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Pflege vor Kipppunkten – Beitrag könnte steigen

Die Regierung wollte die Pflege für einige Jahre stabilisieren – doch nun zeigt sich: Das Geld dürfte nicht mehr lange reichen. Und in einigen Bundesländern geht wohl schon bald der Nachwuchs aus.

Hauptproblem den kommenden Jahren ist laut Pflegereport: Immer mehr Ältere brauchen pflegerische Unterstützung.
Foto: Tom Weller/dpa

Den Beitragszahlern droht schon bald eine weitere Erhöhung der Pflegebeiträge. «Wir stehen vor der Notwendigkeit, den Beitragssatz zur Pflegeversicherung voraussichtlich zum kommenden Jahreswechsel anzuheben – und zwar nach dem derzeitigen Rechenstand um etwa zwei Beitragszehntel», sagte DAK-Vorstandschef Andreas Storm bei der Vorstellung des neuen DAK-Pflegereports in Berlin. Die Studienautoren schlagen zudem wegen wachsenden Personalnotstands Alarm, während es zugleich immer mehr Pflegebedürftige gibt.

Die Engpässe nähmen deutschlandweit zu, sagte Studienleiter Thomas Klie. Doch in einzelnen Bundesländern wie Bayern, Bremen oder Sachsen-Anhalt sei der Kipppunkt bereits in fünf Jahren erreicht: Voraussichtlich 2029 werde die Zahl der Schulabgänger von Pflegeschulen das rentenbedingte Ausscheiden der Babyboomer aus dem Beruf hier nicht mehr ausgleichen können. Storm und Klie forderten die Politik zu mehr Investitionen in die Pflege auf. «Wenn die Pflege beim politischen Agenda-Setting auf der Strecke bleibt, ist das der sichere Einstieg in den Niedergang», sagte der Freiburger Wissenschaftler Klie.

Höhere Beiträge

Eigentlich sollten die Finanzen der Pflegeversicherung bis 2025 abgesichert sein. Dafür hatte der Bundestag im vergangenen Jahr einen Beitragsanstieg für Kinderlose auf 4 Prozent und für Beitragszahler mit einem Kind auf 3,4 Prozent beschlossen. Der Arbeitgeberanteil ging auf 1,7 Prozent herauf. Bei mehr Kindern sinkt der Beitrag. Der Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen prognostizierte noch im Oktober Handlungsbedarf bei den Beiträgen spätestens für 2025. Storm sagte nun: «Es zeichnen sich bereits jetzt erhebliche Finanzierungslücken ab, die eine Beitragssatzerhöhung zum kommenden Jahreswechsel wahrscheinlich machen.»

Denn wenn die Pflegeversicherung nicht mehr zahlungsfähig ist, würden die monatlichen Ausgaben der Pflegekassen die verbleibenden Rücklagen übersteigen. Storm kritisierte, dass die Regierung entgegen ihrer Zusagen fünf Milliarden Euro an Vorleistungen für die Corona-Pandemie nicht an die Pflegekassen zurückgezahlt hat. Zusätzlich wurde im Rahmen der Haushaltseinsparungen für dieses Jahr ein Bundeszuschuss von einer Milliarde Euro gestrichen.

Der Kassenchef warnte davor, dass die Politik die Pflegeversicherung weiter knapp hält. «Dann sind auch weitere Beitragssatzerhöhungen in den kommenden Jahren nicht zu vermeiden.» In der Bevölkerung dagegen betrachten es 60 Prozent als wichtig, dass die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung nicht weiter steigen. Das zeigt eine Allensbach-Umfrage für den Pflegereport.

Jede fünfte Pflegekraft muss ersetzt werden

Laut dem Pflegereport ist das Hauptproblem in den kommenden Jahren: Immer mehr ältere Menschen benötigen pflegerische Unterstützung – gleichzeitig altern professionelle Pflegekräfte selbst und verlassen den Beruf verstärkt. In Deutschland waren zuletzt 5,2 Millionen Menschen auf pflegerische Unterstützung angewiesen – in 25 Jahren dürften es 2,3 Millionen mehr sein. Die Rekrutierung von Pflege-Nachwuchs wird wahrscheinlich nicht mit dieser Entwicklung mithalten können: Während heute etwa 26.000 Menschen mehr neu in den Pflegeberuf einsteigen als aus Altersgründen ausscheiden, wird diese Arbeitsmarktreserve in fünf Jahren auf gut 5000 sinken.

Laut der Studie von 2023 gab es in Deutschland über 1,14 Millionen professionell Pflegende. Mehr als jede und jeder Fünfte von ihnen würde in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter erreichen. In jedem Bundesland müssten dann etwa 20 Prozent des Personals ersetzt werden – der Bedarf variiere zwischen 19,7 Prozent in Sachsen und 26,5 Prozent in Bremen.

Kipppunkte noch in diesem Jahrzehnt

«In einzelnen Bundesländern werden noch in diesem Jahrzehnt Kipppunkte erreicht, an denen deutlich mehr Pflegende in den Ruhestand gehen als Nachwuchskräfte in den Beruf einsteigen», so der Report. Klie erklärte es mit mangelnden flächendeckenden Investitionen in Pflegeausbildung, warum Bayern zu den Schlusslichtern bei der Gewinnung ausreichenden Pflege-Nachwuchses zähle. In Nordrhein-Westfalen hingegen sei ein Kipppunkt wegen starker öffentlicher Investitionen in die Ausbildung in der Vergangenheit nicht absehbar – allerdings gebe es auch hier regional auftretende Engpässe.

Klie hat einige Vorurteile über den Pflegeberuf ausgeräumt. Es handelt sich um den bestbezahlten nicht-akademischen Ausbildungsberuf. Im Jahr 2021 gab es auch so viele Pflege-Auszubildende wie nie zuvor. Trotz guter Ausbildungszahlen gibt es jedoch keinen ausreichenden Puffer gegen das Älterwerden der Belegschaften. Zuwanderung und Programme zum Wiedereinstieg ausgeschiedener Pflegekräfte sind wichtig – doch auch sie reichen nicht aus.

dpa