Mit einem ultrakonservativen Familienmodell und Hetze gegen sexuelle Minderheiten versucht der Kremlchef, den demografischen Niedergang aufzuhalten. Doch Russland verliert eine halbe Million Menschen pro Jahr.
Putins widersprüchlicher Kampf gegen den Bevölkerungsschwund

Großfamilien sollen in Russland zur Norm werden – zumindest, wenn es nach Präsident Wladimir Putin geht. «Erinnern wir uns, dass viele russische Familien, unsere Groß- und Urgroßmütter sieben, acht oder mehr Kinder hatten. Lasst uns diese vortrefflichen Traditionen pflegen und wiederbeleben», sagte der 71-Jährige. Beim Weltkonzil des Russischen Volkes Ende November rief er die jungen Menschen in Russland dazu auf, mehr Kinder zu bekommen.
Der seit fast einem Vierteljahrhundert regierende Putin sprach von «schwersten demografischen Herausforderungen», vor denen das Land stehe. In seiner Amtszeit hat sich die Bevölkerung Russlands nach Einschätzung des unabhängigen Demografieforschers Alexej Rakscha um etwa 6,5 bis 7 Millionen Menschen verringert. Dabei war Putin auch mit dem Ziel angetreten, den Schwund zu stoppen.
Laut Rakscha, einem Vertreter der Deutschen Presse-Agentur in Moskau, beläuft sich die derzeitige Bevölkerungszahl auf etwa 140 bis 140,5 Millionen, einschließlich der Krim, und ohne diese auf 137,5 bis 138 Millionen. Er betonte, dass diese Zahl weiterhin abnehmen werde. Bei anhaltendem Trend werde die Bevölkerung bis 2030 um weitere drei Millionen schrumpfen, so seine Prognose.
Zuwanderung aus dem armen Zentralasien
Die Zahlen spiegeln nicht das volle Ausmaß des Dilemmas wider. In all den Jahren hat Russland weiterhin von einer bedeutenden Zuwanderung aus den armen Ex-Sowjetrepubliken profitiert, insbesondere aus den zentralasiatischen Staaten Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan.
Nach der Eingliederung der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim im Jahr 2014 erhöhte sich die Bevölkerung um zusätzliche 2,5 Millionen Einwohner. Ohne diese Auswirkungen wäre der Bevölkerungsrückgang noch deutlich größer gewesen. Verteidigungsminister Sergej Schoigu verkündete Ende Dezember erfreut, dass die Bevölkerung Russlands durch die Annexion der vier ukrainischen Gebiete Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja im Rahmen von Putins Angriffskrieg um weitere fünf Millionen Menschen angewachsen sei.
Eine alternde und schrumpfende Bevölkerung hat jedoch verheerende Auswirkungen auf Russland. Die Arbeitskräfte im Land sind bereits jetzt nicht ausreichend. Die ungleiche Verteilung der Einkommen führt dazu, dass ganze Regionen veröden, insbesondere im Norden und Osten des Landes, den weiten Gebieten Sibiriens. Dies ist auch aus militärstrategischer Sicht gefährlich für den Kreml. Um den natürlichen Bevölkerungsrückgang auszugleichen, müssten laut einer Prognose der Demografen Waleri Jumagusin und Maria Winnik von der Moskauer Higher School of Economics bis zum Jahr 2100 jährlich zwischen knapp 400.000 und 1,1 Millionen Menschen einwandern.
Mutterkapital machte Mut zum zweiten Kind
Im Durchschnitt bringt eine Frau in Russland weniger als zwei Kinder zur Welt. Putin kann daher nur begrenzt als Vorbild für seine Enkelgeneration betrachtet werden, da der Kremlchef offiziell nicht sieben oder acht, sondern nur zwei Kinder hat.
Zeitweise konnte Putin tatsächlich Erfolge erzielen, indem er höhere Einkommen und eine größere soziale Sicherheit verzeichnete. Zusätzlich unternahm die russische Regierung bis etwa 2015 gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der demografischen Situation. Es wurden Kindergartenplätze geschaffen, das Gesundheitssystem wurde verbessert und der Kampf gegen Alkoholismus und Tabakkonsum wurde aufgenommen.
In jener Zeit habe Putin relativ effizient für die Steigerung der Geburtenraten und die Senkung der Sterberaten gesorgt, attestiert auch Rakscha. «Das Mutterkapital für das zweite und dritte Kind war die erfolgreichste Maßnahme», sagt er. Dieser finanzielle Anreiz wirkte tatsächlich bei vielen Familien als Motiv für die Geburt eines zweiten oder dritten Kindes.
Doch ab 2015 begannen die Probleme der Demografiepolitik. Damals wurde das Mutterkapital das letzte Mal inflationsbedingt angehoben. 2020 legte Putin fest, das Mutterkapital solle schon bei der Geburt des ersten Kindes ausgezahlt werden. «Damit hat er die Senkung der Effektivität vorprogrammiert, die jetzt gen Null strebt», meint Rakscha. Denn für die Geburt des ersten Kindes seien finanzielle Faktoren viel weniger entscheidend.
Soziale Lage hat sich verschlechtert
Außerdem hat sich die soziale Situation der Russen in den letzten zehn Jahren drastisch verschlechtert. Die russische Annexion der Krim und die darauf folgenden westlichen Sanktionen haben bereits den Lebensstandard der Russen beeinträchtigt.
Die anfangende Politik der Großmacht von Putin hatte mehr das Ziel, Territorien als das eigene Volk zu beeinflussen. Der Krieg gegen die Ukraine, der 2022 begann, zwingt nicht nur Hunderttausende junger Männer an die Front – von denen viele bereits gefallen sind – sondern hat auch einen Exodus der Unzufriedenen verursacht, die mit ihren Familien das Land verlassen haben. Insgesamt wird geschätzt, dass mehr als eine Million zeitweise oder dauerhaft außerhalb des Landes sind – obwohl es keine zuverlässigen Statistiken dazu gibt.
Die mit der Großmachtpolitik einhergehende Rückbesinnung auf die sogenannten traditionellen Werte und konservative Familienbilder konnten den Geburtenrückgang nicht aufhalten. So versuchte der Kreml auch – angestachelt von der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche – mit Gesetzen gegen Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten «traditionelle» Familienwerte zu etablieren. Sich durch gesellschaftlichen Druck in eine heterosexuelle Beziehung zu begeben und Kinder zu zeugen, hat in Russland eine lange Tradition. Dies wird international von Menschenrechtlern als gesellschaftsfeindlich kritisiert, zu Bevölkerungswachstum führt es nicht.
Recht auf Abtreibung wird beschnitten
Das Gleiche dürfte sich nun mit den Beschränkungen für Abtreibungen wiederholen. Seit Monaten wird in verschiedenen Regionen des Landes das Abtreibungsrecht der Frauen beschnitten. Sei es das Verbot für Privatkliniken, solche Operationen durchzuführen, seien es Gesetze, die die «Verleitung zur Abtreibung» unter Strafe stellen. Es gebe weltweit in den letzten 50 Jahren aber kein Beispiel dafür, dass Abtreibungsverbote dauerhaft die Geburtenraten anhöben, verweist Rakscha auf die Statistik.
In diesem Jahr wird nach Schätzungen der natürliche Bevölkerungsrückgang bei einer halben Million Menschen liegen. Aufgrund des imperialen Verhaltens seiner Führung hat Russland als Einwanderungsland auch bei den Nachbarvölkern deutlich an Attraktivität verloren. Vor zwei Jahren bezeichnete Putin den Bevölkerungsrückgang als eines der drängendsten Probleme Russlands. Durch den Abnutzungskrieg in der Ukraine hat er dieses Problem nur verschlimmert.








