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Nach der Show: Harris‘ Probleme auf dem Weg ins Weiße Haus

Der Hype um Kamala Harris sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für sie schwer werden dürfte, sich gegen Donald Trump durchzusetzen. Was könnte der Demokratin zum Verhängnis werden?

Die Demokraten haben Kamala Harris beim Parteitag in Chicago vier Tage lang zelebriert.
Foto: Paul Sancya/AP/dpa

Am Schluss steht Kamala Harris strahlend inmitten eines Ozeans aus weißen, roten und blauen Luftballons. Die Demokratin wird auf der Bühne von ihrer Familie umgeben. Konfetti regnet herab, Musik dröhnt aus den Lautsprechern, Tausende Delegierte jubeln und feiern. Es markiert das Ende von vier Tagen des Parteitags in Chicago, vollgepackt mit Shows von Stars und Künstlern, mit verschiedenen Liebesbekundungen und starken Emotionen, um die neue Frontfrau und Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zu ehren. Und um sie darzustellen als Kämpferin für das Gute, als Beschützerin der Schwachen, sogar als Retterin Amerikas.

Doch das große Spektakel und der choreografierte Freudentaumel der Demokraten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für Harris schwer werden dürfte, sich bei der Wahl im November gegen ihren republikanischen Kontrahenten Donald Trump durchzusetzen. Die frühere First Lady, Michelle Obama, mahnte in Chicago, die Partei dürfe in ihrem Überschwang nicht zu siegesgewiss sein: «Egal, wie gut wir uns heute Abend oder morgen oder übermorgen fühlen, es wird ein harter Kampf werden.» 

Hier sind die Hauptprobleme von Harris:

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Die 59-Jährige ist seit gut dreieinhalb Jahren als Vizepräsidentin Teil der Regierung von Joe Biden und steht mit in der Verantwortung für all das, was aktuell politisch nicht läuft. «Es gibt ja in der Tat ungelöste Probleme, so wie zum Beispiel die unkontrollierte Immigration», sagt etwa der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Michael Link. Ausgerechnet für Migration – genauer: für die Bekämpfung von Fluchtursachen – war Harris in den vergangenen Jahren zuständig – und es ist ein wichtiges Wahlkampfthema, bei dem Trump seine Konkurrentin vor sich hertreibt.

Bei anderen wichtigen Themen wie Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Inflation ist die Lage zwar nicht schlecht, doch in der Stimmung der Menschen schlägt sich das nicht nieder. Auch das ist für Harris ein großes Problem. Sie müsse nun «Wege finden, inhaltlich bei den Themen Sicherheit, Migration und Lebenshaltungskosten mit glaubwürdigen Vorschlägen zu punkten», meint Link. Ihr Paradethema im Wahlkampf wiederum hat Harris mit dem Kampf um das Recht auf Abtreibung gefunden, das sie als Frau deutlich besser vertreten kann, als Biden es je gekonnt hätte.

Die Performance

In der Vergangenheit war Harris als Staatsanwältin und Senatorin souverän und sicher aufgetreten. In ihrer Rolle als Vizepräsidentin fand sie sich jedoch nie wirklich zurecht. In den letzten Jahren war sie wenig präsent in dieser – zugegebenermaßen nicht ganz einfachen – Position, konnte inhaltlich nicht überzeugen, machte Fehler, wirkte oft unsicher und verkrampft. Bis vor einigen Wochen wurde sie noch als zusätzliche Belastung für Biden in seinem Wahlkampf angesehen und hatte wie er mit dramatisch schlechten Beliebtheitswerten zu kämpfen.

Seit Harris von den Demokraten als ihre neue Frontfrau gewählt wurde, hat sich ihre Beliebtheit im Land schnell verbessert. In Umfragen liegt sie nun knapp vor Trump – auch das ist ein großer Erfolg. Allerdings hat sich Harris in den letzten Wochen, seit Biden aus dem Rennen ausgeschieden ist und sie an die Spitze gebracht wurde, ausschließlich in einem geschützten Raum mit bis ins Detail choreografierten und inszenierten Auftritten bewegt. Keine Interviews, keine Pressekonferenzen, keine Besuche an politisch heiklen Orten, keine Bewegungen auf unbekanntem Terrain.

Die Parteitagsshow markiert den vorläufigen Höhepunkt dieser Inszenierung. In den nächsten Wochen wird Harris sich in Situationen beweisen müssen, die nicht vollständig unter der Kontrolle ihres Wahlkampfteams stehen.

Der dritte Kandidat

Es gibt Spekulationen, dass der parteilose Präsidentschaftsbewerber Robert F. Kennedy aus dem Rennen aussteigen und Trump unterstützen könnte. Der 70-Jährige hat für den deutschen Freitagabend eine Ansprache angekündigt zum «gegenwärtigen historischen Moment» und seinem «weiteren Weg» – und zwar im US-Bundesstaat Arizona, wo auch Trump parallel Wahlkampf macht. Trumps Wahlkampfteam wiederum kündigte an, Trump werde bei einer Kundgebung im Anschluss einen «besonderen Gast» mitbringen. Kennedys Vize Nicole Shanahan hatte zuletzt einen Zusammenschluss mit Trump ins Spiel gebracht.

Der Neffe von John F. Kennedy hat bei den Präsidentschaftswahlen zwar geringe Chancen – in Umfragen liegt er durchschnittlich nur bei rund fünf Prozent. Da Harris und Trump jedoch in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, könnte sein Rückzug Trump helfen und dem Republikaner wichtige Stimmen bringen. Wenn dieser Dämpfer unmittelbar nach der großen Krönungsmesse der Demokraten in Chicago kommt, könnte dies auch Harris etwas von ihrem dort gewonnenen Schwung nehmen.

dpa