Gewalt, Internetblockade und der Ruf nach Wandel: Seit gut zwei Wochen protestieren die Menschen im Iran. Der Kanzler rechnet mit einem baldigen Ende der Staatsführung. Ist das realistisch?
Massenproteste im Iran: Kommt diesmal der Umbruch?

Die neue Protestwelle im Iran hat sich binnen kurzer Zeit zu einer tiefgreifenden politischen Krise für die Führung in Teheran ausgeweitet. Bundeskanzler Friedrich Merz rechnet mit einem raschen Umbruch. «Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen», sagte er.
In letzter Zeit wurden das Land wiederholt von Massenprotesten erschüttert. Trotzdem blieben bedeutende politische Veränderungen aus. Wird es dieses Mal anders sein?
Worum geht es bei den Protesten jetzt?
Seit über zwei Wochen protestieren Iranerinnen und Iraner gegen das autoritäre Regime. Die Proteste begannen aufgrund einer schweren Wirtschaftskrise und haben sich mittlerweile zu einem landesweiten Aufstand entwickelt. In vielen Städten kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen und schweren Unruhen.
Der Sicherheitsapparat geht mit brutaler Härte gegen die Demonstranten vor. Laut Aktivisten wurden bereits Hunderte von ihnen getötet. Der Zugang zum Internet ist seit Donnerstagabend unterbrochen. Am Dienstag konnten die Menschen im Iran erstmals wieder ins Ausland telefonieren.
Ein weit verbreiteter Protestruf lautet «Tod dem Diktator» – gemeint ist Irans oberster Führer und Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Viele Demonstrierende folgen zudem den Aufrufen von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der im US-Exil eine Führungsrolle in der Opposition für sich beansprucht.
Welche Proteste gab es in der jüngeren Vergangenheit?
- Der Beginn der bislang letzten großen Protestbewegung liegt rund drei Jahre zurück. Im September 2022 gingen Hunderttausende unter dem Motto «Frau, Leben, Freiheit» auf die Straße, nachdem die iranische Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam gestorben war. Sie war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt saß.
- 2019 führte die Erhöhung der Benzinpreise zu großen Protesten. Der Monat ging als «blutiger November» in die Geschichte des Iran ein.
- Zum Jahreswechsel 2017/2018 wurden Proteste zunächst durch Arbeitslosigkeit und stark gestiegene Lebensmittelpreise ausgelöst. Auch Korruption und die autoritäre Staatsführung trieben viele Menschen auf die Straße.
- 2009 löste die umstrittene Wiederwahl des erzkonservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Massenproteste aus. Daraus formierte sich die «Grüne Bewegung», getragen vor allem von Anhängern der Reformkräfte. Viele Demonstrierende gingen jedoch unabhängig von politischen Lagern aus Frust über Wahlbetrug und staatliche Repression auf die Straße. Das Jahr markierte einen historischen Wendepunkt, an dem viele Iranerinnen und Iraner die Hoffnung auf Reformen von innen aufgaben.
Wie und warum sind diese Proteste geendet?
Frühere Proteste endeten in der Regel durch massive Repression. Sicherheitskräfte griffen zu scharfer Munition, verhafteten Tausende und verhängten lange Haftstrafen. Aktivisten wurden inhaftiert, ins Exil gezwungen oder hingerichtet. Gleichzeitig wurde der Internetzugang und die Kommunikation vom Staat eingeschränkt. Politische Zugeständnisse blieben aus oder beschränkten sich auf kurzfristige Maßnahmen. Die fehlende organisatorische Struktur der Proteste erschwerte einen nachhaltigen Wandel. Das Machtmonopol der Revolutionsgarden und des Sicherheitsapparats blieb unberührt.
Was unterscheidet die Proteste heute?
Es handelt sich um die heftigsten Proteste im Iran seit Jahren. Laut Aktivisten haben sie mittlerweile alle Provinzen erreicht. Die Hoffnung auf Reformen innerhalb des bestehenden Systems ist auf einem Tiefpunkt – insbesondere bei jungen Menschen. Immer mehr Menschen fordern einen grundlegenden Wandel. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Situation schlechter als bei früheren Protestwellen und betrifft zunehmend auch bisher wohlhabende Schichten.
Die derzeitige Internetsperre dürfte die bereits schwere Wirtschaftskrise in Iran verschärfen. Laut offiziellen Angaben beträgt die Inflation über 40 Prozent und ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. Gleichzeitig ist Irans regionale und internationale Position durch Sanktionen und anhaltende geopolitische Spannungen geschwächt.
Was braucht es für einen echten politischen Umbruch im Land?
Die Macht des obersten Führers Chamenei beruht auf loyalen Netzwerken in Militär, Justiz und Sicherheitsapparat. Ohne Unterstützung oder Neutralität von Militär und Revolutionsgarden gilt ein Umbruch als unwahrscheinlich. Der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Universität Marburg aber gab im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur vor einigen Tagen zu bedenken: «Die Proteste sind immer wieder ein Stresstest für das System.» Diese Momente zwängen das System inmitten einer politischen Krise zur Reaktion. Dabei könne die Staatsmacht Fehler begehen, «die sich vielleicht akkumulieren und zu einem Regime Change oder Systemkollaps führen».
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur sagte im Deutschlandfunk, dass der aktuelle Aufstand bereits der vierte innerhalb von acht Jahren sei. Die Abstände zwischen den Protesten würden kürzer, immer mehr gesellschaftliche Gruppen schlössen sich an. «Insofern glaube ich, dass es immer gewaltiger wird», sagte Amirpur. «Und wenn es jetzt nicht der letzte Aufstand vor dem Sturz der Islamischen Republik ist, dann ist es wahrscheinlich der vorletzte. Aber die Tage der Islamischen Republik Iran sind mit Sicherheit gezählt.»
Der israelische Analyst Raz Zimmt sieht bisher keine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität der Führung. Einen Zusammenbruch hält er derzeit für unwahrscheinlich, da es keine organisierte Protestbewegung und keine Spaltung bei den Revolutionswächtern und im Sicherheitsapparat gebe, sagte er dem «Spiegel».
Zugleich verwies er darauf, dass die Krise der Führung «viel größer und viel gewalttätiger zu sein» scheine als in der Vergangenheit und Teheran kaum noch Optionen habe, darauf zu reagieren. «Wenn es massive Gewalt anwenden will, läuft es Gefahr, eine US-Reaktion zu provozieren. Und für wirtschaftliche Geschenke zur Besänftigung fehlt ihm das Geld. Die Mehrheit der iranischen Bevölkerung hat jegliches Vertrauen und jegliche Hoffnung verloren.»








