Nicht kleckern, sondern klotzen – das ist die Devise eines neuen Programmes zur Förderung von Schulen in schwierigen sozialen Lagen. Es soll am Freitag besiegelt werden. Was bringt es – und was nicht?
Neues Programm für Schulen in schwierigen Lagen

Die Verhandlungen über das milliardenschwere Startchancen-Programm für Schulen sollen an diesem Freitag in Berlin beendet werden. Die Politik hat hohe Erwartungen daran. Experten erkennen viele positive Aspekte, weisen jedoch auch auf das Fehlende hin.
Was ist die Ausgangslage?
Die beiden Bildungsforscher Nele McElvany und Ulrich Ludewig von der TU Dortmund betonen, dass die Bildungschancen in Deutschland nach wie vor stark von der familiären Herkunft abhängen. Darüber hinaus gibt es eine wachsende Anzahl von Schülern, die insbesondere in Deutsch zusätzliche Förderung benötigen.
Bildungsstudien belegen einen Rückgang der Kompetenzen. Eine im Dezember veröffentlichte Pisa-Studie zeigte, dass deutsche Schülerinnen und Schüler im Jahr 2022 so schlecht abschnitten wie noch nie zuvor. Sowohl in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften waren dies die niedrigsten Werte, die jemals für Deutschland im Rahmen von Pisa gemessen wurden.
Was ist das Startchancen-Programm?
Das Programm ist eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern, um bundesweit etwa 4000 Schulen zu unterstützen, die einen großen Anteil an sozioökonomisch benachteiligten Schülern haben. Die Finanzierung erfolgt ebenfalls gemeinsam.
Laut den im September veröffentlichten Eckpunkten soll das Programm den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufheben. Es soll dazu beitragen, dass das Bildungssystem in Deutschland verbessert und leistungsfähiger wird. Gleichzeitig handelt es sich um eine der bedeutendsten bildungspolitischen Initiativen der Ampel-Regierung.
Was ist das konkrete Ziel?
Verbessert werden sollen die Kompetenzen der Schüler vor allem in Lesen, Schreiben und Mathe. «Bis zum Ende der Programmlaufzeit soll die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in Mathematik und Deutsch verfehlen, an den Startchancen-Schulen halbiert werden», heißt es in den Eckpunkten. Bundesweit sollen rund eine Million Schüler profitieren.
Wann soll das Programm starten?
Der Ausgangspunkt ist das kommende Schuljahr 2024/2025. Gemäß den Eckpunkten könnte es jedoch sein, dass aufgrund der Planungs- und Vorbereitungszeit zunächst nur etwa 1000 Schulen beginnen und dann im Schuljahr 2026/27 die Zahl von 4000 Schulen erreicht wird.
Wer bezahlt das Programm?
Es ist vorgesehen, dass der Bund jedes Jahr etwa eine Milliarde Euro zur Verfügung stellt und die Länder den gleichen Betrag beisteuern. In den geplanten zehn Jahren bis zum Ende des Schuljahres 2033/24 ergibt das eine Gesamtsumme von 20 Milliarden Euro. Angesichts begrenzter öffentlicher Finanzmittel ist dies eine große Herausforderung. Die Länder können bereits bestehende Programme zur Mitfinanzierung anrechnen.
Was beinhaltet das Programm im Detail?
Die Schulen sollen eine bessere und modernere Lernumgebung bekommen. Zudem können sie über ein «Chancenbudget» selber finanzielle Schwerpunkte setzen. Außerdem soll die Entwicklung von Teams aus Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und anderen Fachkräften gefördert werden.
Wie werden die Schulen ausgewählt?
Die Länder benennen die Schulen. Nach den Worten des Bildungsforschers Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung müssen sie dazu einen «Sozialindex» für die Schulen einführen, um die Schulen mit dem größten Unterstützungsbedarf auswählen zu können. Laut der Eckpunkte sollen die Kriterien «Armut» und «Migration» besonders berücksichtigt werden.
Was bewerten Experten positiv an dem Programm?
Bildungsforscher Zorn spricht von einem «Paradigmenwechsel» im deutschen Bildungswesen. Das Geld werde nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern nach dem tatsächlichen Bedarf. Positiv zu werten sei auch, dass unter den 4000 geförderten Schulen 2400 Grundschulen sein sollen. Dort seien die Probleme oft besonders groß – dort könne man aber auch die größte Wirkung erzielen.
Die Meinung der beiden Forscher McElvany und Ludewig ist ähnlich: Es ist sinnvoll, den Fokus auf Schulen in schwierigen Gegenden zu legen und insbesondere auf Grundschulen zu achten.
Was bewerten Experten kritisch an dem Programm?
Experte Zorn sagt: «Aus meiner Sicht ist das Programm zu klein dimensioniert.» Das Geld reiche nicht aus mit Blick auf die Größe der Probleme. Zudem bräuchten die Schulen vor allem auch mehr Stellen für Lehrer. Darauf verweisen auch McElvany und Ludewig: «Am Lehrkräftemangel kann das Programm kurzfristig nichts ändern.»
Und was ist mit dem Digitalpakt?
Der Digitalpakt, der ursprünglich mit fünf Milliarden Euro vom Bund finanziert wurde – er wurde finanziell mehrmals erhöht – ist ein Förderprogramm zur technischen Modernisierung der Schulen, beispielsweise mit WLAN oder Tablets. Er endet im Frühjahr. Einige Politiker in den Ländern sind verärgert, da noch kein Nachfolgepakt festgelegt wurde. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) sagte kürzlich, dass der Bund zum Digitalpakt 2.0 steht, jedoch zunächst die Mittel aus dem ersten Pakt genutzt werden müssen – das ist noch nicht vollständig der Fall.
Experte Zorn sagt klar: «Digitalität gehört heute zur Schule und dafür braucht es eigentlich mehr als einen Pakt.» Nötig sei eine dauerhafte, tragfähige Finanzierung. «Eine leistungsfähige digitale Ausstattung muss heute so selbstverständlich sein wie früher Tafel und Kreide.» Es fehle eine einheitliche Reformstrategie für das deutsche Bildungssystem. «Dafür bräuchten wir eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt.»








