Anlässlich des Holocaust-Gedenktages spricht sie als Überlebende von Auschwitz im Bundestag. Doch vorher besucht die 87-jährige Tova Friedman in Berlin noch einen besonderen Ort.
Papiere der Vernichtung – Mit einer Überlebenden im Archiv

Auch heute noch, auf den Tag genau 81 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem KZ, graust es Tova Friedman, wenn sie solche in kalter, deutscher Bürokratensprache abgefassten Dokumente in den Händen hält. Unterlagen, die Einblick gewähren in die organisierte Ermordung der Juden durch die Nazis. «So viele Papiere», sagt die 87-jährige Holocaust-Überlebende, als sie der Präsident des Bundesarchivs, Michael Hollmann, durch die von nummerierten Kisten gesäumten Räume seiner Behörde führt.
Ein Dokument, das beide an diesem kalten Januartag gemeinsam anschauen, ist ein als «geheim» eingestufter «Schnellbrief» aus dem Februar 1943 mit dem Betreff «Abbeförderung von Juden aus Theresienstadt». In dem Schreiben, das heute im Bundesarchiv lagert, wurde einst um eine Genehmigung gebeten, um «zunächst 5.000 über 60 Jahre alte Juden» ins Vernichtungslager Auschwitz zu bringen.
Tova Friedman, eine US-Amerikanerin, wurde 1938 als Tola Grossman in Gdingen in der Nähe von Danzig geboren. Die Nationalsozialisten deportierten sie als Fünfjährige in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen. Sowohl sie als auch ihre Mutter überlebten Auschwitz. Ihr Vater wurde von Auschwitz in das KZ Dachau gebracht und überlebte ebenfalls. Nach dem Krieg trafen sich die drei in einem Übergangslager in Berlin, bevor die Familie später in die USA auswanderte.
Auf der Suche nach Gerechtigkeit
Während ihres Besuchs im Bundesarchiv ist die Zeitzeugin besonders von einem Papier beeindruckt, das Hollmann ihr zeigt. Es handelt sich um die Personalkarteikarte eines SS-Hauptscharführers, der ab September 1942 in der Häftlingsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz tätig war.
Daraus geht hervor, dass der Mann aus Ansbach in Mittelfranken im Juni 1932 als 20-Jähriger in die Partei – gemeint ist die NSDAP – eintrat und ursprünglich Maler war. «Können Sie die Familien ausfindig machen und ihnen das zuschicken?», fragt die Besucherin. Sie selbst wäre bereit, diese Menschen zu finden und sie in ihrem Zuhause aufzusuchen. Es sei doch wichtig, dass die Nachkommen dieses Mannes und auch die anderer Nazi-Verbrecher wüssten, was ihre Vorfahren damals getan haben.
Zeugnis ablegen – in Kurzvideos bei Tiktok
Tova Friedman ist nicht alleine nach Deutschland gereist. Auf ihrer dritten Reise durch das Land, das sie, wie sie selbst sagt, 75 Jahre lang gemieden hat, wird sie von ihrer Tochter und ihrem Enkel Aron Goodman begleitet. Gemeinsam betreiben sie einen Tiktok-Kanal, auf dem sie als Zeitzeugin in Kurzvideos über die Verbrechen des Nationalsozialismus berichtet.
Ein Ereignis, das sie dort beschreibt, ist die Freude, die sie empfand, als ihre Mutter ihr an ihrem sechsten Geburtstag ein Stück Brot als Geschenk in die Kinderbaracke schickte. Auch heute noch ist sie erstaunt, dass der Brotkanten, der durch die Hände mehrerer hungriger KZ-Insassen gegangen sein musste, überhaupt bei ihr ankam.
Ihr Enkel betont, dass in einer Zeit, in der die Verbreitung von Fake News und manipulierten Bildern durch KI stark zugenommen hat, der Beitrag der Zeitzeugen besonders wichtig ist. Während sie gemeinsam durch die Gänge und Galerien des Bundesarchivs gehen, hält er die Hand seiner Großmutter. Sie lacht gerne und mit ihrer bestickten Jacke und den modischen Stiefeln sieht sie aus wie eine Frau, die auch im hohen Alter noch aktiv am gesellschaftlichen und politischen Geschehen teilnimmt.
Dokumente lagern in ehemaliger SS-Kaserne
Das Gebäude in Berlin-Lichterfelde, in dem die aus den USA angereiste Zeitzeugin empfangen wird, hat eine bewegte Vergangenheit. Die ehemalige Preußische Kadettenanstalt wurde 1933 zur Kaserne der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 zogen hier US-Besatzungssoldaten ein. Heute befindet sich auf dem Gelände einer der wichtigsten Standorte des Bundesarchivs, das seinen Hauptsitz in Koblenz hat.
Die Leitung des Vernichtungslagers Auschwitz habe kurz vor Kriegsende versucht, noch möglichst viele Papiere zu vernichten, damit sie den näher rückenden russischen Soldaten nicht in die Hände fallen, erklärt der Präsident des Bundesarchivs seinem Gast. Er zeigt ihr ein Dokument, aus dem hervorgeht, was wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee auf Lastwagen verladen und abtransportiert wurde: «Die wichtigsten Unterlagen, Büromaschinen usw. der Außendienststelle Auschwitz.»
Gedenkrede im Bundestag
Tova Friedman wurde vom Bundestag eingeladen, bei der traditionellen Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede zu halten. Sie ist nicht nervös vor dem Termin. Schließlich ist sie bereits daran gewöhnt, Zeugnis abzulegen.








