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Radikalreformen: Milei schielt auf Nobelpreis

Daheim legt der «Anarchokapitalist» die Axt an den Sozialstaat. In Europa feiern ihn Liberale für die Rosskur. An mangelndem Selbstbewusstsein leidet der exzentrische Ökonom ohnehin nicht.

Milei will Argentinien mit einem radikalen Sparprogramm wieder auf Kurs bringen.
Foto: Šulová Kateøina/CTK/dpa

Mit seinem massiven Sparprogramm und dem radikalen Umbau des Wirtschaftssystems in seinem Heimatland will sich der argentinische Präsident Javier Milei offenbar für den Wirtschaftsnobelpreis empfehlen. «Zusammen mit meinem Chefberater Demian Reidel schreiben wir einen Großteil der Wirtschaftstheorie neu», sagte der ultraliberale Staatschef bei einem Besuch in der tschechischen Hauptstadt Prag. 

«Wenn wir es richtig machen, werde ich wahrscheinlich zusammen mit Demian den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten.» Auf seiner laufenden Europa-Tournee sammelte er in Spanien, Deutschland und Tschechien in den vergangenen Tagen drei Preise von liberalen Thinktanks ein. 

Mileis radikales Sparprogramm

Argentinien befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise. Das einst wohlhabende Land kämpft mit einem überdimensionierten Staatsapparat, niedriger Produktivität in der Industrie und einer umfangreichen Schattenwirtschaft, die dem Staat viele Steuereinnahmen entzieht.

Milei plant, die zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas durch ein radikales Sparprogramm wieder auf Kurs zu bringen. Tausende Stellen im öffentlichen Dienst wurden gestrichen, Subventionen gekürzt und Sozialprogramme abgewickelt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mahnte bei Mileis Besuch in Berlin die Sozialverträglichkeit der Reformen an.

56 Prozent leben unter der Armutsgrenze

Tatsächlich gibt es erste Erfolge. Zum ersten Mal seit langer Zeit ist der argentinische Staatshaushalt ausgeglichen und die Inflation ist deutlich zurückgegangen. Das hat jedoch seinen Preis: Die harten Maßnahmen drücken die Wirtschaftsleistung.

Die Wirtschaftsleistung sank im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,1 Prozent, wie Indec, die staatliche Statistikbehörde, berichtete. Laut der Katholischen Universität Argentiniens leben fast 56 Prozent der Bevölkerung in Argentinien unter der Armutsgrenze und etwa 18 Prozent in extremer Armut.

Der Wirtschaftsnobelpreis ist der einzige der Nobelpreise, der nicht auf das Testament von Dynamit-Erfinder und Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht. Er wird seit Ende der 1960er Jahre von der schwedischen Reichsbank gestiftet und zählt somit streng genommen nicht zu den klassischen Nobelpreisen. Trotzdem wird er gemeinsam mit den weiteren Auszeichnungen an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, feierlich überreicht.

dpa