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Meme-Momentum: Harris ist in der Popkultur angekommen

Mit Kamala Harris kommt die Hoffnung für die Demokraten zurück in den US-Wahlkampf. Das spiegelt sich auch in einer Flut von Memes und Videos in sozialen Medien. Doch folgen auf Klicks auch Stimmen?

Für ihr Lachen bekannt: Kamala Harris. (Archivbild)
Foto: Darron Cummings/AP

In den letzten Tagen hat sich im US-Wahlkampf alles sehr schnell entwickelt. Nicht nur politisch, sondern auch im Bereich der Popkultur. Seit Kamala Harris als wahrscheinliche Kandidatin der Demokraten ins Rampenlicht gerückt ist, ist in den sozialen Medien ein regelrechter Hype um die 59-Jährige entstanden. Harris wird zu einer Figur in der Popkultur – dies spiegelt die aktuelle Euphorie der liberalen Amerikaner angesichts der neuen Kandidatin wider. Und das könnte ein wichtiger Faktor im Kampf um das Weiße Haus sein.

Auf Tiktok sind normalerweise Popstars die Hauptakteure, wenn es um eine Flut von Memes und schnell geschnittenen Videos geht, aber in diesen Tagen bewerben Politikerin Harris mit treibenden Beats, schnellen Schnitten und visuellen Effekten. Die Clips zeigen sie auf spielerische Weise charmant und nahbar, wie etwa beim Tanzen oder Lachen – oder sie spielen auf viral gegangene Äußerungen der Vizepräsidentin an.

https://x.com/JoePostingg/status/1815387172469387530

Für manche mag es lächerlich erscheinen, aber es ist ein wichtiger Teil der politischen Kommunikation, denn mit diesen Formaten kann vor allem die jüngste Wählergruppe der Gen Z – der Generation zwischen etwa 12 und 27 Jahren – erreicht werden. Und mehr noch: Wer es schafft, ganz normale Leute zur Produktion und zum Teilen von Inhalten zu bewegen, der inspiriert und fasziniert. Und wer inspiriert und fasziniert, wird häufig gewählt.

Die Kokospalme

Jeder weiß mittlerweile, was Memes sind, aber vor allem Tiktok hat den Inhalten neue Dimensionen hinzugefügt. Remixe von Videos, unterlegt mit Musik und Effekten, Kommentare während des eigentlichen Clips, eigene Schnittfolgen und verrückte Mash-ups (Musik-Arrangements): Die Gestaltungsfreiheit für eigene Inhalte durch die Nutzer kennt fast keine Grenzen.

«Die Videos sind so absurd, dass sie funktionieren», sagte die politische Influencerin Annie Wu Henry, die Tiktok-Kampagnen für prominente Demokraten steuert, zuletzt der «Washington Post». Die Clips zögen Nutzer an und motivierten sie, sich weiter mit ihnen und ihren Inhalten zu beschäftigen.

Einer der größten Harris-Renner ist dabei aus einer alten Rede: Die frühere kalifornische Generalstaatsanwältin zitierte darin ihre Mutter. Diese habe gesagt: «Glaubt ihr, ihr seid einfach von einer Kokospalme gefallen?» Harris‘ Mutter wollte damit ausdrücken, dass nichts im luftleeren Raum passiert und der Kontext entscheidend ist.

Das originale Video ist eigenartig und könnte Harris leicht als unbeholfen oder bizarr erscheinen lassen. Stattdessen jedoch hat sich der Mainstream der sozialen Medien darauf geeinigt, es großartig zu finden – liebenswert und gewinnend zugleich.

https://x.com/m_boesch/status/1815124538138542425

Ein «Brat»-Sommer für Kamala?

Eine öffentliche Unterstützung, die Harris unter Jungwählern vielleicht mehr nutzt als die von Barack und Michelle Obama, passt dazu. Popstar Charli XCX postete am Sonntag auf der Plattform X: «kamala IS brat». Brat, sollte man nun wissen, ist nicht nur der Name des jüngsten Albums des britischen Popstars, sondern beschreibt auch eine Lebenseinstellung. Brat ist jemand, der mutig ist, Risiken eingeht, Ecken und Kanten hat und dabei authentisch bleibt. Wörtlich übersetzt bedeutet «brat» Göre.

Aus der Lebenseinstellung entwickelte sich die «Brat Summer»-Bewegung, die auffordert, nach eben jenen Maximen die heißeste Zeit des Jahres zu genießen. Harris‘ Wahlkampfteam sah das große Potenzial durch die Unterstützung von Charli XCX und gestaltete umgehend sein Twitter-Konto um – entsprechend dem hellgrünen Design des Brat-Albumcovers. 

Bisher kein Liebling der Massen

Es wurde kürzlich ein Vergleich zwischen Harris und Barack Obama sowie dem Präsidentschaftswahlkampf 2008 angestellt. Damals fesselten Obamas Botschaft und sein jugendliches Alter weite Teile der USA, sodass er den Status eines Popstars erlangte und schließlich den Weg ins Weiße Haus ebnete. Auch Harris betont ihre Vision für die Zukunft Amerikas und vermittelt – ähnlich wie Obama – eine positive Botschaft, anstatt nur damit zu werben, eine zweite Amtszeit von Donald Trump zu verhindern.

Es bleibt abzuwarten, ob das auch langfristig im Internet funktioniert. Vor der Wahl 2020 konnte Harris im Rennen um die demokratische Nominierung kaum punkten. Auch als Vizepräsidentin des amtierenden US-Präsidenten Joe Biden blieb sie in den vergangenen vier Jahren eher unauffällig – von Coolness war da nicht viel zu spüren. Die nun freigesetzte Energie mag zum Teil auch von der Erleichterung kommen, die viele Amerikaner empfanden, als der sichtbar gealterte Biden aufgab. Der 81-Jährige konnte bei Wählerinnen und Wählern unter 30 kaum punkten.

Trump mit ebenso großem Einfluss – aber anderem Zugang

Die (versuchte) Verherrlichung von Kandidaten ist auch in den USA ein Teil des Wahlkampfs. Harris muss darauf hoffen, dass sie in sozialen Medien viral wird und die Memes unaufhörlich kostenlose Werbung für sie machen. Der Kampf um Popularität im Internet ist sowieso hart, da der republikanische Präsidentschaftskandidat Trump eine starke Präsenz und eine eigene Armee von Unterstützern hat, die seine Auftritte zusammen mit vielen anderen Nutzern verbreiten, die schon lange kein Fernsehen mehr schauen und erst recht keine Zeitung lesen.

Botschaft und Format könnten hier jedoch nicht unterschiedlicher sein: Trump und seine Fans fokussieren sich Experten zufolge selten auf Schrilles und Albernes, sondern heben auf die Polarisierung des Diskurses ab und greifen politische Gegner aggressiv an. Trumps jüngstes Tiktok-Video etwa, gelikt von fast einer Million Menschen, ist ein Zusammenschnitt von einem Wahlkampfauftritt, unterlegt mit dem Trump-Zitat: «Du bist schrecklich in allem, was du getan hast, du bist ultraliberal, wir wollen dich hier nicht, wir wollen dich nirgendwo.» Und schließlich: «Kamala, du bist gefeuert, verschwinde von hier.»

dpa