Inmitten einer drohenden Dieselknappheit exportiert Deutschland unerwartet Mitteldestillate ins Ausland. Die Marktbedingungen sind angespannt, da der Bedarf steigt und die internationalen Lieferungen sinken.
Letzter Tanker vom Golf erwartet: Trotz zu erwartender Knappheit exportiert Deutschland plötzlich seinen Diesel

Der Kraftstoffmarkt erlebt derzeit eine ungewöhnliche Situation. Normalerweise ist Deutschland auf Importe angewiesen, um seinen Dieselbedarf zu decken. Doch inmitten der Iran-Krise und der damit verbundenen drohenden Knappheit wird Diesel aus Deutschland in ein Nachbarland exportiert.
Obwohl die Verfügbarkeit von Diesel auf dem Weltmarkt stark zurückgegangen ist und eine Knappheit bevorsteht, exportiert Deutschland aktuell sogenannte Mitteldestillate, zu denen Diesel und Heizöl in Dieselqualität gehören. Dies geht aus den Daten von Argus Media hervor, einem Unternehmen, das den globalen Rohstoffhandel und die Preisentwicklung überwacht. In den letzten Wochen äußerte nicht nur die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Bedenken hinsichtlich einer möglichen Knappheit bei Kraftstoffen in Deutschland im April oder Mai, sondern auch der Wirtschaftsverband Fuels und Energie warnte trotz der derzeit noch gesicherten Versorgung vor einem zunehmend knappen Angebot auf dem internationalen Dieselmarkt.
Ungewöhnliche Exportsituation
Die Tatsache, dass Deutschland seit etwa zwei Wochen Mitteldestillate in die niederländische Region Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen exportiert, ist bemerkenswert, da das Land selbst auf eine Knappheit zusteuern könnte. Deutschland ist in der Regel Nettoimporteur von Diesel. Während die heimischen und europäischen Raffinerien normalerweise Benzin im Überfluss produzieren und exportieren, reicht die inländische Produktion von Heizöl und Diesel nur für etwa zwei Drittel des eigenen Bedarfs. Daher ist Deutschland sowohl auf den Import von Rohöl als auch auf die Einfuhr von raffinierten Produkten aus dem Weltmarkt angewiesen. Das Angebot auf diesem Markt ist jedoch stark zurückgegangen.
Lieferengpässe im Nahen Osten
Wichtige Raffinerien im Nahen Osten haben ihren Betrieb eingestellt, und andere Raffinerien in Asien, die normalerweise Diesel für den Export herstellen, haben aufgrund der Blockade der Straße von Hormus Schwierigkeiten mit der Rohölnachschubversorgung. In der Folge ist ein Wettbewerb um die verbleibenden Dieselimporte aus den USA entstanden. Jüngste Berichte zeigen, dass asiatische Käufer europäische Diesellieferungen, die bereits auf dem Weg über den Atlantik waren, abgreifen.
Aktuelle Versorgungslage in Deutschland
Trotz dieser Entwicklungen ist die Versorgungslage in Deutschland momentan stabil, und es gibt sogar einen leichten Überschuss an Diesel. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Nachfrage nach Heizöl nach einem anfänglichen Anstieg zu Kriegsbeginn „komplett eingebrochen“ ist, wie Hagen Reiners, ein Experte für den deutschen Ölmarkt bei Argus Media, erklärt. „Die anhaltend hohen Preise und die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung halten Verbraucher vom Kauf ab“, so Reiners.
Vorbereitung auf mögliche Engpässe
Händler in der als ARA-Region bekannten europäischen Ölindustrie scheinen jedoch bereit zu sein, hohe Preise zu zahlen. Laut Reiners könnte dies darauf hindeuten, dass sie ihre Dieselbestände aufstocken möchten, da sie eine Knappheit im April befürchten, falls Schiffe die Straße von Hormus nicht bald wieder passieren können.
Ausblick auf die kommenden Wochen
Die Situation könnte sich nach Ostern zuspitzen. Um den 10. April wird laut Argus-Daten die letzte Diesellieferung für Europa, die den Persischen Golf vor der Blockade der Straße von Hormus verlassen hat, erwartet. „Danach könnte Diesel knapp werden“, warnt Reiners. „Es sei denn, es treffen Schiffe mit Diesel beispielsweise aus den USA ein.“ Allerdings ist US-Diesel derzeit weltweit sehr gefragt und entsprechend teuer.
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