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Legal Kiffen: Medizin sieht Cannabis-Freigabe kritisch

Über 40 Jahre lang waren Anbau und Verkauf von Cannabis in Deutschland weitgehend verboten. Ein geplantes Gesetz will dies Erwachsenen bald mit Regeln erlauben. Aus der Medizin kommen Zweifel.

Bis zur Volljährigkeit soll Cannabis nach dem geplanten Gesetz verboten bleiben.
Foto: Lino Mirgeler/dpa

Rauche einen Joint und der Tag ist dein Freund? Der Gesundheitsausschuss im Bundestag wird sich an diesem Mittwoch abschließend mit dem geplanten Cannabis-Gesetz befassen. Es wird erwartet, dass der Bundestag noch in dieser Woche darüber abstimmt. Gemäß den Plänen der Ampel-Koalition sollen Anbau und Besitz ab April für Erwachsene in festgelegten Grenzen erlaubt sein – und so mancher Kiffertraum in Deutschland könnte sich erfüllen.

Die Idee bleibt dennoch umstritten. Dabei geht es weniger um das Ziel, Dealern das Handwerk zu legen. Das wollen fast alle. Doch aus der Medizin kommen Bedenken, ob jungen Menschen das Risiko von Cannabis ausreichend bewusst ist. Denn bis zum Alter von 25 Jahren reift das Gehirn. Wer diesen Prozess durch heftiges Kiffen stört, kann sich lebenslange Folgen einhandeln – Stichwort Psychose.

«Ich befürchte, dass wir mit dem geplanten Gesetz den Teufel mit dem Beelzebub austreiben», sagt Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank. Die Neurologin und Psychiaterin ist die künftige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN). Das Alter sei der entscheidende Punkt bei dieser Diskussion. Das werde zu wenig gesehen.

Riskanter Konsum hat viele Faktoren

Cannabis ist eine psychoaktive Substanz aus der Hanfpflanze, die abhängig machen kann – ob nun als Joint, Haschkeks oder anders verpackt. «Riskanter Konsum lässt sich nicht pauschal festmachen», sagt Stephanie Eckhardt, Referatsleiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) des Referats für Suchtprävention. Es gebe Faktoren, die zusammenspielten: Wie oft wird Cannabis genutzt? Wie viel davon? Und wie hoch ist dabei der THC-Gehalt, also die Konzentration des Rauschmittels Tetrahydrocannabinol? 

Laut Eckhardt ist der Cannabiskonsum in Deutschland vor allem bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren gestiegen. Nach den neuesten Informationen der BZgA hatten im Jahr 2021 bereits die Hälfte von ihnen Erfahrungen mit Cannabis – dies ist der höchste Wert seit 1973. Es wird vermutet, dass der Anstieg auf die Verfügbarkeit, das soziale Umfeld, gesellschaftliche Trends und den Preis auf dem Schwarzmarkt zurückzuführen ist. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit haben im Jahr 2022 etwa 4,5 Millionen Erwachsene in Deutschland mindestens einmal Cannabis konsumiert – am häufigsten in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren.

Manipulation im Gehirn

Bis zur Volljährigkeit soll Cannabis nach dem geplanten Gesetz verboten bleiben. Zudem gibt es mit Blick auf das Alter ein Stufenmodell:  In Cannabis-Clubs sollen Vereinsmitglieder die Droge gemeinschaftlich anbauen und gegenseitig abgeben dürfen – pro Monat höchstens 50 Gramm pro Mitglied. Bei 18- bis 21-Jährigen dürfen es nur bis zu 30 Gramm im Monat sein mit einem maximalen Gehalt von zehn Prozent der psychoaktiven Substanz THC. «Das ist kein unproblematischer Freizeitkonsum mehr», urteilt Gouzoulis-Mayfrank, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik in Köln. 50 Gramm im Monat reichten für mehrere Joints am Tag. Auch 30 Gramm seien für junge Volljährige zu viel. «Die geplante Legalisierung ist ein Feldversuch in der Gesellschaft», sagt die Ärztin für die DGPPN. «Aus unserer Sicht sollten wir im Moment nicht ganz so waghalsig voranschreiten.»  

Forscher denken dabei an das körpereigene System für Cannabinoid-Moleküle: Im Gehirn existieren natürliche Strukturen und Rezeptoren für diese Substanzen. Diese regulieren unter anderem den Appetit, Emotionen und Schmerzempfindung. Dieses komplexe System entwickelt sich langsam beim Menschen bis zum Alter von Mitte 20. Wenn Cannabis von außen hinzukommt, kann dieser Prozess gestört werden. Ärzte gehen davon aus, dass regelmäßiger Cannabiskonsum bei Jugendlichen die Cannabinoid-Strukturen im Gehirn verschiebt und verändert – und diese Veränderung Auswirkungen auf das gesamte Leben haben kann.

Erhöhtes Risiko für Psychosen

Dafür gebe es Hinweise aus verschiedenen Forschungssträngen, erläutert Gouzoulis-Mayfrank. Wer früh und viel kiffe, habe ein deutlich erhöhtes Risiko für Psychosen – auch noch viele Jahre später. Eine weitere Folge davon könne eine größere Anfälligkeit für Abhängigkeitserkrankungen aller Art sein. Die Risiken sind auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bewusst. Cannabis schade besonders dem noch wachsenden Gehirn, sagt auch er. Niemand dürfe das Gesetz missverstehen, hatte er bereits im August betont. «Cannabiskonsum wird legalisiert. Gefährlich bleibt er trotzdem.» Doch ist diese Botschaft angekommen?

Expertin vermisst klares Signal an Volljährige

«In den vergangenen Jahren gibt es eine zunehmende Offenheit, über Cannabis zu sprechen, auch über die mit dem Konsum verbundenen Risiken», sagt Eckhardt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. «Es soll kein Tabuthema sein.» Doch auch sie macht Einschränkungen. «Es gibt Chancen und Risiken.» Die Botschaft der BZgA an junge Menschen laute deshalb: Lasst das Kiffen bleiben. 

Psychiaterin Gouzoulis-Mayfrank rechnet in Deutschland mit Kollateralschäden, falls die Legalisierung so kommt wie geplant. «Ich befürchte, dass es nicht gelingen wird, die Gefahren von Cannabis glaubhaft rüberzubringen.» Darum spricht sich ihr Fachverband für eine Freigabe erst ab 21 Jahren aus. «Damit würde man auch ein klares Signal an junge Volljährige senden, dass Kiffen für sie problematisch ist.» Durch unterschiedliche Regeln und Kontrollen können die Effekte der Legalisierung von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. Erfahrungen aus dem Ausland sind deshalb nicht immer auf Deutschland übertragbar. Neben Alkohol und Nikotin gilt Cannabis nach den Recherchen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen aber weltweit als das beliebteste Rauschmittel. 

dpa