadt Charkiw auch zivile Infrastruktur getroffen wurde. Eine Tankstelle geriet in Brand und 14 Privathäuser wurden zerstört. In der Schwarzmeerregion Odessa im Süden wurde ein 44 Jahre alter Mann durch Granatsplitter am Arm verletzt, wie Militärgouverneur Oleh Kiper berichtete.

Scholz und Biden setzen auf Ja des US-Kongresses 

Nach seinem Treffen mit US-Präsident Joe Biden in Washington äußerte sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zuversichtlich, dass die US-Militärhilfe für die Ukraine weiterhin gewährleistet werden kann. Scholz warnte nach dem Gespräch im Oval Office des Weißen Hauses, dass die Fähigkeit der ukrainischen Streitkräfte, ihr eigenes Land zu verteidigen, bedroht sei, falls es nicht gelinge, eine entsprechende Entscheidung im US-Kongress zu erreichen.

«Deshalb sind wir beide ganz fest davon überzeugt, dass das jetzt geschehen muss, aber auch zuversichtlich, dass der amerikanische Kongress am Ende eine solche Entscheidung treffen wird.»  Das wäre dann auch die richtige Botschaft an Putin, dass seine Hoffnung auf ein Nachlassen der westlichen Militärhilfe für die Ukraine vergeblich sei.  

Am vorherigen Tag wurde ein neues Gesetzespaket, das unter anderem 60 Milliarden Dollar (56 Milliarden Euro) für die Ukraine bereitstellt, von einer ersten formellen Hürde im Senat genommen. Es finden noch Verhandlungen statt und eine endgültige Abstimmung im Senat steht noch aus. Ob das Paket dort und insbesondere in der anderen Parlamentskammer, dem Repräsentantenhaus, Erfolgsaussichten hat, ist jedoch noch völlig ungewiss. Angesichts der monatelangen Blockade werden jedoch bereits kleinste Fortschritte als positiv angesehen.

Die Ukraine erhält die meisten Waffenlieferungen von den USA und Deutschland. Scholz schätzt den Wert der von Deutschland gelieferten und zugesagten Rüstungsgüter auf über 30 Milliarden Euro. Die USA geben an, dass ihre Militärhilfe einen Umfang von 44 Milliarden US-Dollar (ungefähr 41 Milliarden Euro) hat.

Bundeswehr-Generalinspekteur trifft neuen Oberkommandierenden

In Kiew traf indes der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, den frisch ernannten Oberkommandierenden der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Syrskyj, zu Gesprächen über weitere deutsche Waffenhilfen. Syrskyj habe seinen deutschen Kollegen über die Lage an der Front informiert und für Deutschlands Hilfe bei der Stärkung der ukrainischen Armee gedankt, teilte der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umjerow mit. «Die Bedürfnisse der ukrainischen Verteidigungskräfte bei Bewaffnung, Munitionierung und Flugabwehrsystemen wurden diskutiert», schrieb Umjerow. 

Syrskyj hatte zuvor den Posten von Walerij Saluschnyj übernommen, der bisher der höchste Militär war. Die Erwartungen an den neuen Oberkommandierenden sind hoch.

Mychajlo Podoljak, der Berater im Präsidentenbüro, äußerte sich im ukrainischen Einheitsfernsehen wie folgt: Syrskyj muss eine Bestandsaufnahme machen, weil von einer Million für den Krieg mobilisierten Soldaten nur etwa bis zu 300.000 im Einsatz waren. Es muss ermittelt werden, wer wo eingesetzt ist. Erst danach kann festgestellt werden, wie viele weitere Rekruten benötigt werden, erklärte Podoljak. Nach Angaben sind viele Soldaten weit vom Krieg entfernt. Es muss auch geklärt werden, wie diejenigen, die bereits seit fast 24 Monaten im Kampfeinsatz sind, durch Rotation ersetzt werden.

Selenskyj erwarte von seinem neuen obersten Militär Erfolge im Kampf gegen die russische Invasion, nachdem die Großoffensive unter Saluschnyj im vergangenen Jahr deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. «Wir können uns nicht im Zustand einer Stagnation 2024 befinden», sagte Podoljak.

Stoltenberg hält jahrzehntelange Konfrontation für möglich

Die Nato muss sich aus Sicht ihres Generalsekretärs Jens Stoltenberg auf die Möglichkeit einer jahrzehntelangen Konfrontation mit Russland vorbereiten. «Die Nato sucht keinen Krieg mit Russland», sagte Stoltenberg der «Welt am Sonntag». «Aber wir müssen uns wappnen für eine möglicherweise jahrzehntelange Konfrontation.» Stoltenberg forderte deshalb mehr und schnellere Aufträge für Europas Rüstungsunternehmen: In Marktwirtschaften bräuchten Waffenhersteller unterschriebene Verträge, damit sie ihre Produktion hochfahren.

«Wenn Putin in der Ukraine gewinnt, gibt es keine Garantie dafür, dass die russische Aggression sich nicht noch auf andere Länder ausbreitet», warnte der Norweger. Die beste Verteidigung sei jetzt, die Ukraine zu unterstützen und in die militärischen Fähigkeiten der Nato zu investieren. 

Heusgen: Angriff auf Nato-Gebiet nicht ausgeschlossen

Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, hält unterdessen auch einen russischen Angriff auf Nato-Gebiet für nicht ausgeschlossen, sollte die Ukraine den Krieg verlieren. Auf die Frage, ob er Putin einen Angriff auf ein Nato-Land zutraue, sagte Heusgen der «Rheinischen Post»: «Natürlich. Putin hat ja mehrfach gesagt, dass die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts der Zerfall der Sowjetunion war, weil damit viele Russen außerhalb der Grenzen Russlands gestrandet sind.»

Putin wolle ein Groß-Russland in den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederherstellen, sagte Heusgen. «Sollte Putin den Krieg in der Ukraine nicht verlieren, müssen wir damit rechnen, dass er auch nach der Republik Moldau oder den baltischen Staaten greift.» 

Putin hatte in einem Interview des rechtsgerichteten US-Moderators Tucker Carlson gesagt, dass Russland keine territorialen Ansprüche gegen Polen oder den Baltenstaat Lettland hege. Ein russischer Einmarsch in diese Nato-Staaten sei «absolut ausgeschlossen» – mit einer möglichen Ausnahme: «Wenn Polen Russland angreift». Der polnische Parlamentspräsident Szymon Holownia mahnte in Warschau, solchen beschwichtigenden Äußerungen Putins keinen Glauben zu schenken.

Was heute wichtig wird

Die Ukraine beschäftigt sich weiterhin mit der Umstrukturierung ihrer Militärführung und verteidigt sich gleichzeitig mit aller Kraft gegen die russischen Angriffe. Insbesondere im Osten und Süden versuchen die russischen Streitkräfte, weitere Ortschaften unter Kontrolle Kiews zu bringen.

dpa