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Schutz vor Invasion: Taiwans Zivilisten bereiten sich auf den Ernstfall vor

Die Kuma Academy in Taipeh bietet Kurse zu Kriegsführung, Propaganda und Erste Hilfe an, um die Bevölkerung auf einen möglichen Angriff aus China vorzubereiten.

Ungefähr 40.000 Menschen haben der Akademie zufolge das Training seit Oktober 2022 bereits absolviert.
Foto: Johannes Neudecker/dpa

Im Bürogebäude einer unscheinbaren Seitengasse Taipehs steht der Ernstfall auf der Tagesordnung. Während draußen zwischen Straßenverkäufern und Essensständen das wuselige Großstadtleben der taiwanischen Hauptstadt tobt, geht es drinnen um Kriegsführung, Propaganda und Erste Hilfe. 40 überwiegend junge Leute haben sich an einem Samstag in der Kuma Academy eingefunden – der Großteil davon Frauen.

«Der Hauptgrund, weshalb ich hier teilgenommen habe, ist, um etwas über die derzeitige Verfassung von Taiwans Verteidigung zu lernen», sagt die 27 Jahre alte Su. Die Inselrepublik mit mehr als 23 Millionen Einwohnern ist durch eine an ihrer engsten Stelle rund 130 Kilometer breite Meerenge (Taiwanstraße) von China getrennt. Die kommunistische Regierung in Peking zählt Taiwan zu ihrem Gebiet und will die Insel unter ihre Kontrolle bringen, obwohl sie diese bislang nie regiert hatte und dort seit Jahrzehnten eine unabhängig gewählte Regierung an der Macht ist.

Peking beruft sich auf die Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Taiwan der Republik China zugesprochen. Dort tobte allerdings ein Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und den Anhängern der nationalchinesischen Kuomintang. Als die Nationalisten verloren, flohen sie nach Taiwan und regierten dort als Republik China weiter. Im selben Jahr 1949 rief Revolutionsführer Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Peking drohte schon mehrfach, Taiwan auch durch das Militär mit dem Festland «wieder zu vereinen», sollte es nicht auf friedlichem Wege gelingen.

Training für Kriegs-Bewusstsein

«Die Akademie ist eher dazu da, um ein Bewusstsein für einen möglichen Krieg zu schaffen», sagt Mitgründer Shen Po-yang – in Taiwan auch als Puma Shen bekannt. Die Menschen sollen vorbereitet sein, falls China seine Invasion auf Taiwan beginnt, und nicht in Panik verfallen.

Shen zufolge könnte der optimale Zeitpunkt für einen Angriff aus Pekings Perspektive zwischen 2025 und 2027 liegen oder dann, wenn die chinesische Führung sicher wäre, dass sich eine Mehrheit der Taiwaner sofort ergeben würde. Shen, der für die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) im Verteidigungsausschuss des Parlaments sitzt, erklärt: „Wenn genug Menschen das Wissen aus den Kursen der Akademie hätten, könnten sie sich selbst und andere schützen.“

Etwa 40.000 Menschen haben seit Oktober 2022 das Training der Akademie bereits absolviert. Von Jugendlichen bis Armee-Veteranen ist alles dabei. Fast zwei Drittel der Teilnehmer in den Kursen sind Frauen. Su, eine Teilnehmerin, erklärt, dass Frauen mehr Interesse am Kurs zeigen, da Männer in Taiwan aufgrund der Wehrpflicht bereits beim Militär gedient haben und daher mit dem Thema vertraut sind. Auch der Sprecher der Akademie, Aaron Huang, weist darauf hin, dass Männer häufig im öffentlichen Dienst, wie z.B. bei der Feuerwehr oder der Katastrophenhilfe nach Erdbeben, eingesetzt werden und daher bereits Erfahrung haben.

Zur ersten Stunde: Invasion

Der Morgen beim «Training für zivile Verteidigung» beginnt mit schwerer Kost: Im Kurs für Kriegstheorie spricht ein Dozent über sogenannte Grau-Zonen-Taktiken. Taiwan erlebt diese fast täglich, wenn Kampfjets der chinesischen Volksbefreiungsarmee die inoffizielle Mittellinie in der Taiwanstraße überfliegen und in die Identifikationszone für Luftverteidigung (ADIZ) – nicht zu verwechseln mit dem Luftraum – eindringen.

Der Lehrer spielt auch gedanklich eine Invasion durch. Chinas Militär bot Ende Mai einen Vorgeschmack darauf, als Marine, Luftwaffe und Heer eine Blockade um Taiwan und kleinere, nahe China gelegene Inseln probten. Im Ernstfall möchte China Fluchtwege aus Taiwan abschneiden und Hilfe von außen für die Insel blockieren. Die Übung wurde von der Führung als Strafe angeordnet, weil Taiwans neuer Präsident Lai Ching-te wenige Tage zuvor das Amt übernommen hatte und aus Sicht Pekings in seiner Rede klar Unabhängigkeitsabsichten benannte.

Peking betrachtet ihn und seine DPP als Separatisten, die sich für die Unabhängigkeit Taiwans einsetzen. Taipeh hat bisher nie offiziell die Unabhängigkeit erklärt. Dies führte zu großen diplomatischen Spannungen mit Peking. Nur sehr wenige Länder erkennen Taiwan offiziell an. Selbst die USA, der engste Verbündete Taiwans, gehören nicht dazu, obwohl Washington im Verteidigungsfall Unterstützung zugesichert hat.

Ratschläge und Kriegsvideos

In der Akademie wird derzeit von einer Dozentin über Propaganda und Einflussnahme im Internet gesprochen, insbesondere über soziale Medien. Schon vor den Wahlen im Januar hatten taiwanische Politiker China beschuldigt, die öffentliche Meinung beeinflusst zu haben. Ariel You, eine Teilnehmerin, zeigt sich erfreut über die Ratschläge. Diese helfen ihr, vorsichtiger bei Informationen im Internet zu sein, wie die Ende-20-Jährige betont. Puma Shen fordert eine Stärkung der Cybersicherheit. Chinas Hacker seien sehr leistungsstark, erklärt er. Zudem möchte er mehr Schutz auf Plattformen wie Tiktok gegen chinesische Propaganda.

Die Stimmung im Seminarraum ist trotz der ernsten Themen heiter. Teilnehmerin You wartet vor allem auf den Erste-Hilfe-Teil. «Ich hatte Verbandstechniken gelernt, als ich jünger war, und sie dann vergessen», erzählt sie. Doch bevor es ans Zupacken geht, lässt der unterrichtende Sanitäter plötzlich den Krieg ganz nah erscheinen: Er spielt das Video eines ukrainischen Soldaten ab, dem eine Mine das Bein wegreißt und der sich mit einem sogenannten Tourniquet noch selbst den Stumpen abbindet, um nicht zu verbluten.

Manche im Raum verstecken sich hinter den Kursunterlagen, um die grauenvolle Szene nicht sehen zu müssen. Kurz danach üben sie selbst, wie sie die Abschnürbinde richtig anlegen oder Verletzte wegtragen müssen. Teilnehmerin Su sagt, sie sei nun etwas beruhigter: «Ich denke, mit dem Wissen über einige Sachen ist es leichter zu verstehen, dass es für sie (China) nicht so leicht ist, wenn sie nach Taiwan kommen und uns angreifen wollen.»

dpa