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Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage aktuell

Das Stromnetz der Ukraine ist durch russischen Beschuss schwer beschädigt. Über mehrere Monate müssen die Menschen mit stundenweisen Stromsperren leben. Ein Überblick über Geschehnisse in der Nacht.

Relativ schnell besetzten die russischen Kräfte mehrere Dörfer nahe Charkiw an der Grenze. Ihr Vorstoß wurde dadurch begünstigt, dass die Ukraine ihre westlichen Waffen nicht gegen den Truppenaufmarsch jenseits der Grenze einsetzen durfte.
Foto: -/yonhap/dpa

Die Ukraine kämpft weiterhin darum, den russischen Angriff an ihrer Ostgrenze im Gebiet Charkiw zu stoppen. Laut dem ukrainischen Generalstab finden die heftigsten Kämpfe in den Orten Lipzy und Wowtschansk statt.

Die russische Offensive werde von Kampfflugzeugen durch den Abwurf von Gleitbomben unterstützt. Zugleich hieß es: «Die Einheiten der Verteidigungskräfte halten die Linie und verhindern, dass die Angreifer in die Tiefen unseres Territoriums vordringen.» Unabhängige Bestätigungen dafür gab es nicht.

Präsident Wolodymyr Selenskyj reiste gestern in die Nähe der neuen Front und traf sich mit den Militärs. In der Nacht gab es in den östlichen Gebieten der Ukraine Luftalarm. Laut der Luftwaffe näherten sich mehrere Schwärme russischer Kampfdrohnen. In der Millionenstadt Charkiw waren Explosionen zu hören, wie von den Medien berichtet wurde. Die Ukraine verteidigt sich seit Februar 2022 gegen eine großangelegte russische Invasion, heute ist der 814. Tag des Krieges.

Ukraine spricht von hohen russischen Verlusten bei Charkiw

Der Angriff der Russen in der Nähe von Charkiw begann letzte Woche. Die russischen Streitkräfte besetzten relativ schnell mehrere Dörfer an der Grenze. Die Ukraine durfte ihre westlichen Waffen nicht gegen den Truppenaufmarsch jenseits der Grenze einsetzen, was den Vorstoß begünstigte.

Die vorderen Verteidigungsstellungen waren ebenfalls nicht so ausgebaut, wie es vorgesehen war. Laut dem Generalstab in Kiew geht die russische Armee auch in Charkiw ohne Rücksicht auf hohe eigene Verluste vor, ähnlich wie an anderen Frontabschnitten.

Bei Wowtschansk etwa 40 Kilometer nordöstlich von Charkiw sei es gelungen, die Lage zu stabilisieren, sagte Selenskyj nach seinem Frontbesuch. «Unsere Gegenangriffe dauern an, ebenso wie in anderen Gebieten entlang der Grenze zu Charkiw», sagte er. Besonders heftige russische Angriffe verzeichnete das ukrainische Militär weiter südlich bei Pokrowsk.

Nato-Befehlshaber rechnet nicht mit russischem Durchbruch

Der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, Christopher Cavoli, rechnet indes nicht mit einem strategischen Durchbruch der russischen Armee bei Charkiw. «Sie sind in der Lage, lokale Vorstöße zu machen, und das haben sie auch getan. Sie haben aber auch einige lokale Verluste erlitten», sagte er nach einem Treffen des Nato-Militärausschusses in Brüssel. Die Russen hätten nicht genug Streitkräfte, um einen strategischen Durchbruch zu erreichen. «Ich stehe in sehr engem Kontakt mit unseren ukrainischen Kollegen, und ich bin zuversichtlich, dass sie die Linie halten werden.»

Selenskyj klagt über Putins «leere Worte» zu Frieden

«Russland versucht, den Krieg auszuweiten, und begleitet ihn stets mit leeren Worten über den Frieden», sagte Selenskyj. Er reagierte damit auf Aussagen von Präsident Wladimir Putin bei dessen China-Besuch. Moskau und Peking nannten dort eine politische Einigung als geeigneten Ausweg aus dem Krieg, ohne dies näher zu erläutern. «Wir müssen Russland mit allen Mitteln zu einem echten, gerechten Frieden zwingen», sagte Selenskyj dagegen.

In einem Telefonat mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk warnte Selenskyj vor der Gefahr für Europa durch russische Luftangriffe auf die Gasinfrastruktur seines Landes. «Dagegen müssen wir gemeinsam vorgehen», sagte er. Die russische Luftwaffe hatte Ende März mit Marschflugkörpern und Raketen die oberirdischen Anlagen eines großen unterirdischen Gasspeichers in der Westukraine beschossen. Trotz des Krieges leitet die Ukraine bis Ende 2024 noch russisches Gas in die EU durch. Sie nutzt die Speicher selber und bietet sie den EU-Nachbarländern an.

Monatelange Stromabschaltungen in der Ukraine nach Angriffen

Aufgrund der schweren Schäden an Kraftwerken und Umspannwerken in der Ukraine erwartet die Regierung monatelange Stromabschaltungen. Erst ab August oder September wird eine Verbesserung erwartet, sagte Jurij Bojko, Berater des Ministerpräsidenten und Aufsichtsrat beim Versorger Ukrenergo (Ukrenerho), in Kiew. Wie bereits am Mittwoch gab es auch gestern regionale Abschaltungen, um Strom zu sparen. Auch Straßenzüge in der Hauptstadt Kiew waren betroffen.

Während des Angriffskrieges gegen die Ukraine griff die russische Armee im März und April gezielt Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen aus der Luft an. Die Produktionskapazität sank offiziellen Angaben zufolge um 44 Prozent. Die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken wurde nahezu vollständig zerstört. Auch Wasserkraftwerke am Dnipro wurden beschädigt. Die Aussichten auf schnelle Reparaturen sind düster. Die Stromerzeugung aus Kernkraftwerken funktioniert größtenteils. Selbst Energieimporte aus Nachbarländern reichen nicht immer aus, um die Lücke zu schließen.

Lage im AKW Saporischschja gespannt

Laut Rafael Grossi, dem Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, bleibt die Situation im russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja in der Südukraine weiterhin angespannt. Das wurde in Wien bekannt gegeben.

Die IAEA tauschte ein weiteres Mal ihr Team von Experten aus, die in der größten Nuklearanlage Europas Wache halten. «Die potenziellen Gefahren für die Anlage dauern an, und die Situation kann sich jeden Moment verändern.», sagte Grossi.

Die Experten haben in den letzten Tagen Artilleriefeuer in der Ferne und Gewehrfeuer in der Nähe des Werks gehört. Sie durften das Werksgelände betreten und haben bei Kontrollgängen keine schweren Waffen im AKW gesehen. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass Drohnen vom Werksgelände gestartet wurden. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig immer wieder, die Atomanlage zu beschießen.

dpa