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Israel tötet Hisbollah-Chef – Nahost-Krise eskaliert

Netanjahu warnt Iran vor Angriff: "Es gibt keinen Ort, den Israels langer Arm nicht erreichen kann."

Der Iran fordert eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats.
Foto: Yuki Iwamura/FR171758 AP/dpa

Die Situation im Nahen Osten ist nach der Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah durch Israels Armee hochexplosiv. Der Iran forderte den UN-Sicherheitsrat in einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Brief zu einer Dringlichkeitssitzung auf. Wann es zu so einem Treffen kommen könnte, ist ungewiss. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte den Iran vor einem Angriff auf sein Land. «Und an das Regime der Ajatollahs sage ich: Wer uns angreift, den greifen wir an», sagte Netanjahu vor Medienvertretern in Tel Aviv. «Es gibt keinen Ort im Iran oder im Nahen Osten, den Israels langer Arm nicht erreichen kann», drohte Netanjahu. 

https://x.com/IsraeliPM_heb/status/1840106310240493805

Netanjahu spricht von historischem Wendepunkt

«Dies sind bedeutsame Tage. Wir stehen an einem historischen Wendepunkt», sagte Israels Regierungschef. Die US-Regierung ordnete die Ausreise von Angehörigen ihrer Diplomaten im Libanon an. Grund sei die unsichere und unvorhersehbare Lage in Beirut, hieß es. Israel habe einen «eklatanten Akt terroristischer Aggression gegen Wohngebiete in Beirut verübt, indem es von den USA gelieferte tausend Pfund schwere Bunkerbrecher einsetzte», heißt es in dem Brief von Irans UN-Botschafter Amir Saeid Iravani an das mächtigste UN-Gremium.

Netanjahu bezeichnete die gezielte Tötung von Nasrallah bei einem israelischen Luftangriff auf einen Vorort der libanesischen Hauptstadt als die «Abrechnung mit einem Massenmörder». Nasrallah sei eine Art Turbo der vom Iran geschaffenen «Achse des Bösen» gewesen. «Er war nicht nur irgendein Terrorist, sondern der Terrorist schlechthin», sagte Netanjahu. Der Hisbollah-Chef habe sich der Ermordung zahlloser Israelis, hunderter Amerikaner und dutzender Franzosen schuldig gemacht, sagte Israels Ministerpräsident.  

Biden zur Tötung Nasrallahs: «Maßnahme der Gerechtigkeit» 

US-Präsident Joe Biden bezeichnete Israels Tötung von Nasrallah als «Maßnahme der Gerechtigkeit» für die Opfer seiner vier Jahrzehnte währenden Terrorherrschaft. Die USA unterstützten weiterhin Israels Recht auf Selbstverteidigung gegen die Hisbollah und andere vom Iran unterstützte Terrorgruppen, sagte Biden in einer Stellungnahme. Ziel der USA bleibe die Deeskalation der Konflikte im Gazastreifen und im Libanon auf diplomatischem Wege.

«Solange Nasrallah am Leben gewesen wäre, hätte er die (militärischen) Fähigkeiten, die wir der Hisbollah genommen haben, schnell wiederhergestellt», fuhr Netanjahu fort. «Seine Beseitigung beschleunigt die Rückkehr unserer Bewohner in ihre Häuser im Norden.» Seit Beginn des Gaza-Kriegs vor fast einem Jahr beschießt die Hisbollah fast täglich den Norden Israels. Deswegen mussten rund 60.000 Bewohner grenznaher Orte in andere Teilen Israels fliehen. Die Hisbollah handelt aus Solidarität mit der islamistischen Hamas in Gaza und hatte vor Nasrallahs Tod erklärt, die Angriffe erst bei einer dortigen Waffenruhe einzustellen.

Netanjahu argumentierte nun, dass die Hamas nach der Tötung des Hisbollah-Generalsekretärs eher bereit wäre, die beim Terrorüberfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober 2023 aus Israel entführten Geiseln freizulassen. «Je mehr (Hamas-Anführer Jihia al-) Sinwar sieht, dass Nasrallah ihm nicht zu Hilfe kommen wird, desto größer sind die Chancen für eine Rückgabe unserer Geiseln», meinte Netanjahu.

Staatstrauer im Libanon und Iran

Die Regierung des Libanon hat nach dem Tod von Nasrallah von Montag bis Mittwoch eine Staatstrauer angeordnet. Ohne Chef und nach der Tötung fast der gesamten oberen Führungsebene ist unklar, wer in der Hisbollah nun die Kommandos geben könnte, auch bei weiteren Angriffen auf Israel. Wahrscheinlich wird die Hisbollah auf Anweisungen des Irans warten. Dieser ist unter Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei die eigentliche Schutzmacht und wichtigster Unterstützer der Miliz.

Chamenei hat nach dem Tod von Nasrallah eine Staatstrauer angeordnet. Einer der Opfer des Luftangriffs vom Freitag war der iranische Brigadegeneral Abbas Nilforuschan, stellvertretender Kommandeur für Operationen der Revolutionsgarde. Es ist unklar, ob der Iran der Hisbollah jetzt zur Hilfe eilen wird. Die neue iranische Regierung unter Präsident Massud Peseschkian kämpft mit einer schweren Wirtschaftskrise und strebt eine Annäherung an den Westen an. Obwohl die militärische Führung des Iran nach der Tötung des Hamas-Auslandschefs Ismail Hanija in Teheran Ende Juli Rache angekündigt hatte, ist diese bis heute ausgeblieben.

Proteste im Irak nahe US-Botschaft

In Bagdad haben Hunderte Anhänger schiitischer Parteien Vergeltung gegen Israel für die Tötung von Nasrallah gefordert. Sie versammelten sich am Eingang zur sogenannten Grünen Zone, in der sich die US-Botschaft und Regierungsgebäude befinden, wie Augenzeugen berichteten. Sicherheitskräfte haben die Gegend abgeriegelt, um eine Erstürmung der Grünen Zone zu verhindern. Schiitische Parteien und Milizen, die vom Iran unterstützt werden, haben einen großen Einfluss im Irak. Die Hisbollah half ihnen ab den 2000er Jahren mit der Ausbildung von Kämpfern, um deren Angriffe auf US-Ziele zu verstärken und den Einfluss des Irans im Land auszubauen.

Deutschland, die USA und viele andere westliche Staaten fordern ihre Staatsbürger dringend dazu auf, den Libanon zu verlassen. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bezeichnete die Lage im Nahen Osten nach dem Tod Nasrallahs als «brandgefährlich». In der ARD-Sendung «Bericht aus Berlin» sagte die Grünen-Politikerin: «Es droht die Destabilisierung des ganzen Libanons. Und das ist in keinster Weise im Interesse der Sicherheit Israels». 

UN: Zehntausende nach Syrien geflohen

Seit Beginn der Kämpfe zwischen der Hisbollah und dem israelischen Militär vor fast einem Jahr wurden laut Behördenangaben im Libanon mehr als 1.600 Menschen getötet, darunter etwa 300 Frauen und Kinder. Ein Großteil verlor in den letzten zehn Tagen sein Leben bei israelischen Angriffen. Über 50.000 Menschen sind bisher in das Bürgerkriegsland Syrien geflohen, wie die UN berichten. In Absprache mit beiden Regierungen laufen Hilfsmaßnahmen, um allen Bedürftigen zu helfen, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, auf X. Zudem sind über 200.000 Menschen im Libanon Binnenflüchtlinge.

Das israelische Militär hat die Bewohner einiger Gebiete im Libanon aufgefordert, einen Abstand zu den Einrichtungen der Hisbollah zu halten und sich in Sicherheit zu bringen. Die Warnung betrifft die Bewohner der Bekaa-Ebene im Osten des Landes, der südlichen Vororte von Beirut und des Südlibanons. Viele Menschen in den von der Hisbollah kontrollierten Gebieten sind jedoch oft unsicher, welche Gebäude von der Miliz genutzt werden.

In der Nacht heulten erneut die Warnsirenen im Norden Israels. Auch im Zentrum des Landes wurde erneut Raketenalarm ausgelöst. In Tel Aviv ertönten die Warnsirenen als Reaktion auf ein Geschoss aus dem Jemen, wie die Armee berichtete. Das Geschoss wurde noch vor dem Erreichen des israelischen Hoheitsgebiets abgefangen.

dpa