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Nato-General: Ukraine verbessert Angriffe tief in Russland

Die Ukraine setzt noch stärker auf Drohnen und weitreichende Waffensysteme – mit militärischem Erfolg auch tief im russischen Hinterland. Die Nato unterstützt diese Entwicklung.

Auch die Nato kann von der Ukraine lernen - nicht nur umgekehrt.
Foto: Carsten Hoffmann/dpa

Der Koordinator der Nato-Unterstützung für die Ukraine, Generalmajor Maik Keller, bescheinigt dem Land deutlich zunehmende Fertigkeiten für den Gegenangriff auch tief in Russland. «Die Ukrainer werden besser darin, gezielt militärisch relevante Ziele auch in der russischen Tiefe zu erreichen. Das ist eine Fähigkeitsfrage und Fähigkeit ist Personal, Material und Ausbildung», sagt Keller im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. 

Um die Ukraine weiter zu stärken, sollen die Rüstungskooperationen mit dem Land intensiviert werden. „Weitreichende Waffen sind Teil der Projekte“, sagt Keller, der stellvertretende Kommandeur der Nato-Initiative zur Unterstützung der Ukraine (NSATU) ist.

Die Ukraine zielt auf russische Raffinerien

Die Bundesregierung hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie der Ukraine 300 Millionen Euro für die Produktion von weitreichenden Drohnen zur Verfügung stellen wird. Das erklärte Ziel ist die Herstellung von mehreren Tausend dieser Waffensysteme. Die Ukraine hat kürzlich auch ihren Marschflugkörper Flamingo vorgestellt und hat in letzter Zeit Angriffe auf Raffinerien in Russland sowie die industrielle Infrastruktur für Diesel und Benzin verstärkt.

Wer die Nato-Stelle im Großraum der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Wiesbaden betritt, wird sofort mit dem seit über dreieinhalb Jahren andauernden Verteidigungskampf der Ukraine gegen die russischen Angreifer konfrontiert.

Engagierte Experten aus 30 Nationen, einschließlich der Ukraine selbst sowie Australien und Neuseeland als Nicht-Nato-Staaten, arbeiten intensiv zusammen, um sicherzustellen, dass der Bedarf an Waffen, Munition, Ersatzteilen und Ausrüstung weiterhin gedeckt werden kann. Die Ukrainer erhalten außerdem Beratung und werden an NATO-Standards herangeführt. Im Gegenzug ist der Lernprozess jedoch nicht einseitig.

Auch die Nato-Staaten lernen von der Ukraine

«Drohnentechnologie ist das beste Beispiel. Bei Drohnen können den Ukrainern wenige auf der Welt etwas vormachen. Da sprechen wir nicht nur von der kinetischen Wirkung der Drohnen, sondern von der Art des Krieges, die sich geändert hat. Davon lernen auch wir», sagt Keller.

Jenseits von Kampfdrohnen haben sich in der Ukraine auch unbemannte Systeme für logistische Aufgaben und den Verwundetentransport etabliert. Es existieren Drohnen zur See. Die deutsche Industrie kann technologisch dazulernen. Die Bundeswehr und andere Nato-Staaten lernen hinsichtlich der Abläufe und Doktrin.

«Der Kernauftrag ist die Koordination der Ukraine-Unterstützung. Wir wären aber bescheuert, wenn wir die ganzen Informationen nicht für unsere Weiterentwicklung nutzen würden», sagt Keller. «Wenn wir nicht in der Lage sind, unseren Soldatinnen und Soldaten bestimmte Erfahrungen zu ersparen, die die Ukrainer gemacht haben, haben wir als militärische Führer unseren Auftrag nicht erfüllt.»

Die Bundeswehr beschafft derzeit Kamikazedrohnen – sogenannte Loitering Munition – für den Angriff und strebt auch die schnelle Einführung neuer Waffensysteme zur Abwehr von Drohnen an.

Ukrainischer Drohnen-Befehlshaber verdeutlicht Warnungen

«Was militärisch Sinn macht, ist, für den Kampf, auf der jeweiligen militärischen Ebene, eine Drohnenfähigkeit zu etablieren, die diesen Kampf reflektiert», sagt Keller. «Zug, Kompanie, Bataillon, Brigade und oberhalb haben unterschiedliche Reichweiten in der Tiefe und für diese Reichweite muss es auch eine Fähigkeit mit Drohnen geben.»

Im Juli hatte die Nato Robert «Magyar» Brovdi zu Gast bei einer Konferenz. Der frühere Geschäftsmann ist Chef der Drohnenkräfte und kann als Vater des Drohnenkrieges in der Ukraine gelten.

«Ohne auch nur bis auf zehn Kilometer hier ranzukommen, können vier Teams ukrainischer Drohnenpiloten diese Liegenschaft in 15 Minuten zu einem weiteren Pearl Harbor machen», warnte er. «Ich will niemanden Angst machen. Aber diese Technologien sind nun leicht zugänglich und billig.» Gemeinsame Anstrengungen seien jedenfalls im gegenseitigen Interesse. 

Es kommt auf Menge und Durchhaltevermögen an

Die Wirkung der Militärhilfe für die Ukraine komme durch die Summe der Unterstützung und das konsequente Weiterführen, sagt Keller. Die Erwartung: «Dann kann man die Russen in eine Position drängen, irgendwann mal zu überlegen: Okay, das hier führt zu nichts. Wir müssen verhandeln.»

Dagegen sieht Keller Eigenarten der Debatte in Deutschland skeptisch. «Wir hatten in Deutschland die Diskussion, dass Kampfpanzer Leopard geliefert werden müssen. Dann hatten wir die Taurus-Diskussion. Man glaubt, dass die Waffe, die gerade diskutiert wird, der Gamechanger ist. Das ist aus militärischer Sicht Quatsch», sagt er.

Es gebe nicht das eine System, das den Verlauf signifikant verändern könne. Immer sei es die Summe der unterschiedlichen Dinge. «Und weitreichendes Feuer ist ein Aspekt, der den Russen – auf Deutsch gesagt – das Leben schwerer machen kann. Denn man kann entweder den Pfeil abschießen – mit Patriot und Iris-T – oder man kann den Bogenschützen ausschalten.»

Keine Anzeichen für ein Zusammenbrechen der Front 

Seit über drei Jahren kämpft die Ukraine mit Unterstützung aus dem Westen gegen die Russen an. Diese versuchen mit erheblichen Verlusten voranzukommen, jedoch gelingt dies nur langsam und teilweise überhaupt nicht.

«Wir haben dort jetzt einen statischen Verlauf. Die 20 Kilometer vor und hinter der Front werden im Prinzip durch die Drohnen beherrscht. Das hat dazu geführt, dass der Kampfpanzer in dieser aktuellen Gefechtsphase nicht mehr die Bedeutung hat, die er vorher hatte», sagte Keller. Beide Seiten gehen demnach hin zu kleineren Gefechtsformationen – auf Motorrädern und Quads – und versuchen so durchzusickern. Das Bild kann sich aber auch wieder ändern.

Alles, was der Ukraine zur Unterstützung geben werde, helfe der Nato letztlich auch selbst. Keller sagt: «Es kann aber nicht alles nach vorne gehen, da wir leider auch damit rechnen müssen, dass Russland uns austesten wird. Das sieht man ja aktuell bereits in Polen und Estland. Da gilt es, abschreckungsfähig zu sein und das gelingt nur über eigene zusätzliche Fähigkeiten. Wir haben über die Jahre gesehen: Wenn es zum Schwur kommt, versteht Putin nur Stärke.»

dpa