Präsident Selenskyj hatte einen besonders schweren Luftangriff erwartet. Die Einschläge lagen gefährlich dicht an EU- und Nato-Gebiet. War Moskaus neue Mittelstreckenrakete im Einsatz?
Russland feuert ballistische Rakete auf Ukraine

Trotz laufender Friedensbemühungen hat Russland eine schwere ballistische Rakete auf die Westukraine an der Grenze zum EU- und NATO-Gebiet abgefeuert. Die ukrainische Luftwaffe gab bekannt, dass am Donnerstag um 23.30 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr MEZ) im gesamten Land Luftalarm ausgelöst wurde. Es bestand die Gefahr, dass eine ballistische Waffe vom russischen Testgelände Kapustin Jar abgeschossen wurde. Kurz darauf wurden Einschläge in der Region Lwiw verzeichnet.
Ein Objekt der kritischen Infrastruktur wurde angegriffen, schrieb Gebietsgouverneur Maksym Kosyzkyj auf Telegram. Ukrainische Militärblogs veröffentlichten angebliche Videos aus der Region, die sechs Einschläge hintereinander zeigen. Dies ähnelt dem Trefferbild von sechs Gefechtsköpfen der neuen russischen Mittelstreckenrakete Oreschnik (Haselstrauch).
Spekulationen über Mittelstreckenrakete Oreschnik
Offizielle Bestätigungen für den Einsatz dieser Rakete gab es nicht. «Ob das eine Oreschnik war, ist nicht bekannt», teilte der Bürgermeister von Lwiw, Andrij Sadowyj, mit. Darüber müsse das Militär informieren. Bewohner der Region beschrieben die lauten Einschläge wie viele Erdbeben hintereinander. Angaben zum Ziel wurden nicht gemacht. Doch im Gebiet Lwiw liegt der unterirdische Gasspeicher von Stryj, der schon mehrfach Ziel russischer Angriffe war.
Die Oreschnik, eine neue Mittelstreckenrakete laut russischen Angaben, wurde erstmals im November 2024 auf die südukrainische Großstadt Dnipro abgefeuert. Der Start erfolgte auch dieses Mal aus Kapustin Jar bei Astrachan in Südrussland. Nach ukrainischen Angaben enthielten die sechs Gefechtsköpfe damals keinen Sprengstoff. Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete es als Test und kündigte an, dass weitere folgen würden.
Westliche Militärs betrachten die Oreschnik als Fortentwicklung der russischen Interkontinentalrakete RS-26 Rubesch. Die Reichweite wird auf 2.000 bis 5.000 Kilometer geschätzt. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko sagt, Russland habe die Oreschnik mittlerweile auch in seinem Land stationiert.
Selenskyj warnte vor schwerem Angriff
Die Ukraine hatte einen schweren russischen Luftangriff erwartet. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte in seiner Abendansprache davor: «Es gibt Informationen, dass es heute Nacht einen neuen massiven russischen Angriff geben könnte.» Die Bürger sollten auf Luftalarm achten und sich in Schutzräume flüchten.
Die Hauptstadt Kiew wurde in der Nacht von Drohnenschwärmen angegriffen. Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von mindestens vier Toten und 19 Verletzten. Durch den intensiven Angriff wurde auch die wichtige Infrastruktur beschädigt. In einigen Stadtteilen ist die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen. Herabfallende Trümmerteile haben Schäden verursacht und Wohnhäuser in Brand gesetzt.
Die ukrainische Luftwaffe berichtete auch über Angriffe mit dem Marschflugkörper Kalibr vom Schwarzen Meer aus. Im Gegenzug griff die Ukraine Ziele in den russischen Regionen Belgorod, Orjol und St. Petersburg mit Kampfdrohnen an.
Harter Frost verschärft Nöte der Ukraine
Moskau versuche, die Ukraine im harten Frost besonders zu schädigen, sagte Selenskyj: «Russland setzt derzeit mehr auf den Winter als auf Diplomatie, auf ballistische Raketen gegen unsere Energieversorgung und nicht auf Arbeit mit Amerika und Vereinbarungen mit Präsident (Donald) Trump.»
Die Temperaturen sollen ab Freitag in der Ukraine fast überall unter den Gefrierpunkt fallen. In Kiew und im nördlichen Teil des Landes werden Tage lang zehn Grad Frost und mehr herrschen. Dies verschärft die ohnehin angespannte Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser. Nach einem Angriff in der Nacht zum Donnerstag erlebt das Gebiet Dnipropetrowsk den schlimmsten Blackout seit fast vier Jahren Krieg, mit Hunderttausenden Menschen ohne Strom. Bei einem Raketenangriff in der Stadt Krywyj Rih wurde eine Frau getötet und mindestens 23 Menschen wurden verletzt.
Russischer Schlag an der Nato-Außengrenze
Der Angriff mit russischen Raketen auf Ziele, die nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegen, könnte die laufenden Verhandlungen über eine Friedenslösung beeinflussen. Moskau hat bisher nicht auf die Abstimmung zu Sicherheitsgarantien und dem Wiederaufbau der Ukraine reagiert, die zwischen Kiew, den europäischen Staaten und den USA stattfindet.
Dabei sieht Selenskyj nach den jüngsten Gesprächen in Paris große Fortschritte zu einem bilateralen Dokument mit den USA über Sicherheitsgarantien für sein Land. Das Papier sei nun «im Grunde bereit» für die Fertigstellung auf der höchsten Ebene mit Präsident Trump, schrieb er in sozialen Netzwerken.
Berichte: Kreml-Unterhändler sprach in Paris mit Amerikanern
Russland wird in dem Gesprächsprozess von den USA auf dem Laufenden gehalten. Die französische Zeitung «Le Monde» berichtete, der Kreml-Unterhändler Kirill Dmitrijiew sei am Donnerstag in Paris gewesen, einen Tag nach dem Gipfel der Ukraine-Unterstützer in der Koalition der Willigen. Das US-Portal «Axios» schrieb unter Berufung auf informierte Quellen, Dmitrijew habe in der US-Botschaft in Paris mit den US-Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner gesprochen.








