147 Nebenkläger zugelassen, Anklage wegen Mord und Körperverletzung, spektakuläres Gerichtsgebäude errichtet
Prozess gegen Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt beginnt

Der Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt beginnt am 10. November. Das teilte das Landgericht Magdeburg mit. Zuvor hatte der «Spiegel» berichtet.
Laut Angaben sind bisher 147 Nebenkläger für den Prozess vor der ersten großen Strafkammer des Schwurgerichts zugelassen. Weitere Personen haben einen Antrag auf Zulassung gestellt. Etwa 40 Anwälte sollen die Nebenkläger vertreten. Es ist noch unklar, wie viele Prozesstage es geben wird.
Mehrfacher Mord und versuchter Mord
Anfang August erhob die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg Anklage gegen Taleb al-Abdulmohsen, der 50 Jahre alt ist. Er wird beschuldigt, sechs Menschen getötet und mehr als 300 zum Teil schwer verletzt zu haben. Unter den Opfern waren ein neunjähriger Junge sowie fünf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren.
Der Arzt wird beschuldigt, mehrere Morde und Mordversuche begangen zu haben. Zusätzlich wird ihm von der Generalstaatsanwaltschaft gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Al-Abdulmohsen wird vor dem Landgericht von zwei Anwälten verteidigt.
Am 20. Dezember des letzten Jahres fuhr der Täter mit einem Auto über den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Laut der Generalstaatsanwaltschaft dauerte der Anschlag eine Minute und vier Sekunden. Der saudische Arzt benutzte einen 340 PS starken Mietwagen. Er soll mit bis zu 48 Stundenkilometern über den Weihnachtsmarkt gefahren sein. Insgesamt sollen laut Angaben 344 Menschen geschädigt worden sein.
Eigens gebautes Interims-Gerichtsgebäude
Um sicherzustellen, dass alle Betroffenen – sofern sie es wünschen – am Prozess teilnehmen können, wurde ein temporäres Gerichtsgebäude errichtet. Die Größe ist beeindruckend: Der Verhandlungssaal allein ist 65 Meter lang und 30 Meter breit und bietet Platz für etwa 450 Nebenkläger und ihre Anwälte. Rund 200 Besucher und Medienvertreter können den Prozess verfolgen.
Laut dem sachsen-anhaltischen Justizministerium hätten alle vorhandenen Gerichtssäle im Land nicht ausgereicht. Es handle sich um eines der größten Strafverfahren in der Nachkriegsgeschichte, das spezielle Anforderungen an Raum, Organisation und Sicherheit stellt.
Unzufriedenheit und Frustration
Die Generalstaatsanwaltschaft hatte in einer Mitteilung zur Anklageerhebung mitgeteilt, die Tat sei mehrere Wochen in Einzelheiten geplant und vorbereitet worden. Al-Abdulmohsen habe «offenbar aus Unzufriedenheit und Frustration über den Verlauf und den Ausgang einer zivilrechtlichen Streitigkeit sowie die Erfolglosigkeit diverser Strafanzeigen gehandelt, und zwar mit dem Ziel, eine unbestimmte, möglichst große Anzahl von Personen und Personengruppen, die in den Fahrbereich seines Fahrzeugs gelangen würden, zu töten». Mittäter und Mitwisser habe es nicht gegeben.
Das Landgericht hatte das Verfahren zuletzt erneut dem Generalbundesanwalt zur Strafverfolgung vorgelegt. Es war davon ausgegangen, dass es sich um Straftaten handelte, die die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährden könnten. Karlsruhe lehnte die Zuständigkeit ab mit der Begründung, dass kein Staatsschutzbezug vorliege.
Arzt in Psychiatrie mit fachlichen Defiziten
Al-Abdulmohsen arbeitete vor seiner Todesfahrt im Maßregelvollzug in Bernburg (Salzlandkreis) als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In dieser Einrichtung werden Personen betreut, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder Suchtmittelabhängigkeit straffällig geworden sind.
Laut Angaben seines Arbeitgebers ist al-Abdulmohsen dort wiederholt durch wirre Mails, Unzuverlässigkeit und fachliche Defizite aufgefallen. Es wurde in einem Bericht festgehalten, dass ihm psychotherapeutische Behandlungen nicht zugetraut wurden.
Anfang Februar wurde bekannt, dass ein Kollege sich einige Monate vor dem Anschlag um den Zustand von al-Abdulmohsen sorgte und diese Informationen an Vorgesetzte weitergab. Mehrere Sicherheitsbehörden beschäftigten sich ebenfalls immer wieder mit dem Täter, jedoch war er letztendlich als Gegner von Islamisten durch alle Raster gefallen.








