Die Verhandlungen über eine Waffenruhe in Gaza sollen nächste Woche fortgesetzt werden. Die Vermittler sprechen von konstruktiver Atmosphäre. Doch das Töten in Nahost geht vorerst weiter.
Libanon meldet Tote nach mutmaßlich israelischem Luftangriff

Während die Verhandlungen über eine Waffenruhe im Gaza-Krieg mit dem Ziel einer Einigung in der kommenden Woche weitergehen sollen, sterben im Nahen Osten weiter Menschen. Bei einem Luftangriff auf ein Wohngebäude im Südlibanon gab es nach Behördenangaben mindestens sechs Tote. Zudem seien drei Menschen bei dem mutmaßlich von Israel geführten Angriff verletzt worden, teilten das libanesische Gesundheitsministerium und libanesische Sicherheitsquellen in der Nacht mit. Von der israelischen Armee lag zunächst keine Stellungnahme dazu vor.
Seit dem Beginn des Gaza-Kriegs zwischen Israel und der islamistischen Hamas vor mehr als zehn Monaten feuert die mit der Hamas verbündete Hisbollah-Miliz aus dem Libanon beinahe täglich Ziele im angrenzenden Norden Israels an. Gleichzeitig greift das israelische Militär regelmäßig Ziele im benachbarten Land an.
Die politische Führung im Iran, die Hamas und Hisbollah in ihrem Kampf gegen Israel unterstützt, ist skeptisch in Bezug auf die Verhandlungen über eine Waffenruhe in Gaza. Israel könne nicht vertraut werden, sagte der iranische Außenminister Ali Bagheri Kani auf der Plattform X. Er wurde vom katarischen Ministerpräsidenten Mohammed bin Abdulrahman Al Thani über den Stand der Verhandlungen informiert. Bagheri Kani betonte, dass alles unternommen werden müsse, um Israels militärische Offensive im Gazastreifen zu beenden.
Ministerium: Erster Polio-Fall im Gazastreifen
Nach Angaben der Palästinenser ist in dem vom Krieg verwüsteten Küstenstreifen ein erster Fall von Kinderlähmung aufgetreten. Ein ungeimpfter, zehn Monate alter Säugling in Deir al-Balah im Zentrum des Gebiets sei erkrankt, teilte das Gesundheitsministerium in Ramallah mit. Tests in der jordanischen Hauptstadt Amman hätten dies bestätigt.
Der UN-Generalsekretär António Guterres hatte zuvor eine Kampfpause in dem abgeriegelten Küstenstreifen gefordert, um Hunderttausende Kinder gegen Polio zu impfen. Das Virus wird häufig über verunreinigtes Wasser übertragen. Bisher gibt es keine Heilung für Polio.
Biden hofft auf Waffenruhe
Einen Durchbruch für eine Waffenruhe erzielten die Vermittler in der katarischen Hauptstadt Doha am Freitag zwar nicht – laut gemeinsamer Mitteilung waren die Gespräche aber konstruktiv. Demnach gibt es einen Vorschlag, der die noch bestehende «Lücke verringern» soll. Er entspreche auch den Grundsätzen des Friedensplans, den US-Präsident Joe Biden im Mai vorgestellt hatte und dessen Details die Hamas nicht neu verhandeln will.
Vor Ende nächster Woche ist ein weiteres Spitzentreffen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo geplant. Bis dahin sollen die Unterhändler weiterverhandeln, um verbleibende Lücken zu schließen.
Biden äußerte sich hoffnungsvoll. «Wir sind näher dran als je zuvor», sagte er am Rande einer Veranstaltung im Weißen Haus. «Wir sind viel, viel näher dran als noch vor drei Tagen.» US-Außenminister Antony Blinken reist dieses Wochenende nach Israel, um «die intensiven diplomatischen Bemühungen» vor Ort weiterzuführen, wie ein Sprecher seines Ministeriums mitteilte. Ziel sei, das Abkommen zum Abschluss zu bringen. «Niemand in der Region sollte Maßnahmen ergreifen, um diesen Prozess zu untergraben», warnte Biden in einer Erklärung.
Ägyptens Außenminister Badr Abdelatty ist der Ansicht, dass eine Waffenruhe eine weitere Eskalation in der Region verhindern könnte. Der Iran und die Hisbollah hatten nach der Tötung des Hamas-Auslandschefs Ismail Hanija in der iranischen Hauptstadt Teheran sowie eines Hisbollah-Militärkommandeurs vor gut zwei Wochen Rache geschworen. Seither wurde mit einem Angriff gerechnet. Sowohl der Iran als auch die maßgeblich von ihm unterstützte Hisbollah könnten im Falle einer Waffenruhe im Gazastreifen von einer größeren, womöglich koordinierten Attacke gegen Israel absehen.
Biden habe nach der Verhandlungsrunde in Doha mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi und in einem weiteren Telefonat mit dem katarischen Emir Tamim bin Hamad al-Thani gesprochen, teilte das Weiße Haus mit. Sie seien überzeugt, dass der Prozess in der Endphase angelangt sei, sagte ein US-Regierungsvertreter. Man wolle nächste Woche in Kairo auf dieser Ebene wieder zusammenkommen «mit dem Ziel, diesen Prozess ein für alle Mal abzuschließen».
US-Beamter: Verhandlungsprozess weiter schwierig
Der Regierungsvertreter sagte, dass es sich weiterhin um eine sehr schwierige, komplexe Aufgabe handele. Es gebe Elemente bei der geplanten Vereinbarung, die «unangenehm» seien, «wie bei jedem Deal dieser Art». Als Beispiel nannte er den Austausch von einer «großen Anzahl palästinensischer Gefangener» aus israelischen Gefängnissen gegen völlig unschuldige Menschen, die als Geiseln genommen wurden. Das Abkommen sei «nicht perfekt», spiegele aber die Grundsätze wider, die US-Präsident Biden dargelegt habe und der UN-Sicherheitsrat voll unterstütze.
Biden schlug im Mai vor, den Gaza-Krieg in drei Phasen zu beenden. Während einer sechswöchigen Waffenruhe sollten in der ersten Phase bestimmte Geiseln freigelassen werden. Im Gegenzug würden Palästinenser freikommen, die in Israel inhaftiert sind. In den beiden folgenden Phasen sollen die Kämpfe dauerhaft eingestellt, die restlichen Geiseln freigelassen und mit dem Wiederaufbau des stark zerstörten Gazastreifens begonnen werden.
Am 7. Oktober 2023 überfielen die Hamas und andere Terroristen aus Gaza den Süden Israels, töteten mehr als 1.200 Menschen und entführten weitere 250 als Geiseln. Dieses Massaker war der Auslöser des Krieges. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seitdem mehr als 40.000 Menschen in Gaza getötet. Die Zahl unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern und ist nicht überprüfbar.








